Die Verhehlung - Kapitel 4
Die Stunde der Besinnung
Zu wacher Stunde in tiefer Nacht trägt niemand seine Tagesgestalt. Beschlossen wird in ihr nichts, und am Morgen ist das Gesagte oft dem Vergessen anheimgefallen.
Die behelfsmäßige Glocke der halbfertigen Kapelle schlug wie jede Nacht zur Zeit der Besinnung.
Ein leiser, einzelner Schlag, der sich in der Nachtstille über die Dächer von Waldheim legte. In jedem Hause regten sich die Schläfer mit der Ruhe eines Leibes, der seit jeher auf diesen Ruf eingestellt war.
Gewöhnlich war die Besinnung ein stiller Trost. Man entzündete eine Kerze, legte ein Scheit nach, saß eine Weile mit sich und dem Dunkel. Manche beteten, manche besserten Kleidung aus, manche sprachen leise mit ihren Ehegatten über das, was der Tag gebracht hatte und der nächste bringen würde. Doch in dieser Nacht war die Zeit der Besinnung anders. Die Luft trug eine Schwere, die sich nicht allein mit Worten erklären ließ, und wer zum Fenster trat, sah die drei Monde am Firmament stehen – silbern, violett und rötlich – ungewöhnlich nahe beieinander.
Nora kniete am Fensterbrett ihrer Kammer im Gasthaus zum Siebenrück, die Hände gefaltet, die Stirn gegen die kühlen Finger gelegt. Das Mondlicht fiel auf ihr silbernes Haar und gab ihm einen Schimmer, der an die Hallen von Zeruko Hiri erinnerte, an die großen Fenster des Hauses der Erinnerungen, durch die das Licht in farbigen Bahnen auf die Lesepulte fiel.
Sie betete. Nicht laut, nicht in den formelhaften Wendungen des Ordens, sondern in jenem stillen Zwiegespräch, das sie seit ihrer Kindheit pflegte, ein Hinhalten des Geistes, ein Öffnen, als lege man ein leeres Blatt vor das Höchste Sein und warte, ob etwas darauf geschrieben würde.
Doch heute Nacht schrieb sich etwas anderes auf dieses Blatt. Die Vision des Kristalls drängte sich zwischen ihre Gebete, ungebeten und doch nicht unwillkommen: die Frau mit dem dunklen Haar, die am Rande eines Bettes saß und leise schluchzte, den Blick in eine Ferne jenseits des Sichtbaren gerichtet. Die Stimme, die flüsterte: Meine Tochter wird zwischen beiden Welten stehen. Wie ich es tue. Und dahinter, aus den wenigen Erzählungen ihres Vaters zusammengesetzt, die kleine Kammer, die alten Bücher mit Zeichen, die niemand sonst im Hause verstand, und die leisen, traurigen Lieder am Fenster.
Nora öffnete die Augen und sah zum Himmel. Die drei Monde standen dicht beisammen, dichter, als sie es je gesehen hatte. Etwas in ihr rechnete unwillkürlich nach und fand nichts, was dies hätte vorhersagen können. Zwei der drei ließen sich berechnen. Der dritte hatte sich nie erklärt. Dass sie beieinanderstanden, war kein Zeichen, das man deuten konnte, sondern eines, das man nur ansehen durfte.
Barkuz’ silbernes Band schimmerte am Firmament, und sie dachte daran, was Marta gesagt hatte – dass die Grenzen zwischen den Welten während der Schattenruhe dünner werden. Galt das auch für die Besinnung? Gab es Augenblicke in der Nacht, in denen das, was getrennt war, einander näher rückte?
Ihre Mutter hatte zwischen beiden Welten gestanden. Die fünf Weisen hatten Brücken gebaut zwischen beiden Welten. Und nun kniete sie, Nora, Gelehrte des Hauses der Erinnerungen, in einem Dorf am Ende der bekannten Wege und spürte zum ersten Mal, dass die Ordnung, in der sie ihr Leben geführt hatte – Quellen, Archive, verbürgte Zeugnisse – nicht ausreichte, um zu fassen, was hier geschah.
Sie faltete die Hände fester, aus dem Bedürfnis, etwas festzuhalten, während sich in ihr etwas verschob, das sich in keinem Register fassen ließ.
Von unten, aus der Gaststube, drangen leise Geräusche herauf. Schritte, das Klirren eines Kruges, gedämpfte Stimmen. In der Besinnung suchten die Menschen einander, das wusste sie. In Zeruko Hiri saß man um diese Stunde in seiner Kammer und trank heißen Tee, oder verbrachte die Zeit mit seinen Liebsten im Gebet und vertrauter Gemeinschaft. Hier, in Waldheim, war es das Gasthaus, in dem man zusammenfand.
Sie lauschte. Die Stimmen wurden mehr.
In der Kammer unter dem Dach saß Duolmma auf dem Boden, die Trommel vor sich, die Augen geschlossen. Seine Fingerspitzen lagen auf dem Fell, als lausche er einem Herzschlag, der nicht der seine war.
Die Regelmäßigkeit der Besinnung kannte er nicht aus seiner Heimat. Dort, auf der Tundra der Lithi, gab es andere Rhythmen, die Nacht des Nordens, die sich über Wochen erstrecken konnte, und die Wachphasen, die der Leib sich selbst wählte, nicht nach einer Glocke, sondern nach dem Atem des Landes. Doch er verstand den Sinn. Der Leib brauchte diese Unterbrechung, dieses Auftauchen aus dem Dunkel, bevor er wieder hinabglitt.
Unter seinen Fingerspitzen vibrierte das Trommelfell. Nicht von seiner Berührung – von etwas anderem. Die Unruhe unter dem Hügel war stärker geworden seit dem Abend. Er spürte sie als dumpfes Pochen, als taste etwas an den Grenzen der sichtbaren Welt, suchend, drängend. Die fünf Gefangenen, die nach der Begegnung am Hügel in größere Aufruhr geraten waren. Und hinter ihnen, tiefer, kälter, das andere, der Schatten, der sich von Generationen des Schweigens nährte.
Duolmma öffnete die Augen. In der Sprache seines Volkes gab es keinen Unterschied zwischen dem Wort für „zuhören“ und dem Wort für „gehorchen“. Wer den Geistern zuhörte, folgte ihnen bereits. Und was er hörte, war unmissverständlich: Die Zeit des Wartens war vorüber. Was auch immer sie zu tun gedachten, es duldete keinen Aufschub mehr.
Er hörte die Stimmen aus der Gaststube. Auch andere waren wach. Auch andere spürten es.
Weland stand am offenen Fenster seiner Kammer und ließ den Nachtwind über seine Haut streichen. Die Luft trug den Geruch des Vorfrühlings – feuchte Erde, das herbe Aroma von Winterheide, darunter, kaum wahrnehmbar, der erste süße Hauch schwellender Knospen. Vor Wochen noch hätte er diese Gerüche voneinander unterschieden, sie benannt, sich an ihnen erfreut. Nun waren sie mehr als das. Sie waren Stimmen.
Was seit Waldheim in ihm wuchs, war nicht dasselbe wie das, was immer da gewesen war. Einst war es leise und gleichmütig gewesen, ein Grundton, auf den er nicht hätte achten müssen. Jetzt drängte es. Er wusste nicht, ob es aus ihm kam oder aus dem Land, auf dem er wandelte.
Die Erde unter dem Dorf sprach zu ihm. Nicht in Worten – in Empfindungen, die sich seinem Verstand entzogen und sich stattdessen in seinen Leib schrieben. Er spürte die Wurzeln der Bäume am Waldrand, wie sie sich durch den kalten Boden tasteten, den ersten Säften des Frühlings entgegen. Er spürte den Brunnen auf dem Dorfplatz, dessen Wasser aus einer Tiefe kam, in der die Zeit anders lief.
Und er spürte den Hügel. Eine Narbe, über Generationen so oft wieder aufgerissen, dass das Gewebe darunter nicht mehr wusste, wie Wachsen ging. Was von dort ausging, war kein Gift und keine Bosheit; es war ein Mangel, eine Stelle, an der die Erde nichts weitergab, weil ihr nichts gegeben worden war. Seit dem Riss reichte er bis in die Luft.
Weland hob die Hände und betrachtete sie im Mondlicht. Er bewegte die Finger, und die Geschmeidigkeit, die in seinen Gliedern lag, war nicht mehr die eines Menschen, der gelernt hat, sich leise zu bewegen. Es war wie das Wehen des Windes, wie ein Blatt, welches auf sanften Bahnen seinen Weg zum Boden suchte.
Er fragte sich, ob er am Morgen noch derselbe sein würde. Ob es einen Punkt gab, an dem die Wandlung aufhörte, oder ob sie ihn weitertragen würde, über jede Grenze hinaus, die er kannte.
Der Wind frischte auf, und Weland wandte den Kopf dem Hügel zu. Dort, unter der Erde, rührte sich etwas. Nicht die Weisen, deren Unruhe er als traurig empfand, als verzweifelt hoffend. Nein, etwas anderes. Ein Schatten. Und zum ersten Mal spürte Weland, dass der Schatten auch ihn wahrnahm. Dass etwas aus der Tiefe des Hügels heraufblickte und ihn sah, so wie er es sah.
Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, und die Linien auf seinen Armen schienen sich für einen Herzschlag zusammenzuziehen, als wehre sich etwas in ihm gegen diese Berührung.
Von unten drangen die Stimmen der Dorfbewohner herauf. Weland wandte sich vom Fenster ab. Es war Zeit, hinabzugehen.
In Eadgards Haus brannte eine einzelne Kerze auf dem Tisch neben Milas Bett. Das Kind schlief, zum ersten Mal seit Tagen ruhig, das Gesicht entspannt, die kleinen Hände auf der Decke gefaltet. Das Fieber war gewichen, als hätte die Wahrheit, die am Hügel ausgesprochen worden war, es fortgetrieben.
Eadgard saß neben ihr, die Ellbogen auf die Knie gestützt, das Gesicht in den Händen. Er hatte nicht geschlafen. In seinem Kopf kreisten die Bilder des Abends, die Stimmen aus dem Hügel, Milas klare Stimme, die aussprach, was er nicht hatte hören wollen. Es ist der Schatten. Er hasst und hasst und hasst.
Sein ganzes Leben hatte er dieses Geheimnis gehütet, so wie sein Vater es gehütet hatte und dessen Vater vor ihm. Man sprach nicht über den Hügel. Man grub nicht nach. Man hielt die Erinnerung unter der Erde, wo sie hingehörte, und hoffte, dass sie dort verrottete. Das war die Pflicht, die seine Familie über die Generationen weitergegeben hatte, und er hatte sie erfüllt mit der Sturheit eines Mannes, der es nicht anders kennt.
Doch Mila hatte gesprochen. Sein letztes Licht, sein letzter Grund, die Mauern aufrechtzuhalten – gerade dieses Kind hatte die Wahrheit benannt, die er nie hatte aussprechen wollen. Und als sie es tat, war das Fieber gewichen. Als hätte die Lüge selbst sie krank gemacht.
Eadgard sah auf seine Hände. Hände, die gewebt hatten, ein ganzes Leben lang. Kette und Schuss, Ordnung und Muster. Hände, die wussten, dass ein Faden, der falsch liegt, das ganze Gewebe verzerrt. Er hatte den falschen Faden sein ganzes Leben lang mit eingewebt und das Muster für richtig gehalten.
Mila drehte sich im Schlaf, murmelte etwas Unverständliches, und für einen Augenblick glitt ein Lächeln über ihr Gesicht, das Lächeln eines Kindes, das sicher ist, dass jemand über es wacht.
Eadgard stand auf. Er trat ans Fenster und sah hinüber zum Gasthaus, wo Licht in den Fenstern der Gaststube brannte. Er sah die Schatten der Menschen darin, hörte ihre Stimmen in der Ferne.
Er zögerte noch, die Hand auf dem Fensterrahmen, der Blick auf dem Hügel jenseits der Dächer. Dann wandte er sich um, legte die Hand auf Milas Stirn – kühl, Ehre sei dem Höchsten, kühl – und griff nach seinem Mantel.
Die Gaststube des Siebenrück war zur Besinnung stets geöffnet, ein alter Brauch, den Gerwins Familie seit Anbeginn pflegte. Warmer Kräutersud stand auf der Anrichte, das Feuer im großen Kamin wurde zu dieser Stunde nie ganz herabgebrannt, und wer in der Nacht nicht allein sein wollte mit seinen Gedanken, fand hier einen Platz und ein Licht.
In dieser Nacht war die Stube voller als je zuvor.
Nora kam als Erste der drei Fremden die Treppe herab. Was sie vorfand, ließ sie auf der untersten Stufe innehalten. An den langen Tischen saßen Dorfbewohner – nicht die wenigen, die sonst zur Besinnung den Weg hierher fanden, sondern Dutzende. Haldor und Marit, die Hände ineinander verschlungen, als gäbe ihnen die Berührung Halt. Gerwin, der zwischen den Tischen umherging und schweigend Becher füllte. Johen, der Schmied, in seinem Winkel, das Gesicht grau vor Müdigkeit. Frauen mit Tüchern um die Schultern, Männer in hastig übergeworfenen Mänteln. Manche hatten ihre Kinder mitgebracht, die an sie geschmiegt schliefen oder mit großen Augen in die Kerzen starrten. Irgendwo unter den Bänken sang eines halblaut vor sich hin, wie Kinder singen, wenn sie sich langweilen und nicht gescholten werden wollen. Seine Mutter legte ihm die Hand auf den Mund, rascher, als nötig gewesen wäre, und sah sich um, ob jemand es gehört hatte.
Niemand sprach laut. Es war, als habe die Besinnung ihre übliche Stille bewahrt, doch statt der Ruhe des Gewohnten war es die Stille eines Wartens, das keinen Namen hatte.
Duolmma folgte kurz darauf, die Trommel am Gürtel. Er blieb in der Tür stehen und musterte die Gesichter, eines nach dem anderen, und Nora sah, wie sein Blick sich verdunkelte.
Weland kam zuletzt, und als er die Treppe herabstieg, verstummte das wenige Gemurmel vollends. Nicht aus Furcht – obgleich manche unwillkürlich zurückwichen –, sondern weil seine Gegenwart den Raum veränderte. Der grünliche Schimmer in seinen Augen war im Halbdunkel der Stube deutlicher als am Tage, und die Linien auf seiner Haut, dort wo sie unter dem Ärmel hervortraten, schimmerten im Feuerschein.
Gerwin stellte drei Becher auf den Tisch beim Fenster und deutete dorthin, als wäre der Platz für sie freigehalten worden, obgleich es keine Absprache gegeben hatte.
Nora setzte sich, und um sie herum ordneten sich die Dorfbewohner, ohne dass jemand es anwies. Stühle rückten, bis alle Bänke zum Fenstertisch hin standen.
Es war Johen, der als Erster sprach. „Ich habe kein Auge zugetan“, sagte er, und die Stimme war rauer noch als sonst. „Was ich am Hügel gesehen habe – was wir alle gesehen haben –“ Er stockte, suchte nach Worten. „Es lässt einen nicht los. Es dreht sich im Kopf, immer und immer.“
Ein Raunen lief durch die Stube. Viele nickten.
„Die Kinder“, sagte eine Frau, deren Namen Nora nicht kannte, mit brüchiger Stimme. „Mein Jüngster hat wieder geredet im Schlaf. Von Stimmen unter der Erde, von Weinen. Ich halte das nicht mehr aus. Irgendetwas muss geschehen.“
Nora legte die Hände auf den Tisch und sprach, wie sie vor den Gelehrten des Hauses gesprochen hatte. „Etwas ist bereits geschehen. Am Hügel wurde eine Wahrheit ausgesprochen, die Generationen lang verborgen lag. Und die Wirkung war spürbar: Milas Fieber ist gewichen. Doch eine einzelne Wahrheit reicht nicht. Was unter dem Hügel liegt, ist nicht allein Erinnerung. Es ist ein Gefängnis, und der Gefängniswärter ist noch nicht überwunden.“
„Was meint Ihr damit?“, fragte Haldor, die Stirn gefurcht. „Wovon sprach die Kleine, dieses Schattenwesen?“
Nora sah zu Duolmma, der neben ihr stand und an seinem Becher roch, ohne zu trinken. Er hob den Blick, als spüre er ihren stummen Ruf.
„Das Wesen hinter Aldrich“, sagte Duolmma langsam. Jedes Wort kam bedächtig, als wähle er aus einem zu kleinen Vorrat. „Kein Geist. Kein Mensch. Etwas anderes. Es hat Aldrich benutzt. Wie ein Werkzeug.“ Er machte eine Geste, als greife eine Hand nach einer Axt. „Und es ist noch dort. Unter dem Hügel. Bei den Fünf. Es isst ihr Leid.“ Er sah in die Gesichter der Dorfbewohner. „Und eure Furcht.“
In der folgenden Stille vernahm man einzig das Knistern des Feuers.
„Ihr verlangt, dass wir uns dem stellen“, sagte der alte Wilfried vom hinteren Tisch, seine knorrige Hand um den Becher geklammert. Es war keine Frage.
„Ich verlange nichts“, sagte Duolmma. „Aber die Kinder werden nicht gesund. Nicht von allein. Das Ding will nicht, dass sie gesund werden.“
Weland, der am Fenstertisch stand und die Handfläche flach auf das Holz gelegt hatte, als lausche er dem Tisch selbst, hob nun den Kopf. „Die Erde unter dem Hügel ist vergiftet“, sagte er knapp. „Seit Generationen. Das Gift sickert in alles, in den Boden, die Brunnen, die Träume der Kinder. Es wird schlimmer, nicht besser. Die Zeit des Wartens ist vorbei.“
Seine Worte fielen schwer in den Raum, und niemand widersprach.
„Was also sollen wir tun?“, fragte Gerwin. Der Wirt stand hinter seiner Anrichte, die Hände auf dem Holz, als stütze er sich darauf. „Hinaufgehen zum Hügel und – was? Beten? Graben? Kämpfen?“
Nora ordnete in ihrem Geist, was sie wusste. Die Chronik, das Tagebuch, die Vision, Duolmmas Wanderung, die Begegnung am Hügel – alle Fäden liefen auf einen Punkt zu, doch dem Bild, das sie formten, schien noch etwas zu fehlen.
„Wir kennen nun die Tat und den Täter“, sagte sie. „Wir wissen, dass Aldrich die Fünf nicht einfach tötete, sondern in einem Zustand zwischen Sein und Nichtsein gefangen hielt, und dass ein Wesen ihn dazu lenkte, das sich von diesem Zustand nährt. Was wir noch nicht wissen, ist, wie der Bann gebrochen werden kann.“ Sie sah zu Duolmma. „Keine der Traditionen, die wir kennen, hat eine fertige Antwort darauf.“
Duolmma nickte langsam. „Bei meinem Volk kennen die Noaidi Wege. Einen Geist … lösen.“ Er suchte nach einem besseren Wort und blieb bei diesem. „Aber das hier ist kein gewöhnlicher Geist.“ Die Hände bewegten sich, als zeichne er etwas in die Luft. „Es ist an den Ort gebunden. Wie die Fünf. Aber es wehrt sich. Gegen uns.“
„Dann ist es aussichtslos“, warf jemand in den Raum.
„Nein“, sagte Weland, und sein Ton ließ keinen Widerspruch zu. „Nicht aussichtslos. Aber es verlangt mehr als einen einzelnen Weg.“ Er sah Nora an, dann Duolmma. „Die Fünf wurden vernichtet, weil sie Brücken bauten. Vielleicht ist es eine Brücke, die sie befreien kann.“
Nora verstand, was er meinte, bevor er es aussprach. „Die Traditionen zusammenbringen“, sagte sie leise. „Nicht verschmelzen, aber zusammenwirken lassen. Das, was die Fünf versuchten.“
„Das, wofür sie starben“, ergänzte Weland.
Haldor hatte sich erhoben, seine breite Gestalt aufrecht, die Hand noch immer auf Marits Schulter.
„Mein Sohn“, sagte er, und seine Stimme war rau, „hat heute Abend Dinge gesagt, die kein Kind sagen sollte. Er sprach von den Fünf, als kenne er sie persönlich. Er sagte, sie warteten. Dass es bald geschehen müsse.“ Er schluckte. „Ich bin ein Zimmermann. Ich verstehe Holz und Nägel, nicht Geister und Visionen. Aber wenn mein Sohn mir sagt, dass etwas geschehen muss, dann glaube ich ihm. Denn er hat noch nie gelogen, auch nicht über die Dinge, die nur er sieht.“
Marit neben ihm nickte.
Niemand sagte zu, und niemand widersprach. Doch die Leute saßen anders als eine Stunde zuvor, weiter vorn auf den Bänken, und keiner der Männer, die zur Tür hin saßen, sah mehr zur Tür.
In diesem Augenblick ging die Tür auf, und Eadgard trat über die Schwelle.
Er blieb stehen, als er die Menge sah. Sein Blick glitt über die Gesichter, und Nora bemerkte, dass er anders aussah als am Hügel – nicht weniger zerrissen, aber stiller, als habe die Nacht die schärfsten Kanten seines Zornes abgeschliffen. Er trug keinen Mantel der Überzeugung. Er trug den Mantel eines Mannes, der nicht schlafen konnte.
Niemand sprach. Alle sahen ihn an.
Eadgard ging zum Tisch, nahm sich einen Becher vom Rand der Anrichte und füllte ihn schweigend. Dann setzte er sich, nicht an den Rand, nicht abseits, sondern mitten unter die anderen, als gehöre er dorthin, obgleich er gestern noch auf der anderen Seite gestanden hatte.
„Mila schläft“, sagte er. Mehr nicht.
Doch es war genug. Gerwin stellte ihm einen zweiten Becher hin, ungefragt, und das Gespräch nahm seinen Lauf wieder auf, als hätte Eadgards Anwesenheit einen Knoten gelöst, den niemand hatte benennen können.
Es war Marta, die den Faden aufnahm. Sie war leise durch die Hintertür gekommen, irgendwann während des Gesprächs, und saß nun in der Ecke beim Kamin, als sei sie schon immer dort gewesen.
„Was ihr vorhabt“, sagte sie, „ist kein Ritual, das man in einer Nacht ersinnt. Die Fünf waren weise, und sie brauchten Jahre, um ihre Brücken zu bauen. Doch die Fünf hatten etwas, das wir hier in diesem Raume ebenso besitzen.“ Sie ließ den Blick wandern – über Nora, Duolmma, Weland, über die Dorfbewohner, über Eadgard. „Verschiedene Wege, die einander nicht ausschließen.“
„Was heißt das – für den Morgen?“, fragte Gerwin.
Nora richtete sich auf und ordnete es, während sie sprach. „Es heißt, dass jeder von uns etwas beitragen kann, das der andere nicht besitzt. Duolmma kennt die Wege der Noaidi: die Sprache der Geister, die Trommel, die Wanderung. Weland trägt etwas in sich, das mit dem Land selbst verbunden ist, tiefer als Worte reichen. Und ich –“ Sie zögerte, und etwas in ihrer Stimme war anders als zuvor, weniger sicher, aber aufrichtiger. „Ich kenne die Schriften. Die Quellen. Die Sprache, in der Aldrich sein Ritual niederlegte. Vielleicht liegt in dem, was er schrieb, auch der Schlüssel, es rückgängig zu machen.“
„Und wir?“, fragte Wilfried. „Was können wir beitragen, die wir weder trommeln noch lesen noch – Bäume spüren?“
Es war Eadgard, der antwortete. Nicht laut, leise, als koste ihn jedes Wort Überwindung.
„Aufhören zu schweigen“, sagte er. „Das ist es, was wir beitragen können.“ Er sah in seinen Becher, als stünde dort etwas geschrieben. „Generationen lang haben wir die Wahrheit unter die Erde gedrückt. Haben sie zugeschüttet und die Kinder gelehrt, nicht zu graben. Vielleicht –“ Er brach ab, schüttelte den Kopf. „Vielleicht hat genau das den Bann am Leben gehalten. Unser Schweigen.“
Stille. Dann, leise, Martas Stimme aus der Ecke: „So ist es.“
Das Feuer im Kamin warf flackernde Schatten an die Wände der Gaststube. Draußen lag die Nacht still über Waldheim, und die drei Monde standen noch immer dicht beieinander.
Gerwin war gerade dabei, die Becher erneut zu füllen, als er innehielt, den Krug in der Hand, den Blick zum Fenster gewandt.
„Hat jemand –“, begann er und brach ab.
Nora folgte seinem Blick. Draußen, jenseits der trüben Scheiben, bewegte sich etwas. Nicht der Wind, nicht ein Tier. Ein Schatten, der keine erkennbare Quelle hatte, ein Verdunkeln, das über die Fensterfront glitt, langsam, als taste etwas die Wände des Hauses ab.
„Ich sehe es auch“, sagte Haldor leise. Seine Hand hatte sich um die Lehne seines Stuhls geschlossen.
Weland war bereits am Fenster. Sein Blick war nach draußen gerichtet, doch seine Augen sahen etwas anderes als das, was die gewöhnlichen Blicke der Dorfbewohner wahrnahmen. Sein Atem ging schneller.
„Es weiß, dass wir hier sind“, sagte er. „Es hört uns.“
Ein zweiter Schatten glitt über das Fenster, dann ein dritter. Kein Geräusch begleitete sie, und doch spürte jeder im Raum eine Veränderung, eine Schwere, die sich über die Stube legte, ein Druck auf der Brust.
Eines der Kinder, das an seine Mutter geschmiegt geschlafen hatte, begann leise zu wimmern.
„Es will uns Angst machen“, sagte Duolmma, und seine Stimme war ruhig, obgleich seine Hand zur Trommel gegriffen hatte. „Angst ist sein Essen. Wenn wir –“
Die Tür der Gaststube schlug auf.
Im Türrahmen stand ein Kind. Es war ein Mädchen, barfuß auf den kalten Steinen, das dünne Nachthemd an den schmalen Leib gepresst, als habe es der Wind bis hierher geweht. Nora erkannte es nicht, doch Gerwin wich hinter seiner Anrichte zurück und stieß einen erstickten Laut aus.
„Winda“, flüsterte er. „Das ist die Kleine des Köhlers. Die wohnen ganz draußen, beim Waldrand –“
Das Kind stand reglos. Die Augen waren offen und sahen nichts, was in diesem Raum war. Die Pupillen waren geweitet, so groß, dass das Braun der Iris beinahe verschwunden war, und der Mund stand einen Spalt offen.
Marit war die Erste, die sich erhob. „Das Kind schläft“, sagte sie. „Es läuft im Schlaf. Fasst es nicht an.“
Winda hob den Kopf, langsam, wie Schlafende sich bewegen. Dann öffnete sie den Mund, als wolle sie etwas sagen, die Augen noch immer blicklos.
Duolmma trat vor, langsam, die Trommel in beiden Händen, und begann zu schlagen. In jenem leisen, stetigen Rhythmus, den er in seiner Wanderung gefunden hatte. Er tat es, wie man in einem dunklen Stall zu einem Pferd spricht: nicht, um etwas zu vertreiben, sondern damit etwas anderes im Raum ist als die Stille.
„Du bist hier nicht willkommen“, sagte Duolmma. Es waren die ersten Worte, die er in dieser Sprache sagte, ohne vorher nach ihnen zu suchen. „Dieses Kind gehört dir nicht.“
Weland ging zu ihr. Er tat nichts weiter. Er ging in die Hocke, so dass sein Gesicht auf der Höhe ihres Gesichtes war, und blieb dort, ohne sie anzufassen, und wartete.
Winda schwankte. Sie sackte zusammen, und Marit war da und fing sie auf, ehe sie den Boden berührte. Marits kundige Hände tasteten ihren Hals und ihre Stirn.
„Sie lebt“, sagte Marit. „Ihre Seele ist in Aufruhr, aber sie lebt. Das Fieber –“ Sie hielt inne, die Finger auf der Stirn des Kindes. „Es brennt. Heißer als bei den anderen.“
Marta war bereits neben ihr, hatte die Kräuter aus ihrem Beutel geholt, den sie stets bei sich trug. Sie legte dem Kind ein Tuch auf die Stirn, das nach Mädesüß und etwas Bitterem roch, und murmelte Worte in einer Sprache, die älter war als das Aus’Harringische und fließender als das Argitarische, Worte der Alten Pfade, die in diesem Raum noch nie laut gesprochen worden waren und die doch niemandem fremd klangen.
Weland richtete sich langsam auf. Er war blass, und die Hände zitterten ihm.
Eadgard stand mitten im Raum, ohne dass es jemand bemerkt hätte.
„Das“, sagte er, und seine Stimme war rau, „ist es, wovor ich Mila schützen wollte. Wovor mein Großvater mich schützen wollte.“ Er sah auf Winda hinab, das fiebernde Kind in Marits Armen, und dann auf seine eigenen Hände, die Weber-Hände, die ein ganzes Leben lang das falsche Muster gewebt hatten. „Aber der Schutz hat nicht gewirkt. Hat nie gewirkt. Das Schweigen hat das Ding nicht schwächer gemacht. Es hat es genährt.“
Er sah Nora an. Dann Duolmma. Dann Weland. „Was braucht ihr? Am Morgen. Was braucht ihr von uns?“
„Euren Mut“, erwiderte Nora. „Und eure Stimmen. Denn das Schweigen muss gebrochen werden, und das können nicht drei Fremde allein.“
Johen hob den Kopf. „Der Spalt“, sagte er. „Der geht tiefer, als er aussieht. Ich war gestern oben und habe einen Stein hineingeworfen, und ich habe ihn nicht aufkommen hören.“ Er sah in die Runde, als erwarte er Widerspruch, und bekam keinen. „Da ist ein Hohlraum drunter. Wenn wir nachsehen wollen, dann da.“
Gerwin räusperte sich. „Dann – bei Tagesanbruch? Am Hügel?“
Einer nach dem anderen nickte, und wer nicht nickte, sagte zumindest nichts dagegen.
Marta stand auf und sah in die Runde. „Bringt das Mädchen zu meinem Haus und gebt ihren Eltern Bescheid“, sagte sie. „Ich werde bei ihr wachen. Die Kräuter werden das Fieber in Zaum halten, bis –“ Sie ließ den Satz unvollendet.
Haldor und Marit trugen Winda hinaus, gefolgt von Marta. Die Dorfbewohner begannen sich zu erheben, leise, einer nach dem anderen, und gingen in die Nacht hinaus, die nun klarer war als zuvor. Zwischen den Dächern schimmerte Barkuz’ silbernes Band, fern, still und unergründlich.
Eadgard ging als Letzter. An der Tür hielt er inne und wandte sich noch einmal um. Sein Blick fiel auf Weland, der wieder am Fenster stand, die Hand auf dem Holz, als könne er sie nicht lösen.
Eadgard nickte langsam. Dann ging er, ohne ein weiteres Wort, hinaus in die Nacht, zu seinem Haus, zu seiner schlafenden Enkelin.
Die Gaststube war leer geworden. Das Feuer im Kamin war herabgebrannt zu einem Bett aus Glut, das den Raum in ein schwaches, rötliches Licht tauchte. Auf den Tischen standen die Becher, halb geleert und vergessen.
Nora, Duolmma und Weland blieben zurück.
Eine Weile saßen sie schweigend beisammen. Drei Menschen aus drei Richtungen der Welt, die an einem Tisch saßen, in einem Dorf, das sie vor wenigen Tagen nicht einmal dem Namen nach gekannt hatten.
Duolmma war der Erste, der sprach. Er saß mit dem Rücken zur Wand, die Trommel auf den Knien, und drehte sie langsam zwischen den Händen, als prüfe er ihr Gewicht.
„Ich weiß nicht, ob es reicht“, sagte er. „Was wir haben. Was wir können.“ Er schüttelte den Kopf. „Bei meinem Volk: Wenn ein Noaidi vor einen Geist tritt, dann weiß er vorher, wer da ist. Hier …“ Die Hände zeichneten eine Geste der Leere. „Hier weiß ich nichts.“
Nora legte ihre Hand auf den Tisch, die Finger gespreizt, als ordne sie unsichtbare Blätter. „Wir wissen mehr, als du denkst“, sagte sie leise. „Wir kennen die Tat. Wir kennen das Werkzeug, den Dolch, der Licht verschlang. Wir kennen die Sprache, in der das Ritual niedergelegt wurde.“ Sie sah auf ihre Hand. „Was wir nicht kennen, ist die Antwort auf das Ritual. Was es rückgängig machen könnte.“
„Vielleicht gibt es keine Antwort“, sagte Duolmma. „Keine fertige. Vielleicht muss sie erst werden. Aus dem, was wir zusammen sind.“
Weland hatte die Augen geschlossen und den Kopf an die Wand gelehnt. Als er sprach, war seine Stimme so leise, dass die beiden anderen sich vorbeugen mussten, um ihn zu verstehen.
„Als ich vor dem Kind hockte“, sagte er, „habe ich gewartet, dass mich etwas ansieht. Ich war darauf gefasst.“ Er öffnete die Augen. „Es hat mich nichts angesehen. Da war nur ein Mädchen, das im Schlaf wandelt, und der Boden unter dem Haus, und ich, der auf etwas wartet.“ Er schwieg einen Augenblick. „Und trotzdem war der Raum schwerer, als er sein sollte. Ich kann es nicht zusammenbringen.“
„Eadgard hat es vorhin ausgesprochen“, sagte Nora, und etwas in ihr legte sich zurecht. „Dass ihr Schweigen den Bann am Leben gehalten hat. Wenn das stimmt, dann brauchen wir dort oben kein Ritual. Keinen Gegenspruch, keinen Gegenzauber. Dann brauchen wir das, wovon es nicht lebt.“
Weland nickte. „Wahrheit. Zusammengeführt. Aus verschiedenen Mündern.“
Duolmma schlug einmal auf die Trommel, leise, ein einzelner Ton, der im stillen Raum nachhallte.
„Dann gehen wir“, sagte er. „Am Morgen.“
Die Besinnung neigte sich ihrem Ende zu. Die Glocke der Kapelle würde nicht ein zweites Mal schlagen – ihr Schweigen war das Zeichen, dass die Stunde des Wachens vorüber war und der zweite Schlaf begann. Draußen lag Waldheim noch immer still unter den drei Monden.
Sie erhoben sich, und auf dem Weg die Treppe hinauf, jeder zu seiner Kammer, hielt Duolmma auf dem Absatz inne. Er sah die beiden anderen an und lächelte, ein seltenes Lächeln, das sein Gesicht verwandelte.
„Bei meinem Volk“, sagte er, „gibt es ein Wort für diese Stunde. Für die vor dem Aufbruch.“ Er suchte, gab es auf und schlug stattdessen zweimal mit dem Handballen gegen das Fell der Trommel, kurz und hart, so wie ein Mensch aufsteht, wenn es Zeit ist. „So.“ Dann verschwand er in seiner Kammer.
Nora blieb einen Augenblick im dunklen Flur stehen. Durch das schmale Fenster am Ende des Ganges sah sie den Hügel, kaum mehr als ein Schatten gegen den Nachthimmel. Barkuz’ silbernes Band schimmerte darüber, fern und still.
Sie legte die Stirn gegen das kühle Glas und schloss die Augen. Noch einige Stunden. Noch ein Schlaf zwischen ihr und dem, was kommen würde.
Als sie sich abwandte, sah sie Weland in seiner offenen Tür stehen. Er lehnte am Rahmen, den Blick zum Fenster gerichtet, die Hände an den Seiten. Der Wind, der durch einen Spalt hereinwehte, trug den Geruch von feuchter Erde und Winterheide.
„Schlaf“, sagte er leise. „Was auch kommt, es kommt nicht heute Nacht.“
Nora nickte und trat in ihre Kammer. Die Kerze auf dem Tisch war herabgebrannt, nur noch ein Stummel in einer Pfütze aus Wachs. Sie löschte ihn nicht. Sie legte sich auf das schmale Bett, den Mantel als Decke über die Schultern gezogen, und lauschte in die Stille, die sich über Waldheim senkte, als das Dorf in den zweiten Schlaf fiel, jenen tieferen, traumloseren Schlaf, der auf die Besinnung folgte und bis zum Morgenwerk währte.
Irgendwo am Waldrand regten sich die kahlen Kronen der Bäume im Wind, und Weland, in seiner Kammer nebenan, vernahm sie – nicht als Rauschen, sondern als etwas, das einem leisen Zuspruch glich.
Die Nacht hielt noch einige Stunden inne.