Die Verhehlung IV - Keimende Verwandlung
Kapitel 3
Jede Wandlung beginnt als Riss – im Boden, in einem Menschen, es macht keinen Unterschied. Was hindurchwächst, trägt keinen Namen, ehe es da ist, und wer sich wandelt, merkt es zuletzt.
Zur Besinnung saß Duolmma auf den Dielen seiner Kammer, die Trommel neben sich, und dachte in seiner eigenen Sprache, wie er es nur zu dieser Stunde tat. Es war eine Erleichterung, die er niemandem zu erklären vermochte: Den ganzen Tag über tastete er nach fremden Wörtern und griff daneben, und wer ihn sprechen hörte, hielt ihn für langsam. Hier, im Dunkeln, war er es nicht.
Er dachte an die Bäume. Daheim wuchs, was die Kälte duldete: gerade, schmal, mit Abstand. Hier stand alles zu dicht, zu schwer, zu satt; im Frühjahr würde das Laub ausschlagen und den Himmel zumachen – den Menschen hier schien das nichts auszumachen. Sie bauten ihre Häuser dicht an dicht wie ihre Bäume und blieben darin. Ein Mensch aus seinem Sidd wäre daran erstickt.
Unter ihm in der Stube schob jemand eine Bank zurecht. Ein Kessel wurde aufgesetzt. Duolmma verstand nicht, was gesprochen wurde, aber das musste er auch nicht.
Er legte die Hand auf das Fell der Trommel, ohne zu schlagen, so wie man einem Tiere die Hand auflegt, das mit einem gegangen ist. Dann wartete er das Ende der Stunde ab und legte sich wieder hin.
Am nächsten Morgen trug der Wind die Nachricht durch Waldheim, von Schwelle zu Schwelle, von Mund zu Ohr: Weitere Kinder waren in der Nacht vom Fieber befallen worden. Der kleine Ceorl, Sohn des Bäckers, war mit glänzenden Augen erwacht und phantasierte von „Weisen in weißen Gewändern, die keinen Schlummer finden können“. Die alte Bertha hatte ihre Enkelin Yrsa gefunden, wie sie mit angstverzerrtem Antlitz rief, sie vernehme „die Weisen weinen in den Tiefen der Erde“.
Ein seltsam drückender Tag lag über Waldheim, obgleich der Himmel in scharfem Blau prangte, wo Kaldaz und Dagaz ihre Bahnen zogen. Doch die Menschen gingen gebeugt, und ihre Stimmen wurden leiser, wenn sie einander auf der Straße begegneten.
Die drei Fremden traten über die Schwelle des Gasthauses und gewahrten sogleich, dass die Nacht eine Wandlung gebracht hatte. Die Menschen hatten sich in Gruppen zusammengefunden, ihre verstörten Blicke zum Hügel gewandt. Dort, in der kahlen Erde, hatte sich über Nacht ein Spalt aufgetan, ein Riss, tief genug, dass man die schwarze Erde darunter erkennen konnte.
„Dort“, deutete Duolmma, „ist etwas aufgebrochen. In der Nacht.“ Er suchte nach dem Worte. „Wie ein Siegel, das … birst.“
Weland betrachtete seine Hände. Feine Linien hatten sich in seine Handflächen gezeichnet, kaum sichtbar, zart wie die Maserung jungen Holzes.
„Das Land wird unruhig“, sprach er mit gedämpfter Stimme. „Die Erde träumt schlecht.“
Sie gingen vorbei an Dorfbewohnern, die ihnen teils zornige, teils hoffnungsvolle Blicke zuwarfen. Aus dem Spalt im Hügel stieg ein Dunst empor, feucht und alt, als sei lange unberührte Erde der Luft ausgesetzt worden.
Eine Hand legte sich auf Noras Arm. Es war Gerwin, der Wirt, sein Antlitz gezeichnet von einer schlaflosen Nacht.
„Eadgard hat seine Getreuen in der Nacht zusammengerufen“, murmelte er und scheute ihren Blick. „Sie reden davon, dass etwas geschehen muss. Sie sagen nicht, was.“
„Was soll geschehen?“, fragte Nora, doch Gerwin schüttelte nur den Kopf und zog sich zurück, als habe er bereits zu viel gesagt.
Ein Junge huschte herbei – Finn. Sein Gesicht wirkte ungewöhnlich ernst für ein Kind, doch zugleich erfüllt von einer eigenartigen, stillen Freude.
„Mila ist schlechter geworden heute Nacht“, sagte er. „Ihr Großvater weint, wenn keiner hinsieht.“
„Woher weißt du all dies, Knabe?“, fragte Nora sanft.
„Ich höre Dinge“, gab er zurück, als sei nichts dabei. „Manchmal die Weisen. Aber auch das, was in den Häusern gesprochen wird, wenn der Wind es zu mir trägt.“
„Wir müssen mit Marta sprechen“, entschied Nora nach kurzem Schweigen. „Wenn jemand versteht, was mit den Kindern geschieht, dann sie.“
Marta empfing sie in ihrer niedrigen Stube, wo Bündel getrockneter Kräuter von der Decke hingen und sanft im Luftzug schwangen. Die alte Frau wirkte beunruhigt, doch nicht überrascht.
„Die Kinder sind immer die Ersten, die es spüren, wenn etwas nicht in Ordnung ist mit der Welt“, sagte sie, während sie dunkel aufgegossenen Tee in abgegriffene Tonbecher goss. „Ihre Seelen sind noch nicht verhärtet von den Jahren. Was die Erwachsenen verlernt haben zu hören, dringt noch an ihre Ohren.“
Nora nahm den Becher an sich und ordnete im Stillen, was sie wusste. Die Fieber, die sich ausbreiteten. Die Kinder, die in derselben Bildsprache sprachen, obgleich keines vom anderen wissen konnte.
„Sprecht Ihr davon, dass die Kinder etwas empfangen?“, fragte sie. „Botschaften, die ihren Leibern zusetzen?“
Marta nickte bedächtig. „Die Fieber sind die Art, wie sich ihre Leiber gegen das Eindringen wehren. Gegen das, was aus der Tiefe zu ihnen dringt. Nicht alle Kinder sind stark genug für solche Zwiesprache.“
„Aber was – will zu ihnen dringen?“, fragte Nora weiter.
Marta wandte ihren Blick zum Fenster, das den Hügel in der Ferne rahmte. „Etwas, das dort begraben liegt und keine Ruhe findet. Ihr wisst es ebenso gut wie ich, Nora. Die Stimmen, von denen die Kinder sprechen – das sind keine Fieberträume. Es sind Erinnerungen, die sich nicht auslöschen ließen.“
„Sie wollen gehört werden“, sagte Duolmma leise, und die anderen wandten sich ihm zu. „Bei meinem Volk sagt man: Ein Geist, der nicht ruhen kann, sucht sich Ohren. Junge Ohren. Die sind noch offen.“
Marta sah ihn an und nickte, ehe er zu Ende gesprochen hatte.
„Es gibt eine Möglichkeit, mehr zu erfahren“, sagte Marta nach einer Weile und senkte die Stimme. „Johen der Schmied hütet etwas in seinem Hause. Etwas, das er mir einst in einer schwachen Stunde zeigte, als sein Kummer zu schwer wurde. Ich denke, es ist an der Zeit, dass ihr es seht.“
Nora richtete sich auf. „Was hütet er?“
„Ein Buch. Und etwas anderes, das seine Ahnen von den Fünf bewahrten, ehe man ihre Hinterlassenschaft den Flammen übergab.“ Marta hob die Hand, als sie sah, dass Nora bereits aufstehen wollte. „Doch nicht in Eile, nicht jetzt. Eadgards Leute sind wachsam. Geht zu Johen, wenn die Schattenruhe naht und die Straßen sich leeren. Ich werde Finn vorausschicken, damit Johen euch erwartet.“
Weland, der still am Fenster gestanden hatte, wandte sich um. „Es herrscht Angst im Dorf. Stärker als gestern.“
Marta nickte. „Seid behutsam.“
Die Schattenruhe nahte, und Barkuz schob sich zwischen die Sonnen und die Welt, bis sein silbrig-violettes Zwielicht über die Gassen fiel. Die Menschen zogen sich in ihre Häuser zurück, und die Stille, die sich über Waldheim legte, war tiefer als gewöhnlich, als lausche das Dorf selbst.
Sie gingen einzeln und auf verschiedenen Wegen, wie Marta es geraten hatte. Nora zuerst, den Kragen ihres Mantels über das silberne Haar gezogen. Duolmma einige Minuten darauf, den Blick gesenkt, als suche er etwas auf dem Erdboden. Weland zuletzt, und sein Gang hatte etwas Lautloses angenommen, das ihm selbst kaum bewusst war, als glichen sich seine Schritte dem Rhythmus des Windes an.
Johen erwartete sie nicht in der Schmiede, sondern in einem Haus am Rande des Dorfes, das verlassen schien. Finn saß auf der Schwelle und erhob sich, als er sie kommen sah, lautlos und ortskundig wie stets.
„Er ist unten“, flüsterte der Junge und führte sie durch eine niedrige Tür.
Im Keller, unter morschen Dielen, die unter ihren Schritten ächzten, verbarg sich eine Kammer, deren Existenz man von außen nicht hätte vermuten können. Der Geruch von altem Pergament und Staub schlug ihnen entgegen, als Johen die niedrige Türe öffnete. Das spärliche Licht einer Öllampe enthüllte einen Raum, der eher einer vergessenen Gruft glich als einem Keller.
Johen zog ein in Leder gebundenes Buch hervor, das den Duft ungezählter Jahre in sich trug.
„Dies hier“, sagte er mit belegter Stimme, „ist das Tagebuch Aldrichs des Reinen. Einer meiner Ahnen entriss es den Flammen, ehe man alle Spuren tilgte. Längst hätte ich es dem Feuer übergeben sollen, doch…“ Er stockte. „Man kann das Böse nicht verbrennen. Es kehrt wieder.“
Nora nahm das Buch behutsam entgegen und schlug es auf. Die Schrift war Argitarisch, nicht in der gewohnt bedachten Art und mit den feinen Ornamenten, sondern als sei sie mit Zorn ins Papier geritzt worden. Nora erkannte die Zeichen sogleich, die Sakralschrift ihrer eigenen Tradition, doch entstellt von einer Hand, die mit dem Geist ihrer Ordnung gebrochen hatte.
„Er schrieb in der Sprache der Heerscharen“, murmelte sie, halb zu sich selbst.
Weland trat näher und sah über ihre Schulter, obgleich die Zeichen ihm nichts sagten. Doch sein Blick ruhte nicht auf der Schrift, er sah die Tintenkleckse, die Stellen, wo die Feder das Pergament durchstoßen hatte, und erkannte darin etwas, das keiner Schriftkenntnis bedurfte.
Nora übersetzte, langsam und mit einer Stimme, die sich bemühte, das Gelesene von sich fernzuhalten:
„Die fünf Ketzer müssen dem Tode anheimfallen. Die reine Lehre darf nicht durch heidnischen Schmutz befleckt werden. In dieser Nacht führe ich zwölf rechtschaffene Männer zum Hügel. Das Schwert der Rechtschaffenheit wird den Rost der Ketzerei hinwegbrennen. Doch genügt es nicht, ihre sterbliche Hülle zu vernichten. Ihre Ideen, ihre verdammten Lehren von Brücken zwischen den Glaubensformen, müssen für alle Zeit ausgelöscht werden. Die Stimme des Höchsten Seins hat mir das Ritual offenbart…“
Die Einträge wurden zunehmend verworrener, die Handschrift unstet. Die Worte drängten sich übereinander, als hätte die Hand des Schreibers den Verstand überholt:
„Ich habe ihren Stein in die Hand genommen, ehe ich ihn zerschlug. Ich wollte sehen, welcher Unrat darin haust. Ich habe gesehen. Ich schreibe nicht auf, was ich gesehen habe.“
Die nächsten Zeilen waren mehrfach durchgestrichen.
„Es ist vollbracht. Die fünf sind dahingegeben und ihr Blut nährt den Schoß der Erde. Doch… doch die Bäume! Die Bäume erheben ihre Stimmen! Sie rufen unsere Namen! Das war nicht… das sollte nicht… Das Höchste Sein verweigert mir sein Wort. Warum nur schweigt er? Die Stimme, die mir das Ritual offenbarte, lacht nur. Lacht und lacht und lacht…“
Stille hing in der Kammer, schwer und dicht. Nora schloss das Buch, als könne sie damit die Stimme zum Schweigen bringen, die aus den Seiten emporstieg.
Johen hatte sich auf eine Bank sinken lassen, das Gesicht in den Händen. „Ich habe all die Jahre gewusst, dass es dort liegt“, sagte er dumpf. „Wusste, dass Schlimmes darin steht. Aber die Sprache der Argitari ist mir fremd. Ich konnte nur die – die Wut darin spüren. In der Schrift selbst.“
„Es war nicht die Stimme des Höchsten Seins, die zu ihm sprach“, sagte Nora leise, und ihre Hände lagen noch auf dem Ledereinband, als hielte sie etwas fest, das ihr zu entgleiten drohte. „Kein Orden hätte ein solches Ritual gebilligt. Was immer ihm das Ritual eingab – so etwas findet sich nicht in der Lehre der Heerscharen.“
Duolmma nickte langsam. „Das ist kein Werk eines Gläubigen.“ Er rang mit den Worten, die Stirn gerunzelt. „Das ist kein Glaube. Das ist etwas, das aussieht wie Glaube.“
Johen deutete in die hintere Ecke der Kammer. „Es gibt noch etwas“, sagte er. „Mein Ahn bewahrte nicht nur das Buch.“
Auf einem Steinsims, halb verborgen unter einem vergilbten Tuch, lag ein facettierter Kristall von der Größe einer Männerfaust. Er brach das kärgliche Licht der Öllampe und warf es als schillernde Funken an die Kellerwände. Es ging etwas Stilles von ihm aus, etwas, das die Aufmerksamkeit auf sich zog, ohne zu blenden.
„Mein Ahn fand ihn bei den Habseligkeiten der Fünf“, sagte Johen, „in der Nacht, als er das Buch aus den Flammen rettete. Es heißt, sie hätten damit gelehrt. Nicht mit Worten – damit.“ Er sah den Stein an, als sei ihm die Vorstellung noch immer unheimlich. „Er wagte nie, ihn fortzugeben, und nie, ihn zu benutzen. Nur aufzubewahren.“
Duolmma trat näher, die Augen verengt. Er streckte die Hand aus, berührte den Kristall aber nicht. Seine Lippen bewegten sich lautlos.
„Diesen Stein“, sagte er schließlich, und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, „kenne ich.“ Er nahm die Hand nicht fort. „Nicht diesen. Aber solche. Bei meinem Volk, in tiefen Felsenhallen, weit im Norden. Die Noaidi nutzen sie für … wie sagt man …“ Er machte eine kreisende Geste mit der Hand. „Wanderungen. Durch die Erinnerung.“ Er sah auf, und in seinem Gesicht stand etwas, das keiner von ihnen dort erwartet hätte. „Wie kommt er hierher? So weit. So weit von zu Hause.“
Nora betrachtete den Kristall mit dem Blick einer Gelehrten – fasziniert, doch wachsam. „Ein Artefakt der Fünf“, murmelte sie. „Wenn die Weisen es nutzten, um zwischen den Traditionen zu vermitteln…“
Sie sah Duolmma an. Er sah sie an. Und ohne dass ein Wort der Absprache fiel, griffen beide zugleich nach dem Kristall.
Was dann geschah, entzog sich jeder Beschreibung, die der Verstand im Nachhinein hätte ordnen können. Ein Blitz gemeinsamer Bilder durchfuhr sie, und für einen Herzschlag sah ein jeder durch die Augen des anderen.
Nora erlebte die Weite der nördlichen Tundra, unter einem Himmel, unter dem nichts stand, woran das Auge sich halten konnte. Sie spürte die Kälte, die durch Duolmmas Kinderkörper gegangen war, als er seinen kleinen Bruder Áilu suchte. Sie hörte den Wind, der Stimmen trug, und verstand, warum Duolmma lauschte, wo andere nur Stille hörten. In diesem einen Augenblick erfasste sie etwas, das ihre Quellen und Archive nie hatten lehren können.
Duolmma hingegen fand sich in den Hallen von Zeruko Hiri wieder, sah durch Noras Kinderaugen die gewaltigen Säulen des Tempels, die sich gen Himmel reckten. Er spürte ihre kindliche Ehrfurcht vor der Ordnung, die in jedem Ornament, jedem Fenster zum Ausdruck kam. Doch darunter fühlte er ihre Einsamkeit, die Sehnsucht nach etwas, das sie nicht benennen konnte. Er sah sie als kleines Mädchen, das vor einem Spiegel stand und sich fragte, warum manchmal Lieder in ihrem Kopf erklangen, deren Worte sie nicht verstand.
Durch die Augen dieses Kindes sah er eine Frau mit dunklem Haar, die ihn an Nora erinnerte, leise schluchzend am Rande eines Bettes saß und deren Blick sich in eine Ferne jenseits des Sichtbaren richtete.
„Meine Tochter wird zwischen beiden Welten stehen“, hörten sie die Frau flüstern. „Wie ich es tue. Doch vielleicht wird sie finden, was mir verwehrt blieb – den Frieden zwischen den Pfaden.“
Die Vision zerbrach. Beide traten zurück. Es dauerte, bis sie wieder sahen, was in der Kammer war. Der Kristall lag still zwischen ihnen, und doch war etwas in der Kammer verändert – nicht das Licht, nicht die Luft, sondern etwas zwischen den beiden Menschen, die sich anblickten.
Nora hatte diese Kammer nie gesehen. Sie hatte sie nicht sehen können, und doch kannte sie den Geruch des Öls in der Lampe und wusste, wie das Holz sich unter der Hand anfühlte. Wie etwas, das man nie gekannt und doch als verloren gewusst hatte, war es nichts, was der Stein ihr offenbarte, sondern etwas, das erst im gemeinsamen Betrachten wahrnehmbar wurde.
Nora fand als Erste ihre Stimme wieder. „Es sind verschiedene Pfade“, sagte sie leise, und es klang anders als alles, was sie an diesem Tage gesagt hatte.
Duolmma sah sie an und brachte nichts heraus, und diesmal lag es nicht an der Sprache. Er rang mit den Worten, die Hände halb erhoben.
„Verschiedene Pfade“, wiederholte er. „Und jeder hat etwas Wahres. Nicht nur einer.“ Er schüttelte den Kopf, unzufrieden mit der Armut seiner Worte. „Die Fünf wollten keine neue Religion. Sie wollten Brücken.“ Er zeichnete mit den Händen zwei Ufer und dazwischen einen Übergang. „Dass beide Wege bleiben. Aber voneinander hören.“
Sie sahen einander an und schwiegen, und es war ein Schweigen um zweierlei. Nora um die Mutter, die sie nie kennengelernt hatte. Duolmma um den Bruder, dessen Tod ihn auf einen Pfad geführt hatte, den er nicht gewählt hätte, wäre die Wahl ihm gelassen worden.
„Deine Mutter…“, begann Duolmma zögernd, und seine Stimme war sehr leise.
Nora nickte langsam. „Mein Vater sprach zuweilen von ihr. Wie sie in einer kleinen Kammer saß und in alten Büchern las, Bücher mit Zeichen, die niemand sonst in unserem Hause verstand. Wie sie stundenlang aus dem Fenster blickte und dabei sang – leise, traurige Lieder in einer Sprache, die älter war als die Worte der Heerscharen.“
Ihre Stimme sank zu einem Flüstern. „Er sagte, sie habe immer geweint, wenn sie von ihrer Heimat sprach. Als trüge sie einen Schmerz in sich, der größer war als sie selbst – den Schmerz dessen, der zwischen zwei Welten steht und in keiner ganz zu Hause sein kann.“
„Und mein Bruder“, sagte Duolmma, und seine Hände ballten sich unwillkürlich. „Er ist nie ganz fort. Er war immer da. In jedem Geist, dem ich helfen wollte.“ Er suchte nach Worten, fand sie nicht und legte stattdessen seine Hand neben Noras auf den Tisch.
Nora griff nach seiner Hand. Beide spürten noch immer den Nachhall der Vision, die langsam verging.
„Die fünf Weisen haben versucht, was unsere Geschichten nie vermochten“, sagte Nora langsam, als füge sich etwas in ihrem Geist zusammen. „Brücken zu bauen zwischen den Welten unserer Väter und Mütter. Und sind daran zerbrochen.“
Johen, der schweigend alles verfolgt hatte, trat näher. Sein Gesicht war blass. Er sah das Buch an und nicht die Menschen.
„All die Jahre“, sagte er, und seine Stimme war heiser. „All die Jahre wusste ich, dass etwas Furchtbares in diesem Buch steht. Konnte es spüren, ohne die Zeichen lesen zu können. Und jetzt…“ Er sah Nora an. „Habt ihr nun begriffen, warum wir uns fürchten?“
Nora senkte den Blick auf das Buch, das zwischen ihnen auf dem Tisch lag. „Es ist schlimmer als eine Legende, nicht wahr“, sagte sie leise, und es war keine Frage. „Nicht allein der Tod der Fünf. Sondern die Verdrehung. Eine Sendung, die in ihr Gegenteil verkehrt wurde. Aldrich glaubte, dem Höchsten Sein zu dienen, und diente etwas anderem.“
„Etwas Dunklerem“, sagte Johen. „Älterem.“
Weland trat ans Fenster und wandte den Blick zum Hügel, der sich gegen den silbrig-violetten Himmel der Schattenruhe abhob. Zwischen seinen Fingern zerrieb er trockene Erde, die vom Fenstersims rieselte.
„Nicht nur Mord“, sagte er knapp. „Frevel am Geiste. Gift, das im Boden blieb.“
Als sie den Keller verließen, bemerkte Nora, wie die feinen Linien auf Welands Haut sich ausgebreitet hatten – nicht mehr nur die Handflächen, sondern nun auch an den Unterarmen sichtbar, wo sie aus den Ärmeln seiner Tunika hervortraten, und seine Augen trugen einen grünlichen Schimmer, der nur im Dämmerlicht der Schattenruhe wahrzunehmen war.
„Ich verstehe es jetzt“, flüsterte sie, die Augen zum Hügel gewandt. „Die Sehnsucht, die ich immer in mir getragen habe.“
Duolmma trat näher.
„Die Sehnsucht?“, fragte er leise.
Nora nickte. „All die Jahre im Haus der Erinnerungen – ich habe Wissen geordnet, Archive durchforstet, die Lehren der Heerscharen studiert. Doch es blieb immer etwas übrig, das sich nicht einordnen ließ. Ein Lied, das mir im Kopfe erklang, ohne dass ich wusste, woher. Wir haben im Hause der Erinnerungen für alles ein Fach, und dieses eine hat nie eines gefunden.“ Sie atmete tief. „Jetzt weiß ich, woher es kam. Von ihr. Von meiner Mutter, die zwischen beiden Welten stand und die ich nur durch die wenigen Erzählungen meines Vaters kannte.“
Das Erlebte lastete schwer auf den Dreien, und es war Zeit, der Schattenruhe ihren Tribut zu zollen. Der vor ihnen liegende Tag war noch lang. Duolmma hatte um einen stillen Ort für ein Gespräch mit den Ahnen gebeten. Man hatte ihm einen Raum im Dachgeschoss des Gasthauses zugewiesen, wo die Dachschrägen ein Zelt aus Schatten und Licht bildeten und das Knarren alter Balken im Winde die einzige Gesellschaft bot.
Hier kniete er nun, die Trommel vor sich aufgestellt. Seine Finger wanderten über das Fell, ohne es zu berühren, zogen Kreise in der Luft, die unsichtbare Spuren hinterließen. Was er in der fremden Sprache nicht auszudrücken vermochte, fand hier seinen Raum – in der Sprache der Trommel, die keine Grammatik kannte und keiner Übersetzung bedurfte.
Aldrichs Sätze gingen ihm nach: das Schwert der Rechtschaffenheit, der Rost der Ketzerei, die Stimme, die lacht.
Er begann zu trommeln, erst langsam und leise, dann mit zunehmendem Tempo. Der Rhythmus folgte keiner bekannten Ordnung, sondern einem inneren Puls, der sich nur ihm offenbarte. Seine Lippen bewegten sich in einem lautlosen Gesang, Worte in der Sprache der Ahnen.
Die Schatten im Raum verdichteten sich. Bilder stiegen vor seinem inneren Auge auf, erst verschwommen, dann zunehmend klarer, als würde ein Schleier nach dem anderen fortgezogen.
Er sah die fünf Weisen. Sie standen im Kreise auf dem Hügel unter fünf Eichen und sangen. Im Nachhinein schien ihm dies die einzig neue Erkenntnis.
Alles Übrige kam ihm zu, wie einem im Traume das Haus zufällt, in dem man am Tage gewesen ist. Die Männer stiegen den Hügel herauf, angeführt von einer hochgewachsenen Gestalt in Priestergewändern, und was sie in Händen hielt, war keine Klinge, wie Menschen sie benutzen, sondern etwas, das Licht verschlang. Hinter ihr bewegte sich eine Dunkelheit, die kein Gesicht hatte, und legte dem Manne die Worte des Hasses in den Mund.
Es war alles sehr deutlich, deutlicher als jedes Bild, das Duolmma je in seinen Wanderungen gefunden hatte, mit einer Klarheit, die ihm ungewohnt, fast unpassend erschien.
Er sah, wie die Klinge nicht in die Leiber fuhr, sondern ihr Wesen zerschnitt. Er sah, wie die fünf Eichen zu welken begannen, während die fünf Menschen verblassten.
Was Aldrich getan hatte, widersprach allem, was die Bajasdolgi Duolmmas Volk einst gelehrt hatten: dass der Tod eine Schwelle ist, die jede Seele beschreiten muss, nicht Feind, sondern Übergang. Aldrich hatte den Fünf diese Schwelle verweigert.
Die Vision verblasste. Duolmmas Gesicht war schweißgebadet und feucht von Tränen, obwohl er sich keiner Tränen bewusst gewesen war. Er wusste nun, was geschehen war. Wer aus dem Gespräch mit den Ahnen kommt, bringt gewöhnlich Fetzen mit, die man tagelang gegeneinanderlegt. Duolmma brachte eine ganze Geschichte mit.
Als er seine Kammer verließ, um Nora und Weland zu suchen, trug Duolmma eine Erkenntnis mit sich, die ihn frösteln ließ: Um die fünf Weisen zu befreien, müssten sie sich diesem Schatten stellen. Und er war nicht sicher, ob irgendeine der Traditionen, die er kannte, die Wege der Lithi oder die Lehren der Himmlischen Heerscharen, eine Waffe gegen solch alte Finsternis bereithielt.
Weland folgte einem Gefühl, das ihn durch das Dorf zog. Er hätte nicht zu sagen vermocht, was er suchte. Seine Füße trugen ihn zum Waldrand, wo die ersten Bäume ihre kahlen Äste in den Vorfrühlingshimmel streckten. An den Zweigen schwollen die Knospen, noch verschlossen, doch bereit. Zwischen den Wurzeln drückte Winterheide ihre rostfarbenen Polster in das braune Laub des vergangenen Jahres.
Dort, in der Nähe eines alten Ahorns, dessen Rinde die Winter gezeichnet hatten, stand Finn. Der Junge hatte eine Hand an den Stamm gelegt und die Augen geschlossen, als lausche er einem Gespräch, das nur er vernehmen konnte.
Weland blieb stehen. Der Junge hielt die Hand am Stamm, wie man sie einem Menschen auf die Schulter legt, und wartete.
Als Finn sich umwandte, wirkte er nicht überrascht. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Ich habe Euch erwartet“, sagte er einfach. „Die Weisen sagten mir, dass Ihr kommen würdet.“
Weland trat näher und ließ seine Hand über den Stamm des Ahorns gleiten. Die Rinde fühlte sich warm an unter seinen Fingern, wärmer, als die kühle Luft hätte erwarten lassen.
„Du sprichst mit ihnen?“, fragte er leise.
Finn nickte. „Nicht immer. Manchmal sind sie müde und schweigen. Aber seit ihr drei hier seid, sprechen sie mehr. Ihre Stimmen werden klarer.“
„Was erzählen sie dir?“
„Geschichten. Von früher, als sie noch lebten. Von den Bäumen, die auf dem Hügel standen, und von dem Mann mit den finsteren Augen, der sie in die Erde sperrte.“ Finn pflückte eine Knospe vom niedrigsten Zweig und drehte sie zwischen den Fingern. „Sie sagen, ihr könnt sie befreien. Besonders Ihr.“
Ein Windhauch strich durch die kahlen Kronen, und für einen Augenblick schien es Weland, als höre er in dem Rauschen mehr als nur den Wind – Stimmen, viele Stimmen, alt und voller Sehnsucht. Er schloss die Augen, und ein Bild stieg in ihm auf. Es war der Hügel, Jahr um Jahr: wie die Eicheln hinüberrollten und keine aufging, wie die Wurzeln der Bäume an seinem Fuße sich wandten und anderswohin wuchsen, wie fünfhundert Frühjahre lang der Hügel jeglichem Leben wehrte.
Als er die Augen wieder aufschlug, glänzten die des Jungen feucht.
„Ihr habt es auch gesehen“, stellte Finn fest.
Weland nickte. Er war nicht sicher, ob sie dasselbe gesehen hatten. Seine Hand war noch immer am Stamm, und er spürte etwas unter seiner Berührung, einen Strom, der zwischen ihm und dem Baum floss, in beide Richtungen zugleich. Es beunruhigte ihn und tröstete ihn zugleich.
„Wir sind uns ähnlich, Ihr und ich“, sagte Finn nachdenklich. „Die Weisen sagen, wir hören beide. Ihr die Bäume. Ich die Weisen.“
Stimmen drangen durch den Wald – Rufe, die Finns Namen trugen.
„Meine Eltern suchen mich. Sie machen sich Sorgen, seit die Kinder krank werden.“ Er sah Weland prüfend an. „Werdet Ihr hierbleiben? In Waldheim?“
Weland betrachtete seine Hände.
„Für eine Weile. Es gibt hier etwas zu vollenden.“
Durch die kahlen Bäume drangen zwei Gestalten – Haldor und Marit, Finns Eltern. Beim Anblick des Fremden mit ihrem Sohn blieben sie stehen, ihre Gesichter verdunkelten sich.
„Finn!“ Marit eilte herbei und zog den Jungen an sich. „Was tust du hier allein mit ihm?“
„Wir haben nur geredet, Mutter“, erklärte Finn ruhig. „Über die Bäume.“
Haldor trat vor, seine breite Gestalt zwischen Sohn und Fremdem.
„Was habt Ihr meinem Sohn erzählt?“, fragte er. Sein Ton war nicht feindselig, doch entschieden.
Weland neigte leicht das Haupt. „Nichts, was er nicht schon wusste, Herr Zimmermann. Euer Sohn hat mir mehr erzählt als ich ihm.“
Marit beäugte ihn, ihre Hand fest auf Finns Schulter. „Die Leute reden. Sie sagen, Ihr wandelt Euch, als wärt Ihr nicht mehr ganz…“ Sie stockte.
„Nicht mehr ganz von dieser Welt?“, ergänzte Weland ruhig. Er lächelte. „Vielleicht ist daran etwas Wahres. Etwas in mir erwacht, das lange geschlummert hat. Doch es macht mich nicht weniger zu dem, der ich bin.“
Finn befreite sich sanft aus dem Griff seiner Mutter und trat zwischen die Erwachsenen.
„Weland ist wie ich, Vater“, sagte er, und es klang, als sei es längst abgemacht. „Er hört, was andere nicht hören.“
Haldor und Marit wechselten einen Blick über den Kopf ihres Sohnes hinweg.
„Und wozu?“, fragte Haldor nun leiser.
Weland blickte zum Hügel, der über den Baumwipfeln sichtbar war.
„Um zu heilen, was zerbrochen wurde.“ Er sah Haldor in die Augen. „Ihr seid auch vom Stamme Bergheim. Ich kann es sehen. Auch wenn eure Wege euch das schon lang vergessen ließen, fließt in uns dasselbe Blut.“
Marit zog ihren Sohn wieder an sich. „Er ist noch ein Kind“, sagte sie, und in ihrer Stimme schwang ein Flehen mit. „Was auch immer Ihr plant – er ist noch ein Kind.“
„Das weiß ich“, sagte Weland. „Und ich verspreche Euch, dass ich alles tun werde, um ihn zu schützen. Doch manche Wege warten auf uns, nicht weil wir sie wählen, sondern weil sie da sind, um gegangen zu werden.“
Als die Familie sich entfernte, Finn zwischen seinen Eltern, drehte der Junge sich noch einmal um und hob die Hand zum Gruß.
Weland blieb noch eine Weile unter dem Ahorn zurück. Er spürte, wie das, was sich in ihm veränderte, sich anfühlte, als kehrte ein Teil seiner selbst aus langem Schlummer zurück. Wenn er die Finger bog, war da ein Empfinden, als spüre er mehr als nur die eigene Haut, als reichten seine Sinne tiefer in die Erde, weiter in den Wind.
Er fragte sich, wie weit diese Wandlung gehen würde. Ob er am Ende noch er selbst sein würde. Und was auf Finn wartete, dessen Weg sich mit seinem zu verflechten begann.
Der Wind frischte auf, und die kahlen Kronen rauschten, als wollten sie die Antworten flüstern, die er suchte. Weland lauschte lange, bis Barkuz beiden Sonnen neuen Raum gewährte und diese das letzte Licht des Abendwerks über die Hänge warfen, wo zwischen den braunen Gräsern des Vorjahres das erste zaghafte Grün hervorbrach.
Das Abendwerk des vierten Tages ging früher zur Neige als gewöhnlich. Barkuz und die drei Monde standen bereits gut sichtbar am Himmelszelt, und das silbrig-violette Licht des Bandes floss mit ungewöhnlicher Dichte über die Dächer, drang durch Spalten und Ritzen, als suche es nach etwas, das sich im Verborgenen hielt.
Es war Finn, der zu den Dreien kam. Hinter ihm drängten sich etwa zwanzig Kinder des Dorfes, ihre Gesichter ernst und zugleich erwartungsvoll, als hätten sie auf diesen Abend gewartet, ohne zu wissen, dass er kommen würde.
„Es ist Zeit“, sagte der Junge einfach. „Die Weisen wollen sprechen. Deutlicher als zuvor.“
Sie folgten ihm zum Hügel. Die Kinder gingen schweigend, in einer Ordnung, die an eine Prozession gemahnte, doch niemand hatte sie gelehrt. Mit jedem Schritt schien das silbrige Licht von Barkuz an Kraft zu gewinnen, dichter, greifbarer, als verdichte sich etwas in der Luft, das stets dort gewesen war, doch nie solche Gestalt angenommen hatte.
Am Fuße des Hügels hatten sich bereits andere Dorfbewohner versammelt – nicht nur jene, die den Fremden wohlgesonnen waren, sondern auch die Skeptiker und Zweifler. Eadgard stand mit seinem Kreis am Rande, sein Gesicht eine Maske der Anspannung. In seinen Armen lag die noch immer fiebernde Mila, deren kleine Gestalt unter einer Decke verborgen war.
Duolmma trat vor und schlug die Trommel, und es geschah, was am Abend zuvor geschehen war. Es ließe sich schwer beschreiben, und jeder, den man fragte, fand andere Worte: Manche sprachen von Gestalten, manche von einem Licht, und der alte Wilfried sagte, er habe überhaupt nichts gesehen, nur plötzlich an seine Mutter denken müssen.
Die Kinder hatten zu singen begonnen.
Doch ehe etwas gesagt werden konnte, war es Nora, die die Stille brach. Sie hatte das Tagebuch den ganzen Weg über an sich gedrückt, und nun hob sie es, damit alle sähen, dass es das Buch gab.
„Wir haben die Wahrheit gelesen“, sagte sie, und ihre Stimme trug weit über den Hügel, klar und fest, die Stimme einer Frau, die gewohnt war, vor Versammlungen zu sprechen. „Was hier geschehen ist, war kein Gottesurteil. Es war ein Verbrechen – ein Verbrechen, das sich hinter dem Gewand der Frömmigkeit verbarg. Aldrich wurde getäuscht, gelenkt von etwas, das nicht aus der Lehre der Heerscharen stammt.“
… kein Gottesurteil … Es kam aus dem Hügel.
Duolmma trat vor. Er hatte aufgehört zu trommeln, und seine Hände zitterten leicht. „Ich habe es gesehen“, sagte er, und seine Stimme war rau von dem, was er in seiner Vision erfahren hatte. „In der Trommelwanderung. Den Schatten hinter Aldrich. Kein Mensch, kein Geist, etwas anderes. Es hat gegessen. Aldrichs Wut. Und euer Leid.“
Eadgard trat vor, seine kranke Enkelin noch immer in den Armen, das Gesicht verzerrt von Zorn.
„Ihr habt sie krank gemacht!“, rief er, und seine Stimme bebte. „Die Kinder, die Unschuldigen – eure Bürde lastet auf ihnen!“
Noch bevor jemand antworten konnte, richtete sich Mila in den Armen ihres Großvaters auf, ihr blasses Gesicht leuchtend im Schein.
„Nicht die Weisen machen uns krank, Großvater.“ Ihre Stimme war klar und kindlich und ohne Zweifel. „Es ist der böse Mann mit den gleißenden Augen. Er will nicht, dass wir ihnen helfen. Er schickt die Fieber, wenn wir zu deutlich hören.“
Eadgard erstarrte. „Wovon sprichst du, Kind?“
„Der Schatten“, sagte Mila. „Er ist dort unten bei den Weisen. Er kann nicht fort. Aber er ist anders als sie. Er ist böse. Er hasst und hasst und hasst.“
Nora trat neben Eadgard. Sie tat es behutsam und blieb doch stehen, wo sie stand.
„Eadgard“, sagte sie ruhig. „Ich habe Aldrichs eigene Worte gelesen. Er schrieb sie nieder, in der Nacht, als er die Fünf tötete. Am Ende schrieb er, dass die Stimme, die ihm das Ritual eingab, nicht mehr antwortete. Dass sie nur noch lachte.“ Sie ließ die Worte wirken. „Was hier geschah, war nicht das Werk des Höchsten Seins. Es war das Werk von etwas, das sich hinter dem Glauben verbarg. Und die Kinder – eure Kinder – sind die Einzigen, die noch klar genug hören, um den Unterschied zu erkennen.“
Eadgard blickte auf seine Enkelin hinab. Seine Schultern sanken.
„Was habt ihr mit ihr gemacht?“, flüsterte er, doch es klang nicht mehr nach Anklage. Es klang nach einer Bitte.
Duolmma trat näher, so langsam, dass Eadgard ihn kommen sah. „Niemand hat etwas gemacht“, sagte er und suchte jedes Wort einzeln. „Die Kinder hören, weil sie es noch nicht verlernt haben. Bei meinem Volk ist es dasselbe. Die Kinder zuerst. Das ist keine Krankheit. Das ist …“ Er suchte, rang. „Offenheit.“
Weland hatte die ganze Zeit am Rande der Versammlung gekniet, eine Hand an die Erde gelegt, und nicht gesprochen, sondern gelauscht. Nun erhob er sich und sprach zum ersten Mal in dieser Nacht, und seine Stimme war tiefer als am Morgen. Er sprach nicht zu Eadgard, sondern zu den Versammelten, und doch war es, als spräche er durch den Hügel selbst, zu dem, was darunter lag:
„Die Wahrheit wurde zu lange verborgen. Unter Erde und Schweigen. Doch was vergraben wird, verwest nicht immer. Manchmal wächst es.“
… was vergraben wurde … wächst … Es kam nicht durch die Luft. Es kam durch die Füße.
„Es braucht Hüter“, sagte Nora, und sie wusste nicht, woher sie den Satz nahm. „Einen, der mit dem Land verbunden ist und die lebendige Welt bewahrt. Einen, der die Geschichte bewahrt und dafür sorgt, dass sie nicht wieder vergraben wird.“
… zweierlei Wege … zweierlei Seelen … eine dem Boden zugetan … eine den Worten verhaftet … der eine wird wandeln zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen … der andere wird tragen, was nicht sterben darf …
Die Leute auf dem Hange sahen hinüber, erst zu Weland und dann, weil es sich anbot, zu dem Knaben am Waldrande, und von da an war es entschieden.
Aus der Menge drängte sich Bewegung hervor. Marit hatte Finns Hand ergriffen.
„Nein!“, durchbrach ihre Stimme die Stille, hoch und zitternd. „Er ist ein Kind von fünf Wintern! Solche Last kann man nicht auf solche Schultern legen!“
Es war Weland, nicht die Stimme des Erdreiches, die antwortete. Er sah Marit an, wie er die Rotbuchen ansah, wenn der Wind ging.
„Es ist keine Last, die aufgelegt wird“, sagte er leise. „Finn wird bei Euch bleiben. An Eurem Herde, unter Eurem Dach. Was sich in ihm regt, hat vor ihm angefangen. Er bekommt nichts dazu, was nicht schon seins wäre.“
Haldor legte den Arm um seine Frau und fragte mit gefasster Stimme: „Und was wartet auf den anderen? Welches Schicksal?“
Weland sah auf seine Hände hinab. Er antwortete nicht sogleich.
„Ich weiß es noch nicht ganz“, sagte er schließlich. „Etwas in mir verändert sich, und ich kann die Grenzen dieser Veränderung nicht sehen. Doch ich spüre, dass es kein Ende ist. Eher ein – Anfang.“
Die Stimme des Hügels verklang, und keiner hätte den genauen Augenblick benennen können, in dem es aufgehört hatte.
Eadgard stand am Rande, Mila in seinen Armen, deren Fieber unter seinen Händen nachzulassen schien. Er sagte nichts. Sein Kiefer war hart. Dann wandte er sich ab und trug das Kind davon.
In der Stille, die folgte, hörte man nur das leise Singen der Kinder, die einen Kreis um den Hügel gebildet hatten. Es war dieselbe Weise wie im Hofe des Gasthauses, doch eine andere Strophe – jene, die jedes Kind in Waldheim zuerst lernte, weil sie die einzige war, die gut ausging:
Zwei werden kommen, wenn zwei sich erheben,
einer dem Erdreich, einer dem Wort.
Sie lösen die Fesseln, sie heilen die Wunde,
und alles wird heil, wie es vormals gewesen.
Nora hörte zu und fand, dass die Strophe nicht zu den anderen passte. Die Worte lagen zu glatt, das Versprechen zu rund; so endet kein Lied, das aus einem solchen Dorfe kommt. Um sie herum standen sechzig Leute, denen die Strophe Trost gab. Sie sagte nichts.
Als das Lied verklang, löste sich die Versammlung langsam auf. Die Menschen kehrten in ihre Häuser zurück, ihre Gespräche gedämpft, doch nicht mehr allein von Furcht gezeichnet, sondern von einem Staunen, das an Ehrfurcht grenzte.
Weland blieb mit Nora und Duolmma am Fuße des Hügels zurück. Die Linien auf seiner Haut hatten sich bis an die Schläfen ausgebreitet, fein und verschlungen.
„Es schreitet voran“, sagte er leise, und seine Stimme klang tiefer, als schwängen Obertöne darin mit, die nicht ganz menschlich waren. „Die Verwandlung.“
Nora legte eine Hand auf seinen Arm. Was sie unter ihren Fingern spürte, war noch Haut und noch warm. Sie ließ die Hand länger liegen, als sie vorgehabt hatte.
„Fürchtest du dich?“, fragte sie.
Weland schüttelte langsam den Kopf. „Nicht vor der Verwandlung. Vor dem, was danach sein wird. Ob ich noch empfinden werde wie zuvor.“
Duolmma trat zu ihnen, die Trommel still in ruhigen Händen. Schweigend legte er Weland die Hand auf die Schulter.
Als sie zum Gasthause zurückkehrten, sprach keiner von ihnen. Die Schwere, die über dem Dorfe gelegen hatte, war nicht fort, doch sie hatte sich verschoben, so wie eine Last sich verschiebt, wenn man sie das erste Mal absetzt und wieder aufnimmt.
Auf der Schwelle blieb Nora stehen und sah zum Hügel hinüber, der im Schein der drei Monde lag.
„Eadgard“, sagte sie. „Sein Herz hat heute Nacht einen Riss bekommen. Noch ist es kein Wandel.“ Sie sah Weland an. „Wir sollten nicht drängen. Und nicht fortgehen, solange es noch so frisch ist.“
Weland nickte. Am Waldrand stand Finn, eine kleine Gestalt, die zu ihnen herübersah, bis seine Mutter ihn hineinrief.