Die Verhehlung - Kapitel 2
Flüsternde Wahrheiten
Von einer alten Geschichte kommt wenig durch die Zeiten, und das Übrige wächst nach, wie Moos über totes Holz wächst: Es deckt nur zu und sieht dennoch aus wie Leben.
Was folgte, war ein langer ereignisloser Tag. Einen ganzen Tag lang hatten Nora, Weland und Duolmma in einem Dorfe zugebracht, in dem keiner mit ihnen sprechen wollte. Stunde um Stunde, in denen man sie mit misstrauischen Blicken bedachte und Fenster und Türen vor ihnen schloss, während sie durch die Gassen Waldheims wandelten.
Doch nun zur späten Stunde, da sich die drei unverrichteter Dinge erneut zum Gasthaus wandten, trat aus den Schatten einer schmalen Gasse eine Gestalt hervor, geduckt und vorsichtig – Morcar, dessen schwere Hände nicht zu dem scheuen Blick passen wollten, mit dem er die Umgebung musterte.
„Nicht alle in Waldheim wollen, dass ihr scheidet“, flüsterte er und warf einen Blick über die Schulter. „Manche von uns ersehnen die Wahrheit. Aber ich rede nicht gern auf offener Straße.“ Er zog ein in Leinen gewickeltes Bündel unter seinem Umhang hervor und reichte es Nora mit unsicheren Händen. „Dies ist alt. Die Männer meines Hauses haben die Geschichten aus vergangenen Tagen bewahrt, einer nach dem anderen, und ich habe die Schriften aufbewahrt, obwohl manch einer im Dorf mir zürnen würde. Leset sie im Verborgenen und hütet Euch vor Eadgard und seinen Getreuen.“
Nora empfing das Bündel mit gebührender Sorgfalt. „Weshalb helft Ihr uns, da doch andere uns zu verjagen trachten?“
Der Schmied blickte zum Hügel hinüber, der in der beginnenden Dämmerung lag. „Weil das Geheimnis dieses Ortes uns vergiftet. Fünfhundert Jahre sind genug der Lügen.“ Er trat einen Schritt zurück. „Es bedarf eines frischen Windes, der den Nebel forttreibt.“
Mit diesen Worten verschwand er zwischen den Häusern, und die Stille der Gasse schloss sich hinter ihm.
Die drei zogen sich in Noras Kammer zurück, wo das silbrige Zwielicht der Abendruhe durch kleine Butzenscheiben fiel und Muster auf die Dielen malte. Dort entrollte sie die Chronik mit behutsamen Händen.
Die Schrift war in einer älteren Form des Aus’Harringischen verfasst, deren verschlungene Zeichen Nora nicht ohne Weiteres zu entziffern vermochte. Sie beugte sich über das Pergament, die Lippen stumm bewegt, doch manches blieb ihr dunkel.
„Weland, diese Wendungen sind mir fremd. Kennt Ihr eine solche Schreibweise?“
Der Eibenhüter trat näher und ließ seinen Blick über die verblassten Zeilen gleiten. „Das ist alt“, sagte er. „Sehr alt. Manche dieser Worte kenne ich aus dem Munde der Ältesten. Hier“ – sein Finger ruhte auf einer Stelle – „das heißt nicht ‚Pfad‘, sondern ‚Wurzelweg‘. Und dies hier ist ein Wort für Seelenband, das wir heute nicht mehr verwenden.“
So arbeiteten sie sich gemeinsam durch die Schriften, Nora mit dem geübten Auge der Archivarin, Weland mit dem Wissen eines Mannes, dessen Volk die alten Worte zuweilen noch im Munde führte. Es dauerte ein wenig, bis sie zwischen einer Vielzahl Pergamente eines erspähten, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog – uralt und kaum mehr zu entziffern.
„Seht her“, sagte Nora, und ihre Stimme gewann an Festigkeit. „Hier steht geschrieben: Die fünf Weisen trachteten danach, Frieden zu stiften zwischen den Wegen, Brücken zu schlagen, wo andere Gräben aushoben. Sie lehrten beide Traditionen, ehrten beide – die Lehren der Himmlischen Heerscharen und die Alten Pfade – nicht als eines, sondern in achtungsvoller Nachbarschaft.“
Weland nickte langsam, als bestätige das Geschriebene etwas, das er bereits geahnt hatte.
Nora las weiter: „Ein Mann namens Aldrich, gesandt vom Orden der Waage, sann darauf, ihrem Tun ein Ende zu bereiten. Er sammelte Männer um sich, welche die fünf Weisen für ihre Ketzerei büßen lassen sollten.“
„Der Orden der Waage“, wiederholte Nora und hielt inne. „Das sind die Hüter des Rechts innerhalb der Kirche der Heerscharen. Richter, Verteidiger des Gesetzes. Dass einer von ihnen solch eine Tat vollzog…“ Sie schüttelte den Kopf und las weiter.
„Als er die Weisen dem Tode überantwortete, sprach er Worte in einer Sprache, die niemals zuvor ein Ohr vernommen hatte – Worte, die das Licht zu verfinstern schienen. Die Bäume, an die sie gebunden waren, begannen zu schreien – ja, zu schreien, als wäre ein lebendiges Wesen in ihrem Holze gefangen.“
„Schreibt er von einem Ritual?“, fragte Weland. Sein Blick hatte sich verdunkelt.
Nora nickte, ihre Finger noch immer auf dem vergilbten Pergament ruhend. „Das Bannungsritual, welches später vollzogen wurde, hielt sie gefangen, anstatt sie zu befreien. Hier steht: ‚Wir wähnten, wir würden sie zur Ruhe betten, ihrem Treiben ein Ende setzen. Doch haben wir sie nur verstummen lassen, nur ihre Stimmen geraubt.‘“
Duolmma rieb sich die Schläfen. „Die Geschichte wird dunkel“, sagte er, nach dem rechten Worte suchend.
„Und doch bleibt vieles im Verborgenen“, bemerkte Nora, während sie die Chronik sorgfältig wieder aufrollte. „Was trieb Aldrich zu einer solchen Tat? Woher kannte er die Formeln für solch ein Ritual, und was geschah mit ihm nach der Tat?“ Sie stützte das Kinn auf die Hand, und in ihren Augen war jener forschende Blick, der die Archivarin verriet. „Es ist seit jeher nicht der Weg der Heerscharen, solche Gräuel zu vollbringen. Die Lehre des Höchsten Seins und die Alten Pfade durchziehen unsere Lande Seite an Seite, wenn auch auf getrennten Wegen. Warum vermochte niemand, das Unrecht zu sühnen? Und weshalb ruft es uns gerade jetzt aus seinem jahrhundertewährenden Schlummer?“
Weland blickte auf seine Hände. Alle drei bemerkten eine unscheinbare Veränderung – feine Linien zeichneten sich auf seinen Handflächen ab, zart wie die Maserung jungen Holzes, ein Muster, das kein Mensch von Geburt an trägt.
„Etwas erwacht“, sagte er nachdenklich. „So wie der Frühling, der jedes Jahr aufs Neue das Werden in sich trägt.“
In einem kleinen Hause am anderen Ende des Dorfes wachte Eadgard über einem kranken Kinde. Seine Enkelin Milburg – für alle im Dorfe nur Mila –, wenige Winter alt und der einzige Lichtschein, der ihm in seinen späten Jahren noch geblieben war, lag im Fieber und sprach von Dingen, die ihr kindlicher Geist unmöglich wissen konnte.
„Die fünf Weisen sind zurückgekehrt“, entrang sie sich ihrem Delirium, und ihre kleine Stimme klang brüchig und fremd. „Sie tragen Gewänder, weiß und voller Trauer. Warum hat ihnen jemand Leid zugefügt, Großvater? Warum verwehrt man ihnen die Heimkehr?“
Eadgard wischte ihr den Schweiß von der fiebrigen Stirn mit jener Behutsamkeit, die nur jemand kennt, der ein Kind dem Abgrund nahe wähnt. Das Fieber war in der Nacht gekommen, nachdem die Fremden im Dorf aufgetaucht waren. Zufall? Er glaubte daran so wenig, wie man an die Zufälligkeit des Donners glaubt, der dem Blitze folgt.
„Schlummre, kleine Mila“, flüsterte er mit brechender Stimme. „Dies sind nur Träume. Böse Träume, die der Nachtwind dir zutrug.“
„Nein!“ Ihre Finger umklammerten seinen Arm, zart und doch unerwartet fest. „Sie sind gegenwärtig! Sie begehren heimzukehren. Doch der düstere Mann mit den gleißenden Augen verwehrt es ihnen. Er ist von Bosheit erfüllt, Großvater.“ Ihre Stimme fiel in den Singsang des Hofes, doch es war keine Strophe, die im Hofe gesungen wurde. „Sie kamen mit Stricken, sie kamen bei Nacht…“
Eadgard fuhr zusammen. Diese Worte und diese Beschreibung waren ihm nicht fremd – aus dem Munde seines eigenen Großvaters hatte er sie vernommen, kurz vor dessen Hinscheiden, als der Greis im Fieber darniederlag und Dinge von sich gab, die besser ungesprochen blieben.
Er kniete nieder neben dem Bette und betete – nicht nur zu den Himmlischen Heerscharen, sondern zu allem, was Beistand leisten mochte.
„Oh Höchster, wenn es Euer Wille ist, dass die Wahrheit ans Licht trete … doch verschonet das Kind.“
Als sei eine Gnade über sie gekommen, öffnete Mila die Augen und blickte ihn an – klarer, als es einem Kinde geziemen sollte.
„Großvater, warum stellst du dich wider die Fremden? Sie trachten nur danach, das Rechte zu tun. Die Weisen haben es mir kundgetan.“ Sie hielt inne, ihre kindlichen Züge von ungewöhnlichem Ernste gezeichnet. „Sie sagen, Finn vermag ebenfalls mit ihnen zu sprechen.“
Als das erste Licht des neuen Tages über Waldheim kroch, lag eine fremdartige Beklemmung über dem Dorf. Kaldaz und Dagaz standen tiefer als gewohnt am Morgenhimmel, und ihr vereintes Licht warf Schatten, lang und dünn, über die Gassen, wie uralte Finger, die nach etwas Verborgenem tasteten.
Nora trat aus dem Gasthause, den Blick fest auf die Kapelle gerichtet, deren unvollendeter Turm sich gegen den Himmel abhob. Die schwere Eichentür war verriegelt, ein Stück Pergament daran geheftet: „Die Chroniken sind für fremde Augen nicht bestimmt.“
Nora las es zweimal und ging dann um das Gebäude herum.
Sie hatte in Zeruko Hiri zwölf Jahre in Archiven verbracht, und Archive sind Häuser wie andere auch: Sie haben eine Vorderseite für die Besucher und eine Rückseite für die Kohlen. Hinter der Kapelle fand sie ein Fenster in Brusthöhe, dessen Butzenscheiben so trüb waren, dass man von innen nicht hinaus- und von außen kaum hineinsah. Sie wischte mit dem Ärmel darüber, legte die Hände an die Schläfen und spähte hinein.
Der Raum dahinter war eine Sakristei, und an der Wand stand ein Regal aus vier Brettern.
Das Regal war leer. Nicht aufgeräumt, nicht ordentlich – leer. Auf dem Holz lag der Staub und in dem Staub zeichneten sich dunklere Streifen dort, wo bis vor kurzem etwas gestanden hatte.
Nora verharrte länger, als nötig gewesen wäre, und sann darüber nach, wer nach so langem Schweigen gerade jetzt, da drei Fremde ins Tal gekommen waren, forttrug, was in der unfertigen Kapelle vergessen schien.
Als sie zurückkam, warteten Duolmma und Weland vor dem Gasthaus, beide mit eigenen Berichten des Widerstands.
„Jemand durchsuchte mein Gemach“, sagte Duolmma. Er sprach langsam, jedes Wort einzeln setzend. „Meine heiligen Dinge hat jemand angefasst. Hände, die nicht wissen, was sie da anfassen.“
Welands Miene war düster. „Meine Wanderstiefel. Nicht nur Dornen darin. Eine Substanz, die nach Tod und Verwesung duftet.“
Sie standen im Licht des Morgenwerks, drei Fremde in einem Dorfe, das sie nicht willkommen hieß, und dennoch war in ihren Augen Entschlossenheit zu lesen.
„Das ist keine Warnung mehr“, sagte Nora, und ihre Stimme zitterte vor verhaltener Empörung. „Eine Warnung will, dass wir gehen. Wer Bücher wegträgt, rechnet damit, dass wir bleiben.“
Finn erschien hinter ihnen, ein schmaler Schatten, als hätte er dort schon gewartet. Seine Augen blickten zu ihnen auf, und seine leise Stimme trug Worte, die schwer fielen in die Stille des dämmernden Morgens.
„Marta ruft euch“, sagte er nur, und legte den Finger auf die Lippen.
Die Sonne Kaldaz warf ihr bläuliches Licht über das Dorf, als Finn sie durch Gassen führte, die keiner der drei zuvor bemerkt hatte – schmale Wege zwischen den Häusern, durch verwilderte Gärten, an verschwiegenen Hinterhöfen vorbei. Der Knabe bewegte sich mit der Sicherheit eines Tieres in seinem angestammten Revier, und obwohl seine Schritte klein waren, hielten die Erwachsenen kaum Schritt.
Am Rande des Dorfes, wo die letzten Häuser sich dem Walde zuwandten, stand eine Hütte, die mehr dem Erdboden zu entstammen schien als Menschenhand. Ranken umwuchsen ihre Wände, und das Dach trug eine dichte Decke aus Moos.
„Hier wohnt Marta“, flüsterte Finn, und sein Atem bildete kleine Nebelwölkchen in der erkalteten Luft.
Die Tür öffnete sich, noch ehe einer von ihnen die Hand zu heben vermochte. Eine Frau stand im Türrahmen, deren Alter so unbestimmt schien wie das der Bäume im Walde. Ihr Haar war weiß, doch ihre Augen glänzten mit dem klaren Licht der Jugend. Sie trug ein Gewand aus grobem Stoff, mit Zeichen bestickt, die den Alten Pfaden entstammten – Spiralen und verschlungene Knoten, wie Nora sie an den alten Kultsteinen auf dem Weg nach Waldheim gefunden hatte.
„Ich bin Marta“, sprach sie, und ihre Stimme klang vertraut, obwohl die Umstehenden sie zum ersten Male vernahmen. „Ich war Hebamme in diesem Dorfe, seit eure Väter noch nicht geboren waren. Jedes Kind in Waldheim kam durch meine Hände in diese Welt.“
Sie legte ihre knochige Hand auf Finns Haupt, und der Knabe neigte sich ihr entgegen. „Manche trugen schon bei der Geburt die Zeichen des Besonderen. Dieser hier am deutlichsten.“
Weland betrachtete Marta, und etwas in seinem Blick veränderte sich. Sie hatten einander nie zuvor gesehen, und doch war da ein Verstehen, das keiner Worte bedurfte. Duolmma schien es ebenfalls zu spüren; er neigte den Kopf, eine Geste aus seiner Heimat, die Achtung vor einer Ältesten bekundete.
Nora hingegen musterte die Hütte, die Kräuterbündel, die Symbole, mit dem prüfenden Blick der Gelehrten, die neues Wissen erschließt.
Sie traten ein. Der Raum schien im Inneren größer, als es von außen möglich war, erfüllt von Düften, die Weland vertraut waren – Salbei, Wacholder, etwas Herbes, das er nicht benennen konnte, aber in den Knochen spürte.
„Ihr habt Fragen“, stellte Marta fest, als sie sich um den Tisch niederließen, auf dem eine Öllampe brannte, deren Flamme sich nicht im leisesten Luftzug regte. „Und ich trage Antworten in mir, die schwer wiegen.“
Nora legte die Hände auf den Tisch, die Finger gespreizt, als ordne sie unsichtbare Dokumente. „Wir fanden eine Chronik. Sie berichtet von fünf Weisen, die auf dem Hügel lehrten, und von einem Mann namens Aldrich, der sie tötete. Aber die Schrift ist lückenhaft. Was wisst Ihr darüber?“
Marta betrachtete sie einen Moment, und ein feines Lächeln umspielte ihre Mundwinkel – nicht spöttisch, aber wissend. „Ihr fragt nach dem Was und dem Wann. Das ist die Art Eures Hauses, nicht wahr? Des Hauses, das die Bücher hütet.“
Nora hob die Brauen. „Woher wisst Ihr …“
„Ich erkenne es an der Art, wie Ihr nach Wahrheit sucht – mit dem Verstand, Zeile für Zeile.“ Marta wandte sich an die beiden anderen. „Aber es gibt Dinge, die nicht in Zeilen stehen.“
Duolmma nickte, langsam. „In meinem Volk … wir sagen: Die Erde vergisst nicht. Was geschehen ist, liegt in ihr. Wie Samen.“
„So ist es“, sagte Marta, und zum ersten Male schien ihre Stimme wärmer zu werden. Sie sah Duolmma an, länger als nötig. „Einer von ihnen kam aus deiner Richtung, Junge. So heißt es. Von jenseits der Berge, wo es keine Eichen gibt. Niemand weiß, wie er hierhergefunden hat, und niemand weiß seinen Namen.“ Sie wandte sich wieder an alle. „Die fünf Weisen waren keine gewöhnlichen Menschen. Sie wandelten zwischen den Glaubenswelten hin und her, als wären es Nachbarhöfe, wo andere nicht einmal über den Zaun sahen. Und sie hatten etwas, das es ihnen ermöglichte, heißt es.“
„Sie erkannten eine Wahrheit, die in jener Zeit gefährlich war“, ergänzte Weland. Es war keine Frage.
Marta nickte. „Dass alle Wege eine gewisse Wahrheit in sich tragen, obgleich sie durch verschiedene Landschaften führen. Die Lehre der Himmlischen Heerscharen war in diesen Tälern noch jung – das Höchste Sein und seine sieben Heerscharen, die die Menschen auf tugendhafte Pfade leiten. Und die Alten Pfade, die hier seit Anbeginn verwurzelt waren, wurden von manchem noch als Irrweg verdammt.“ Sie sah Weland an. „Dein Bund weiß davon.“
„Ja“, sagte Weland. Mehr nicht.
„Die fünf gründeten einen Kreis auf dem Hügel“, fuhr Marta fort. „Sie fanden dort fünf Eichen in vollkommener Anordnung und lehrten dort beide Wege – nicht vermischt, sondern in achtungsvoller Nachbarschaft.“
Nora beugte sich vor. „Bis Aldrich kam.“
„Bis Aldrich kam.“ Martas Stimme senkte sich. „Ein Eiferer des Ordens der Waage, der nur einen Weg gelten lassen wollte.“ Sie strich mit dem Daumen über die Tischkante. „Eine Predigt kann man widerlegen, Kind. Man stellt eine bessere daneben und ist im Recht. Gegen das, was die Fünf taten, half kein Widerlegen. Wer bei ihnen gewesen war, wusste hinterher etwas, und Wissen lässt sich nicht bestreiten wie eine Behauptung. Das ist gefährlicher als jede Ketzerei.“ Sie hob den Blick. „Aber es war nicht allein sein eigener Hass, der ihn trieb.“
Duolmma berührte unwillkürlich seine Trommel. „Etwas Dunkles hat durch ihn gewirkt.“ Er rang mit dem Worte. „Wie ein … Spielmann durch sein Instrument.“
Marta sah ihn an, und in ihrem Blick lag Anerkennung. „Dein Volk hat die Verbindung niemals verloren, die hier verschüttet wurde. Ja. Ein Schatten aus den Tiefen dessen, was hinter dem Licht liegt. Ein Wesen, das sich von Zwietracht nährt. Es flüsterte in Aldrichs Träume, lenkte seine Hand, legte ihm Worte in den Mund, die keines Menschen Zunge je zuvor geformt hatte.“
„Was geschah in jener Nacht?“, fragte Nora. Ihre Stimme war fest, doch ein Schauer kroch über ihre Haut.
„Sie wurden umgebracht“, antwortete Marta, und ihre Augen füllten sich mit Tränen, die im Lampenlicht schimmerten. „Wie genau, weiß ich nicht, und wer meint, Genaueres zu wissen, der hat es erfunden. Was ich weiß, ist, was man weitergibt, und jede Familie trägt ihre eigene Version der Geschichte.“
Sie hob die Hand und zählte an den Fingern ab, wie man Kindern etwas vorzählt.
„Dass es fünf waren. Dass es nachts war. Dass die Bäume gefällt und vergraben wurden und die Fünf mit ihnen. Und dass man nicht darüber redet.“ Sie ließ die Hand sinken. „Nur diese vier Fakten in fünfhundert Jahren. Das ist alles, was erhalten blieb. Der Rest ist dazugewachsen wie Moos über totes Holz.“
„Sie sind dort unten“, flüsterte Finn aus seiner Ecke. „Die Weisen. Sie harren seit Jahrhunderten. Und mit ihnen der dunkle Mann.“
Marta betrachtete die drei, und ihr Blick ruhte zuletzt auf Weland. Ein Schatten von Sorge huschte über ihr Antlitz. „Und du, Eibenhüter … du bist bereits auf einem Wege, den zu beschreiten gefährlich ist. Die Veränderung hat begonnen, ohne dass du es wolltest.“
Weland senkte den Blick auf seine Hände. „Ich spüre es“, gestand er. „Seit wir in Waldheim eintrafen, ist etwas in mir erwacht, das zuvor schlummerte.“
Marta legte ihre Hand auf die seine. Es war eine Berührung, die Nora fremd war – die Geste einer Frau, die mit den Händen liest, was die Erde zu sagen hat.
Gegen Ende des Morgenwerks, ehe die Schattenruhe über das Tal kam, stiegen sie hinauf. Sie gingen langsam und sprachen nicht, denn keiner von ihnen wollte etwas übersehen.
Nora schritt den Hügel ab, weil ihr kein besseres Mittel zu Gebote stand: von der Kuppe abwärts nach den vier Winden, in gleichmäßigen Schritten, und zählte dabei halblaut vor sich hin. Was ihr die Zahlen sagten, gefiel ihr so wenig, dass sie den Gang ein zweites Mal tat und danach ein drittes.
„Er ist rund“, sagte sie endlich. „Nicht beinahe rund, sondern rund.“ Sie blickte auf ihre offenen Hände, als lägen die Zahlen darin. „Hügel sind nicht rund. Was hier liegt, ist ein Kreis, und er misst nach jeder Seite dasselbe.“
Weland hatte indes auf den Knien gelegen, hatte an vier Stellen die Grasnarbe aufgehoben, die Erde zwischen den Fingern zerrieben und den Rasen wieder zugedrückt.
„Die Erde ist gut“, sagte er. „Nicht sauer, nicht ausgelaugt, nicht zu nass. Auf solchem Grunde wächst alles, und zehn Schritte weiter wächst es auch.“ Er erhob sich und klopfte die Hände ab. „Hier oben wächst nichts. Und die Erde selbst weiß nicht, warum.“
Duolmma hatte die ganze Zeit nichts anderes getan, als dazustehen und den Kopf zu wenden.
„Keine Vögel“, sagte er.
Die beiden anderen sahen ihn an.
„Unten am Bache sind welche, am Waldrande sind welche. Hier oben keiner.“ Er wandte sich noch einmal langsam im Kreise, ehe er es aussprach. „Auch keiner, der darüber hinwegzieht.“
Drei Beobachtungen, die Nora niederschrieb, weil man es sie so gelehrt hatte – und keine, die zur anderen führte. Der Hügel lag schweigend wie zuvor, und was er verbarg, verbarg er weiter.
Es war zu Beginn des Abendwerks, als die drei Fremden beschlossen, ein zweites Mal hinaufzugehen. Barkuz, das silberne Band, das den Himmel durchschnitt, schien am frühen Abendhimmel und warf sein Licht über eine Welt, die fremd und unwirklich erschien.
Der Hügel lag vor ihnen, kahl im silbrigen Scheine, jedes Gräslein, jeder Stein deutlich sichtbar in dem fremdartigen Lichte, das keinen Schatten warf, sondern alles in eine gleichförmige, unnatürliche Klarheit tauchte. Sie schritten die sanfte Steigung empor. Die Stille um sie her war so vollkommen, dass sie ihr eigenes Herzschlagen zu vernehmen glaubten.
Auf halbem Wege zum Gipfel blieb Weland stehen. Er sagte nicht, warum. Nora musterte ihn und konnte keinen Grund für sein Zögern ausmachen; der Boden lag still, die Luft stand, es war nichts geschehen. Weland stand nur da, wie ein Mensch stehen bleibt, dem jemand ins Ohr gesprochen hat.
„Hier“, sprach er.
Und dann war etwas da.
Nora hätte später nicht zu sagen vermocht, woran sie es bemerkte. Sie wusste es, ehe sie sich umwandte, und wusste doch nicht, woher sie es wusste.
Es hatte keine Gestalt, wohl aber eine Zahl. Nora hätte beschworen, dass es fünf waren; fragte sie sich später, woran sie es erkannt haben wollte, so fand sie nichts, worauf sie hätte weisen können. Undeutlich war es nicht. Es wurde nur nicht deutlicher, so lange sie auch hinsah.
Dann vernahmen sie eine Stimme – nicht als Laut, sondern wie den Nachhall eines Traumes, aus dem man eben erwacht ist. Jeder der drei war hinterher gewiss, etwas gehört zu haben, und keiner vermochte zu sagen, ob mit den Ohren. Sie kam in Stücken, und es blieb offen, ob die Stücke fehlten oder ob man sie überhört hatte.
„Wir sind gekommen, die Wahrheit zu suchen“, sprach Nora in das Dunkel.
… danken euch … dass ihr gekommen …
Nora trat einen Schritt vor. Ihr Herz schlug hart gegen die Rippen, doch die Gelehrte in ihr griff nach dem, was sie verstand, nach Mustern, nach Ordnung in dem Zerbrochenen.
„Worüber wollt ihr sprechen?“, rief sie. „Die Wahrheit über das, was euch angetan wurde?“
… ein Teil … ist ausgesprochen … nicht alles …
Duolmma stand reglos, die Hand auf der Trommel, und schlug nicht. In seinem Gesicht stand etwas, das Nora nicht deuten konnte und für Ehrfurcht hielt.
Weland hatte die Augen geschlossen, die Handflächen nach unten gewandt.
„Gift“, sagte er leise. „Etwas vergiftet den Boden. Hält sie fest.“
… es flüstert … giftige Worte … hält uns …
Dann kam nichts mehr, eine ganze Weile lang.
Nora beugte sich vor, als vermöchte ihr Wille die Worte zu halten, die zu zerfallen drohten.
„Was ist unsere Rolle?“, fragte sie, und es lag keine Furcht mehr in ihrer Stimme, nur die Dringlichkeit einer Frau, die spürte, dass das, was sich hier zu formen versuchte, nicht lange bleiben würde.
Duolmma begann zu trommeln, kaum hörbar, ein Rhythmus, der nicht mit dem rang, was da war, sondern ihm einen Grund legte, auf dem es stehen konnte.
Und dann, für einen Herzschlag, war es beinahe deutlich:
… Ihr seid die Schlüssel …
Danach war es still, und keiner hätte zu sagen gewusst, seit wann. Das Fortsein war schon eine Weile dagewesen, ehe sie es bemerkten.
Weland stand auf den Knien, ohne dass jemand ihn hatte niedergehen sehen, die Hände in der Erde. Als Nora ihn anfasste, war seine Haut heiß, und die feinen Linien auf seinen Handflächen traten hervor wie Adern nach schwerer Arbeit.
Für einen langen Moment herrschte Stille, als wäre die Welt selbst erschöpft. Dann sprach Nora, ihre Stimme leise, doch gefasst.
„Fragmente“, sagte sie schließlich, als koste es sie Mühe, auch nur dieses eine Wort zu setzen. „Mehr kann ich nicht daraus machen.“
Weland erhob sich langsam. Als er sprach, schien seine Stimme von weither zu kommen, durch dichtes Laub gefiltert.
„Sie wollen etwas von uns“, sagte er. „Was, weiß ich nicht.“
„Aber was sie bindet“, ergänzte Duolmma, die Trommel noch in den Händen, „will seine Gefangenen nicht hergeben.“ Er hielt inne, suchte. „Wie ein Tier in der Falle.“
Sie wandten sich zum Gehen, doch Weland verharrte noch einen Moment, den Blick auf den Hügel gerichtet, als sei dort etwas nicht zu Ende. Ein Schauder durchlief seinen Körper.
„IHR WAHNSINNIGEN!“
Noch von den Geschehnissen erschüttert, schreckten die drei auf und fuhren herum. Eadgard stand in einigem Abstand, das Gesicht von Entsetzen verzerrt.
„Ihr tragt das Werk des Bösen in euch! Ihr versucht, sie zu erwecken, diese … diese Kreaturen, und redet von Befreiung?“ Seine Stimme überschlug sich. „Sollen sie noch mehr Leid über uns und unsere Kinder bringen? Ihr werdet das Dorf verlassen. Wenn nicht heute, dann spätestens morgen.“
Hastig wandte er sich um und eilte talabwärts nach Waldheim.
Duolmma schaute ihm nach. „Er hat große Angst“, sagte er bedächtig. „Es ist wohl Zeit, dass wir …“ Er suchte nach dem Wort, gab es auf und deutete mit einer Geste zum Gasthaus.
Weland schaute zum Himmel, an dem bereits die Monde sichtbar wurden, und ihr dreifaches Licht – silbrig, violett, rötlich – mischte sich mit dem letzten Schein des Abends. In dieser Nacht hatte der rötliche Draupnaz die Oberhand, und die Wälder ringsum lagen in einem Scheine, wie ihn Weraldiz nur selten über seine Weiten gießt. Weland betrachtete ihn lange.
„Wandel“, sagte er leise. Dann folgte er den anderen.
Spät in der Nacht, zur Stunde der Besinnung, kniete Nora am Fensterbrette ihrer Kammer, wie sie es seit jungen Jahren tat. Unten wurde eine Tür geöffnet und wieder geschlossen. Im Hause nebenan sang jemand sehr leise für ein Kind, das nicht schlafen wollte.
Sie faltete die Hände und tat, was man sie gelehrt hatte: den Geist hinhalten wie ein leeres Blatt und warten, ob etwas darauf geschrieben würde. In Zeruko Hiri hatte sie diese Stunde in einer Kammer verbracht, deren Fenster auf den Hof der Lesepulte ging; auch dort war das Blatt fast immer leer geblieben.
Es blieb auch in dieser Nacht leer. Sie hatte längst begriffen, dass nicht das Beschriebenwerden die Übung war, sondern das Warten. Als die Glocke schwieg, löschte sie das Licht.