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Die Verhehlung - Kapitel 1

Was man in Waldheim nicht sagt

Was in einem Hause verschwiegen wird, bleibt darum nicht darin. Es nimmt den Weg durch die Kehle dessen, der am wenigsten davon weiß, und wird dort zum Liede. Wer nichts erklärt, bestimmt nicht mehr, was weitergegeben wird.


Das Gasthaus zum Siebenrück harrte seit dreihundert Wintern an derselben Stelle. Der Rauch dreier Jahrhunderte saß in seinem eichenen Gebälk, die Tischkanten waren blank gegriffen von Händen, die niemand mehr kannte, und in das Holz neben der Tür hatten Reisende ihre Zeichen geschnitten, eines über dem anderen, bis keines mehr zu lesen war.

Gerwin der Wirt trocknete mit gleichmäßigen Bewegungen einen Krug aus mattem Zinn. Im flackernden Licht der Öllampe glänzte der Schweiß auf seiner Stirn, obgleich die Stube von keiner übermäßigen Wärme erfüllt war. Seine Augen huschten immer wieder zum Fenster, durch welches man den kahlen Hügel erkennen konnte, der sich sanft gegen den Himmel wölbte, während das erste silbrig-blaue Licht der Schattenruhe sich über die Kuppe legte.

Die Tür schwang auf, und mit dem Luftzug wehte ein zarter Duft von Winterheide herein, der sich mit dem schweren Aroma von Bratensoße und Bier verband. Drei Gestalten traten ein, unterschiedlich in Haltung und Gewandung, und traten dennoch gemeinsam über die Schwelle. Vom Bach herauf waren sie fast wortlos gegangen.

Die Frau, welche zuerst die Schwelle überschritt, trug Gewänder feinen argitarischen Tuchs, darauf sich windende Ornamente gleich heiligen Schriftzeichen, und hochgeschnürte Stiefel, denen man weite Wege ansah. Ihre Haut schimmerte bleich, ihr Haar trug jenes Silber, das nur einigen wenigen Sippen der Argitari zu eigen ist.

„Gesegnete Stunde“, grüßte sie in Argitarisch, der Zunge weiter Teile Auwharins. Ihre Stimme trug den gemessenen Klang der Tempelhallen von Zeruko Hiri. Wie von selbst glitt ihre Hand über ihr Herz, das Zeichen der Himmlischen Heerscharen vollführend. „Ich bin Nora vom Haus der Erinnerungen zu Zeruko Hiri.“

Der zweite Gast, ein Lithi aus dem hohen Norden, das Gesicht wind- und wettergegerbt, mit breiten Wangenknochen und schmalen Augen, die das Blinzeln gegen den Schnee gelernt hatten, neigte grüßend das Haupt. An seinem Gürtel hing eine kleine Trommel, bemalt mit Zeichen, die keiner in dieser Stube je gesehen hatte.

„Ich bin Duolmma“, sprach er in der Sprache der Aus’Harringer, die er auf seinem Weg durch die kleinen Orte Auwharins Wort für Wort erlernt hatte, das Gesprochene sorgsam formend, als wäre jeder Laut ein kostbares Gut, das nicht verschwendet werden durfte. „Suche Gemach für … für eine Nacht oder mehr.“

Der Dritte im Bunde, Weland, blieb einen Moment im Türrahmen stehen. Sein Blick wanderte durch den Raum, ruhig und wachsam. Seine Kleidung war einfach, aus festem Stoff gewoben, der die Farben des Waldes trug – Braun und Grün, durchsetzt von einem Muster, das erst auf den zweiten Blick eines war. Seine Augen waren grau wie der Himmel vor einem Frühlingsgewitter.

„Weland vom Band der Eibenhüter“, stellte er sich vor, ohne eine weitere Erklärung hinzuzufügen, als wäre dies Auskunft genug.

Gerwin betrachtete die drei einen Moment, ehe er das Wort ergriff.

„Ihr seid einen weiten Weg gewandelt“, bemerkte er und rieb die schwieligen Hände an seiner Schürze. „Doch selten verirren sich Reisende nach Waldheim …“ Die Verwunderung stand ihm deutlich im Gesicht.

„Keiner von uns kam wegen des anderen“, antwortete Weland schlicht. „Wir sind einander erst am Bach begegnet, vor kaum einer Stunde.“

Gerwin warf ihm einen fragenden Blick zu.

„Mit dem Boden hier stimmt etwas nicht“, fügte Weland hinzu. „Man riecht es seit zwei Tagen im Wind. Ich bin ihm nachgegangen wie einer Fährte.“

Der Wirt erbleichte sichtlich und stellte den Krug auf das Regal hinter sich, wo dieser mit einem dumpfen Klang gegen die Wand stieß.

„Ihr solltet nicht von solchen Dingen sprechen“, sagte er mit gesenkter Stimme. „Nicht hier. Nicht in Waldheim.“

Ein beklommenes Schweigen senkte sich über die Gaststube, in der sich außer den drei Neuankömmlingen nur ein alter Mann mit schlafender Katze auf dem Schoße und zwei Bauern befanden, die ihr Bier in dumpfem Einvernehmen tranken. Doch alle schienen plötzlich zu lauschen, als wäre ein unerwarteter Ton erklungen, der in der Stille nachschwang.

„Wir benötigen drei Kammern“, sagte Nora mit fester Stimme, die den Bann des Schweigens brach. „Und vielleicht etwas zu speisen, falls Eure Küche bereitet ist.“

„Gewiss, edle Dame“, antwortete Gerwin hastig, fast erleichtert über die Wendung des Gesprächs. „Drei Kammern stehen bereit, und meine Frau hat einen Hasenbraten im Ofen, der Euren Hunger wohl zu stillen vermag.“

Während der Wirt davoneilte, nahmen die drei an einem Tisch nahe dem Fenster Platz. Die beiden Bauern warfen ihnen einen letzten verstohlenen Blick zu und erhoben sich gleichzeitig, als hätten sie ein unausgesprochenes Zeichen vernommen. Mit gemurmeltem Gruß verließen sie das Gasthaus, gefolgt von dem Alten mit seiner Katze, die sich unwillig in seinen Armen wand.

„Ein seltsamer Empfang“, murmelte Duolmma. „Als hätten wir … ungesagte Regel gebrochen.“

„Es ist nicht unsere Ankunft, die sie verstört“, antwortete Weland und blickte zum Fenster hinaus, wo der Hügel sich dunkel gegen das Zwielicht abhob. „Es ist das, was auch immer es mit dem Hügel auf sich hat.“

Die beiden anderen wandten den Blick zum Fenster und betrachteten die Erhebung mit neuem Interesse. Ringsum lag totes Vorjahresgras, aus dem stellenweise das erste Grün stieß. Auf der Kuppe war jedoch nicht das kleinste Zeichen des Frühlings zu erkennen.

Barkuz hatte sich zwischen die Sonnen und die Welt geschoben und goss sein silbrig-blaues Licht über das Land. Draußen wurden die Läden zugezogen, und aus der Küche kam kein Klappern mehr.

Gerwin kehrte mit einem Tablett zurück, auf dem dampfende Teller und Krüge standen. Er wirkte gefasster nun, die Schultern gerade.

„Ihr seid nicht die Ersten, die nach dem Hügel fragen“, sagte er, während er die Speisen aufstellte, sein Blick starr auf das Holz des Tisches gerichtet. „Doch die meisten, die zu viel wissen wollen, verlassen Waldheim schneller, als sie gekommen sind.“

„Ist das eine Warnung?“, fragte Nora mit hochgezogener Braue.

„Nennt es eine freundliche Mahnung.“ Gerwin rückte die Teller mit unnötiger Sorgfalt zurecht. „Manche Dinge sind besser im Dunkel belassen, wo sie seit langem ruhen und keine Sorgen bereiten.“

Mit diesen Worten entfernte er sich wieder, den Rücken steif, als trüge er etwas zwischen den Schulterblättern, das er nicht abzusetzen vermochte.

„Etwas liegt im Argen hier“, bemerkte Duolmma, während er vorsichtig ein Stück des Bratens kostete. „Ich spüre es. Im Knochen.“

„Ja“, bestätigte Weland. „Die Erde selbst schläft unruhig unter diesem Dorf.“

Nora aß schweigend, ihre grünen Augen nachdenklich. Sie ordnete für sich, was der Tag gebracht hatte. Schließlich sagte sie: „Nach der Schattenruhe sollten wir mit einigen Dorfbewohnern sprechen.“ Sie blickte zum Fenster, durch das man den Hügel nur noch als dunklen Umriss erkennen konnte. „Falls einer mit uns spricht.“


Nora, Weland und Duolmma hatten sich in die höchste Kammer des Gasthauses zurückgezogen. Von hier aus bot sich der beste Blick auf den Hügel, der im silbrigen Licht von Barkuz mit einem überirdischen Schimmer bedeckt schien. Die Luft im Zimmer war erfüllt von einer eigentümlichen Spannung, als stünde ein Gewitter bevor, doch der Himmel war klar und Barkuz in seinem Licht deutlich zu erkennen.

Plötzlich erklang von draußen ein Lied – hell und klar, mit der unschuldigen Reinheit von Kinderstimmen, die doch einen Text sangen, der seltsam unpassend wirkte für so junge Kehlen:

Fünf waren der Wächter, fünf waren der Ring,
fünf Bäume standen im wachsenden Gras.
Fünf hat der Hügel genommen bei Nacht –
wer bei ihnen saß, ging heim ohne Hass.

Der Hügel hält Harm, der Hügel hält Hader,
kein Halm will da wachsen, kein Vogel will ruhn.
Was unter ihm liegt, das liegt ohne Namen,
und keiner in Waldheim weiß, was wir tun.

Und fragt dich ein Kind, dann sollst du nicht schweigen,
und fragt dich ein Kind, dann sag ihm, was war.
Wir singen im Kreise, wir singen es fort,
und keiner hat's je gesagt, Jahr um Jahr.

Die drei eilten zum Fenster. Unten auf dem Platz vor dem Gasthaus standen etwa ein Dutzend Kinder im Kreise, Hand in Hand, und sangen ihr unheimliches Lied in das Zwielicht hinauf. Ihr Gesang hatte etwas Rituelles, im gleichmäßigen Wiegen der gefassten Hände, im Ernst ihrer Kindergesichter.

Nora hatte die Hand auf das Fensterbrett gelegt und nahm sie nicht fort. „Fünf. Sie singen von fünf.“ Weland trat neben sie und sah hinunter, ohne etwas zu sagen.

„Es ist ein altes Lied“, antwortete eine Stimme hinter ihnen. Sie fuhren herum und erblickten Gerwin in der Türöffnung, ein Tablett mit dampfendem Tee in den Händen. Sein Gesicht wirkte im Halbdunkel älter, zerfurchter, die Schatten tief in den Falten um seine Augen. „Die Kinder von Waldheim singen es seit Generationen, ohne seinen wahren Sinn zu kennen. Es ist … ein Echo, nichts weiter.“

„Ein Echo wovon?“, fragte Weland.

Gerwin schüttelte den Kopf, als erwache er aus einem Traum, und seine Miene verhärtete sich wieder zur höflichen Maske des Wirtes. „Ach, alles Kindergeschwätz und alte Ammenmärchen, nichts, was vernünftige Leute glauben würden.“ Hastig stellte er den Tee ab. „Diese Gören“, murmelte er, das Antlitz bleich, und eilte hinaus. „Finn! Finn, was singst du da für ein Lied?“

Die drei Fremden vernahmen die helle Stimme eines jungen Knaben: „Das singen wir allzeit in der Schattenruhe, Herr Gerwin. Marta sagt, alle Kinder in Waldheim kennen es, seit Menschengedenken.“

„Nun, vergiss es wieder. Solche alten Lieder gehören nicht in Kindermünder. Geht nach Hause, alle miteinander.“

Einige Schritte entfernten sich hastig, doch ein Paar Füße blieb stehen. Durch das Fenster gewahrten die drei einen Knaben mit Haar, blond wie reifes Korn, der zurückgeblieben war und zu ihrem Fenster heraufblickte. Seine Augen schienen selbst auf die Entfernung ungewöhnlich wissend.

„Das ist Finn, der Sohn des Zimmermanns Haldor“, erklärte Gerwin, als er zurückkehrte, das Gesicht gerötet. Seine Stimme klang bemüht gleichmütig. „Ein aufgewecktes Kind, doch wie alle Kinder hier – sie wissen nicht, was sie singen.“

Welands Blick war noch immer zum Fenster gewandt. Der Junge sah ihn ruhig und lange an, mit einem Ernst, der nicht zu seinen Jahren passen wollte, bevor er sich umwandte und Schritt für Schritt davonging.

Unten auf dem Platz waren alle Kinder nun verschwunden, doch ihr Lied schien noch in der Luft zu hängen, ein Nachklang, der nicht weichen wollte.

Der Hügel hält Harm, der Hügel hält Hader …


Die drei hatten sich zur Ruhe gebettet, wie das ganze Dorf um sie her.

Als sie zum Ende der Schattenruhe die Treppe hinunterstiegen und die Gaststube betraten, hatte sich diese unerwartet mit Dorfbewohnern gefüllt, welche vorgeblich ihren Krug zum Abendwerk tranken, in Wahrheit jedoch die Fremden beobachteten mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen.

Die Gespräche verstummten, wann immer einer der drei sich zu nahe an einen besetzten Tisch begab, und manchmal konnte Nora Getuschel vernehmen, das abbrach, sobald sie den Kopf wandte.

„Sie sind gespalten“, bemerkte Weland leise, während er einen Schluck aus seinem Krug nahm. „Manche fürchten uns, andere hoffen auf uns.“

„Woher mag diese Erwartung rühren?“ Nora beugte sich näher, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Was könnte in einem so kleinen, abgelegenen Dorfe geschehen sein, das solche Vorahnungen hervorbringt?“

Duolmma, der bis dahin schweigend dabei gesessen hatte, ließ den Blick durch den Raum schweifen. „Kleiner Ort, großes Geheimnis“, sagte er. „Wie stiller Teich, der in Tiefe Strudel birgt.“

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und Finn trat ein. Trotz seiner jungen Jahre trug sein Gebaren eine ungewöhnliche Würde, als wäre er älter, als sein schmaler Leib vermuten ließ. Seine Augen wanderten suchend durch den Raum, bis sie auf den drei Fremden ruhten.

Ohne zu zögern schritt er geradewegs auf ihren Tisch zu. Die Gespräche in der Gaststube erstarben.

„Ihr seid die Fremden“, sagte der Junge ohne jeden Gruß, seine Stimme klar und fest. „Die Weisen haben von euch gesprochen.“

„Finn!“ Gerwin eilte herbei, sein Gesicht gerötet vor Verlegenheit oder Schreck. „Was tust du hier? Dein Vater sucht dich schon seit Beginn der Schattenruhe.“

„Ich musste sie sehen“, antwortete der Knabe unbeeindruckt, seine Augen noch immer auf die drei gerichtet. „Sie sind gekommen, um die Weisen zu befreien, nicht wahr?“

„Genug jetzt.“ Gerwin fasste den Jungen sanft, aber bestimmt am Arm. „Dein Vater wartet, und diese guten Leute haben sicher Wichtigeres zu tun, als Kinderphantasien zu lauschen.“

„Es sind keine Phantasien!“ Finns Stimme erhob sich, und für einen Moment schien etwas anderes aus ihm zu sprechen, etwas Älteres, Mächtigeres. „Wir harren. Wir harren schon so lange …“ Er machte eine kurze Pause. „Und nun seid ihr hier, die drei Fremden, von denen Marta gesprochen hat.“

Ein Gemurmel ging durch den Raum, und einige der Gäste erhoben sich hastig, als hätten sie plötzlich dringende Geschäfte zu erledigen. Gerwins Griff um Finns Arm verstärkte sich, und mit einer Entschuldigung führte er den Jungen zur Tür.

„Bitte verzeiht“, sagte er über die Schulter zurück. „Der Knabe hat eine blühende Einbildungskraft. Sein Vater wird ihn zur Vernunft bringen.“

Als die Tür sich hinter ihnen schloss, blickten sich die drei an. Eine unausgesprochene Frage hing zwischen ihnen.

„Die Weisen unter dem Hügel“, wiederholte Nora langsam. „Und er sagte, eine Marta habe von uns gesprochen.“

„Von drei Fremden“, ergänzte Weland. Ein nachdenkliches Funkeln lag in seinen Augen.

„Wir sollten mit diesem Knaben sprechen“, sagte Duolmma entschieden. „Dieses Kind weiß mehr, als Erwachsene ihm zutrauen.“

Gerade als die drei das Gasthaus verlassen wollten, erhob sich ein Mann mittleren Alters von der Bank nahe der Tür. Er war breit gebaut, die Hände rau von der Arbeit am Webstuhl, und trug einen Bart, in dem das Grau überwog. Hinter ihm standen ein halbes Dutzend Männer des Ortes auf, als folgten sie einem lang eingeübten Zeichen. Der Mann verschränkte die Arme vor der Brust und stellte sich zwischen die Tür und die drei Fremden. Sein Blick war kalt und ohne Zweifel.

„Ihr seid hier nicht willkommen“, sprach er, und seine Stimme trug die Schwere eines Mannes, der gewohnt war, gehört zu werden. „Seht selbst, wie ihr dem kleinen Finn seinen armen Kopf verdreht.“

Er musterte die drei von oben bis unten, langsam, als wolle er sich jedes Gesicht einprägen.

„Nehmt diese freundlich gemeinte Warnung“, sagte er mit leiser Betonung, „und verschwindet aus Waldheim, bevor es zu spät ist.“

Die drei Fremden keines weiteren Blickes würdigend, drehte er sich um und verließ die Gaststube, und die Männer mit ihm. Die Tür fiel schwer ins Schloss.

„Das war Eadgard der Weber“, wandte sich Gerwin an die drei, die mit ihm die Letzten im Gasthaus Verbliebenen waren. Seine Stimme klang gedämpft. „Wie ich bereits sagte – nicht jeder in diesem Ort freut sich über Fremde, die ihre Nase in Angelegenheiten stecken, die sie nichts angehen. Und Eadgard ist nicht der Mann, der eine Warnung zweimal ausspricht.“


Als sie das Gasthaus nach einer kurzen Atempause verließen, lag Waldheim vor ihnen im klaren Lichte des Tages. Es war ein bescheidenes Dorf, kaum dreißig Häuser, die sich um einen Brunnen drängten; dazwischen die Schmiede, die Werkstatt eines Zimmermanns, ein Backhaus, und über allem die kleine verwitterte Kapelle, deren Turm auf halber Höhe abbrach. Alles wirkte gepflegt und ordentlich. Doch Weland bemerkte, dass in den Vorgärten kaum Blumen wuchsen.

Sie fanden den Jungen bei der Schmiede, wo er auf einem Holzblock saß und dem rhythmischen Klang von Hammer auf Amboss lauschte. Als er sie erblickte, hellte sich sein Gesicht auf.

„Ihr seid gekommen“, sagte er mit unverhohlener Freude. „Ich wusste, dass ihr kommen würdet.“

„Finn, nicht wahr?“, fragte Nora und setzte sich neben ihn auf den Holzblock. „Wer sind diese Weisen, von denen du gesprochen hast?“

Der Junge blickte sich vorsichtig um, als prüfe er, ob jemand lausche. Dann senkte er die Stimme: „Sie leben unter dem Hügel. Nicht wirklich leben – sie sind gefangen. Sie sprechen zu mir im Traum, sagen Dinge, die ich nicht immer verstehe. Aber sie wissen von euch. Haben euch gerufen, auf ihre Art.“

„Wie lange sprichst du schon mit diesen Weisen?“, fragte Weland sanft.

„Seit ich denken kann“, antwortete Finn schlicht. „Marta sagt, es liegt mir im Blut. Sie konnte sie auch hören, aber nicht so deutlich wie ich.“

Die Schläge des Hammers verstummten plötzlich, und aus der dunklen Öffnung der Schmiede trat ein hochgewachsener Mann mit Armen, die von einem ganzen Leben am Feuer zeugten, und einem Gesicht, in das die Jahre tiefe Furchen gegraben hatten.

„Finn“, sagte er mit einer Stimme, die an das Rollen fernen Donners gemahnte, „dein Vater sucht dich.“

„Ja, Meister Morcar“, antwortete der Junge und erhob sich. Bevor er ging, beugte er sich noch einmal zu Nora und flüsterte: „Sprecht mit Morcar. Er weiß mehr, als er sagt.“

Mit diesen Worten lief er davon, behände und flink, und verschwand zwischen den Häusern.

Morcar betrachtete die drei Fremden mit einem Blick, der mehr Resignation als Überraschung zeigte.

„Der Junge sagte, Ihr könntet uns mehr über den Hügel berichten“, begann Nora ohne Umschweife.

Der Schmied wischte sich die rußigen Hände an seiner Lederschürze ab und deutete auf die Schmiede hinter sich. „Nicht hier“, sagte er mit gesenkter Stimme. „Zu viele Ohren, die nicht hören sollten, was nicht für sie bestimmt ist.“

Er führte sie hinein. Die Glut des Feuers spendete das einzige stetige Licht. Die Wände waren geschwärzt von hundert Jahren Rauch, und der Geruch von heißem Metall und Kohle hing schwer in der Luft.

„Was wisst Ihr bereits?“, fragte er, während er ein Stück Eisen in die Glut schob, mehr um seine Hände zu beschäftigen als aus Notwendigkeit.

„Wenig“, antwortete Weland. „Ein kahler Hügel, auf dem nichts wächst. Ein seltsames Lied, das Kinder singen. Und nun ein Knabe, der von Weisen unter dem Hügel spricht, die auf uns gewartet haben sollen. Es ist ein Rätsel mit zu vielen fehlenden Teilen.“

Morcar seufzte schwer. „Nun, jeder von uns kennt diese Lieder“, begann er zögernd, den Blick auf die Glut gerichtet. „Lieder und Träume, die uns in unseren Kindheitstagen heimsuchen. Den einen mehr, den anderen weniger, jeder kann jedoch davon Zeugnis geben. Aber wie Träume verblassen sie mit der Zeit, werden neblig. Doch etwas bleibt.“

Er hielt inne, als müsse er seine Gedanken ordnen.

„Dieses Wissen, dass dort jemand ist, etwas – gleich einer alten Schuld, die bereits von Geburt an auf jeder Seele lastet, die in Waldheim das Licht der Welt erblickt.“

Die nächsten Worte kamen nur widerstrebend über seine Lippen: „Wir reden nicht darüber. Jede Generation versucht zu vergessen, zu begraben, was auch immer dort geschah. Die Erinnerungen verblassen, aber die Kinder …“ Er schwieg einen Moment. „Sie sind die lebenden Zeugen dessen, was im Schweigen liegt. Es kehrt kein Friede ein in Waldheim. Seit Menschengedenken.“

Nora sah ihn verwundert an. Was hielt einen kleinen, unbedeutenden Weiler so lange im Griff?

Morcar blickte auf, und in seinen Augen spiegelte sich das Feuer der Esse. „Mancher erzählt Geschichten. Die Kinder singen Lieder. Aber die Geschichten und die Lieder – sie widersprechen sich. Sie erzählen von unterschiedlichen Begebenheiten. Von verschiedenen Menschen und von lange vergessenen Tagen.“

„Was für Geschichten?“, fragte Nora, ihre Stimme kalt und klar.

„Von fünf Weisen, die auf dem Hügel verschwanden, gebunden an fünf Bäume“, antwortete Morcar und zog das Eisen aus der Glut. Die Spitze glühte rot. „Manche sagen, sie waren Ketzer und flohen vor der Kirche. Wiederum erzählen andere, sie seien Friedensstifter gewesen zwischen der Kirche der Heerscharen und den Alten Pfaden. Mancher sagt, sie waren einfache Leute, die für ihre Verbrechen büßten. Andere flüstern … anderes.“

Nora sagte nichts. Sie hatte hundertmal in Archiven gesessen und auf den Satz gewartet, der eine Vermutung bestätigt, und sie hatte sich diesen Augenblick stets als einen der Genugtuung vorgestellt. Er war es nicht. Sie hätte jetzt lieber gehört, dass sie sich das alles nur einbildeten.

„Was flüstern sie?“, drängte Duolmma, der bis dahin schweigend gelauscht hatte.

Morcar schlug mit dem Hammer auf das glühende Eisen. Funken stoben auf. „Dass etwas auf dem Hügel lauert“, sagte er zwischen den Schlägen. „Etwas, das weder lebt noch tot ist. Etwas, das wartet. Etwas, das sie alle verschlungen hat – die Weisen und ihre Verfolger, oder wer auch immer dort war. Und manchmal, in stillen Nächten, wenn der Wind richtig steht, ist es, als könne man etwas hören. Stimmen, die vergessene Namen rufen, die seit unzähligen Jahren niemand mehr trägt.“

Er ließ den Hammer sinken und blickte die drei eindringlich an. „Ihr solltet fortgehen, solange Ihr noch könnt. Dieses Dorf trägt eine Narbe, an der seit fünfhundert Jahren keiner gekratzt hat, und es gibt einen Grund dafür. Seht Euch vor und fragt Euch selbst, ob es das wert ist.“

„Wir sind nicht hier, um fortzugehen“, entgegnete Nora mit ruhiger Entschlossenheit. „Wenn Eure Geschichte wahr ist, dann könnten diese Weisen noch immer dort sein, gefangen zwischen den Welten, ohne Frieden, ohne Erlösung.“

Duolmma nickte bedächtig. „In meiner Heimat sagt man: Geist, der keine Ruhe findet, sucht sich Werkzeug unter Lebenden. Wir sind hier, weil wir hier sein müssen.“

„Mich hat nichts gesucht“, sagte Weland. „Ich bin dem Geruch der krankenden Erde gefolgt. Das ist der Grund, und er reicht mir.“

Duolmma sah ihn an, widersprach aber nicht. Es war nicht das erste Mal an diesem Tage, dass sie dasselbe verschieden benannten.

Morcar betrachtete sie lange. Schließlich schüttelte er den Kopf, nicht in Ablehnung, sondern in einer Art resignierter Zustimmung. „Dann soll es so sein“, murmelte er.

„Was erzählt man sich sonst noch über den Hügel?“, fragte Nora mit lebendigem Interesse.

Doch bevor Morcar antworten konnte, erscholl ein Ruf von draußen, eine zornige Stimme, die nach dem Schmied verlangte. Morcar zuckte zusammen und legte den Hammer beiseite.

„Ich muss fort“, sagte er hastig. „Eadgard ruft. Und er ist einer derer, die das Alte lieber ruhen lassen würden, wo es liegt. Vielleicht mit gutem Grund.“ Er blickte zur Tür. „Geht nun.“

Mit diesen Worten schob er sie zur Hintertür der Schmiede hinaus, in eine enge Gasse, die zwischen den Häusern hindurchführte. Als sie sich umwandten, war die Tür bereits verschlossen, und das Geräusch des Hammers erklang erneut, als sei nie eine Unterbrechung gewesen.

Sie standen schweigend in der Gasse, jeder in eigene Gedanken versunken. Über dem Gespräch war das Abendwerk vergangen; die Sonnen standen tief und legten ihr letztes Licht flach über die Dächer. In der Ferne hob sich der kahle Hügel gegen den verglühenden Himmel ab.

„Fünf Weise“, sagte Nora schließlich nachdenklich. „Fünf Bäume. Fünfhundert Jahre des Schweigens.“

„Und etwas, das wartet“, ergänzte Weland, den Blick zum Hügel gewandt. „Das uns erwartete, bevor wir selbst wussten, dass wir kommen würden.“

Duolmma sah ihn von der Seite an. „Vorhin hast du gesagt, dich habe nichts gesucht.“

Weland schwieg.

„Wer weiß, wie viel Zeit uns bleibt“, bemerkte Duolmma und rieb gedankenverloren über das Fell seiner kleinen Trommel, die an seinem Gürtel hing. „Wir sollten sie nutzen.“

Die drei teilten einen Blick des Einverständnisses, bevor sie sich gemeinsam dem alten Gasthaus zuwandten, um sich zur Abendruhe zu begeben.


Die Glocke der halbfertigen Kapelle schlug einen einzelnen Schlag, und Waldheim erwachte zur Besinnung, wie es jedes Dorf zu dieser Stunde tat. In den Häusern regte sich Licht. Irgendwo hustete jemand, irgendwo wurde ein Scheit nachgelegt, und eine Frauenstimme sprach halblaut mit einer anderen über etwas, das der Tag gebracht hatte.

Zu dieser Stunde, zwischen dem ersten und dem zweiten Schlaf, trat Weland vor die Tür des Gasthauses und lauschte. Er tat es nicht anders, als er es daheim in Bergheim getan hatte und in jedem Walde, den er seither durchwandert hatte: nicht mit den Ohren, sondern mit jenem Sinne, den er nicht zu benennen vermochte und der ihm seit Kindestagen vertrauter war als die eigene Stimme. Der Wind kam von Westen und ging über kahle Kronen. In den Zweigen saß noch das verborgene Leben und wartete auf sein baldiges Erwachen.

Es war da, wie es immer da gewesen war, und dass es da war, genügte ihm. Er blieb noch eine Weile, bis ihm die Hände kalt wurden, und stieg dann hinauf zu seinem zweiten Schlafe.