Die Kreise der Zeit
Eine uralte Erzählung aus der Tradition der Aus'Harringer, in der charakteristischen Stabreimform überliefert. Solche Verse werden bei Feierlichkeiten der Alten Pfade rezitiert und speziell zur Wintersonnenwende beim Fest des Wiederkehrenden Lichtes vorgetragen. Die rhythmischen Muster und wiederkehrenden Anfangslaute werden beim lautstarken Vortrag betont, oft begleitet vom dumpfen Schlag der Eichenfässer.
I. Anrufung
Hört ihr Helden! | Horcht der Halle!
Künden will ich | Kreise der Zeit.
Winde wehen, | Welten wandern,
kehren kundig | Kreise heim.
II. Das Gewebe der Zeiten
Fäden fließen | finster fort,
folgen Fährten | früherer Fürsten.
Zeichen zucken | zeitlos zu,
zehren zahllos | an Zeitaltern.
Eiswind eilet | ewig empor,
endet endlos, | einsam immer.
Räder rauschen | rundum rastlos,
rinnen rückwärts, | raunen, rufen.
III. Die Lehren der Ahnen
Lang lauschten wir | lichten Lehren,
lernten langsam | des Lebens Lied.
Monde marschieren | mächtig voran,
malen Mahnmal | der Manen mit Macht.
Wandrer wählen | weise Wege,
wissen: Wirken | wandelt zu Walten.
IV. Wächter und Heerscharen
Hände hielten | Heerscharen hoch,
hüteten Herde, | Herd und Hain.
Sterne singen | säuselnd seltsam,
sammeln Seelen, | segnen die Schar.
V. Tore und Träume
Tore tragen | tiefe Träume,
Tränen tropfen | tausendfach.
Ahnen atmen | alte Asche,
ahnen den Anfang | aller Zeiten.
Pfade prangen | prächtig plötzlich,
Pein und Pracht | paaren sich im Plan.
Väter verfügten | vormals viel:
Verlangen, Vergessen, | Vergangenes.
VI. Der Nebel des Werdens
Nebel nisten | nah und näher,
Nacht und Neubeginn: | ein Nichts.
Dasein drehet | dämmernd dumpf,
dränget durch | der Dinge Drehung.
VII. Die Wiederkehr
Kreise kommen, | Kreise klingen,
kehren kunstvoll | wieder heim.
Blut und Bann | und Brandung binden,
beugen Brücken | bald und breit.
Sphären schwingen | sanft, man siehet,
Schicksalsschrift | schwebt schweigend.
Urmacht undurchdringlich, | uralt immer,
unter Unheil | ungezählt.
VIII. Die Mahnung
Webet, wirket, | waltet weiter!
Wundersam | das Wort, das wispert.
Faden fasset, | folget fest,
findet Frieden, | fahret, fühlet!
Wandern wissend | wir als Wächter,
wenden weithin | den Weltenlauf.
Dämm'rung drohet | dunkel dem Dasein,
dennoch dauert | der Daseinsgrund.
IX. Jahre und Zeiten
Jahre jauchzen, | Jugend jubelt,
jammert jenseits | des jähen Jochs.
Quellen quellen, | quälen quer,
Qualm und Qual | sie künden.
Zeugen zittern, | zahlen Zoll,
zaubern zärtlich | Zukunftszeit.
X. Der ewige Kreis
Ende eint | mit Anbeginn,
ewig eilet | der Erdenpfad.
Verstorbene verstehen, | Vergangene vergessen,
heilige Hallen | hören heimlich.
Hüter halten | Herz und Hand,
Mondlicht mildert | mancher Mühsal.
Mahngesang | mahnet mild,
Runen rauschen, | retten raunend.
Reiche richten, | Rat sie bringen,
Feuer fließet | fern und furchtlos.
Faden folget | fest geführt,
Kreise klingen, | Kreise kehren.
Kräfte künden | kunstvoll klar:
Was war, wird | wieder werden!
"In diesen alten Versen liegen mehr Wahrheiten verborgen, als die meisten Menschen zu erkennen vermögen. Wer mit offenen Augen zuhört, kann die Geheimnisse der Stille Konvergenz darin erahnen."
— Aldrich vom Orden des Spiegels, 821 WZ
Notizen zur Interpretation
Seit Jahrhunderten streiten Forscher der Alten Pfade und Gelehrte des Ordens der Lampe über die tiefere Bedeutung dieser Verse. Manche sehen darin lediglich poetische Naturbetrachtungen, andere deuten auf verschlüsselte Überlieferungen kosmischer Zyklen. Besonders die wiederkehrenden Motive – "Kreise kehren kunstvoll wieder heim" und "Monde marschieren mächtig voran" – werden als Hinweise auf die Himmelsgleiche gedeutet, jene mysteriöse Synchronizität der Himmelskörper.
Die Verse "Tore tragen tiefe Träume" und die rätselhafte Zeile "Nebel nisten nah und näher, Nacht und Neubeginn: ein Nichts" könnten auf unbewusste Verbindungen zwischen unserer Welt und dem mysteriösen Barkuz hindeuten. Die Erwähnung "Hände hielten Heerscharen hoch" erscheint manchen als spätere Einfügung, um die Verse mit der Kirche der Himmlischen Heerscharen in Einklang zu bringen, während andere darin einen Beweis für die uralte Herkunft dieser spirituellen Konzepte sehen.
Besonders umstritten bleibt die Zeile "Ende eint mit Anbeginn, ewig eilet der Erdenpfad" – Druiden der Alten Pfade interpretieren dies als Hinweis auf ein zyklisches Weltverständnis, während Ordensgelehrte darin eine Prophezeiung über die Rückkehr vergessener Kräfte vermuten. Die wiederholte Mahnung "Faden fasset, folget fest" und "Wandern wissend wir als Wächter" deutet auf eine aktive Rolle der Eingeweihten im kosmischen Gefüge hin.
Die zehnteilige Struktur des Gedichts – von der Anrufung über das kosmische Geschehen bis zur kreisförmigen Rückkehr – spiegelt vermutlich rituelle Praktiken wider, bei denen die Rezitation in zehn Mondphasen oder während eines zyklischen Jahrfestes erfolgte.
Wie bei vielen Überlieferungen der Alten Pfade bleibt der wahre Kern im Nebel poetischer Sprache verborgen, doch in Zeiten zunehmender seltsamer Träume und verstärkter Nordlichter wächst das Interesse an diesen alten Versen merklich.