Der Freier im Nebel
Eine Geschichte vom Grenzland
"Wer zu lange allein am Feuer sitzt, dem setzt sich zuletzt jemand dazu, der nicht gerufen ward." — Sprichwort der Matis-sidd
Graufjord lag, wo die Welt zu Ende zu gehen schien, ehe sie es tatsächlich tat. Sieben Häuser, aus Treibholz und Feldstein gefügt und mit Grassoden gedeckt nach einer Art, die man in Nordstrand gehörig fände und im tieferen Süden für Ställe hielte, duckten sich in eine Bucht, die der Duottar von drei Seiten umschloss wie eine hohle Hand. Wer von der See kam, sah zuerst den grauen Fels, dann den grauen Himmel, und erst danach, wenn er genau hinsah, die grauen Dächer, die sich kaum von beidem unterschieden.
Unai vom Orden des Flügels war nun das siebte Jahr hier, was, wie er selbst wohl wusste, seinem Orden fremd war. Ein Bote blieb nicht. Er trug Botschaft und Nachricht durch das Land, wie der Wind Samen trägt, und hielt nirgends lange inne. Doch auch der Wind, so hatte Unai gelernt, hielt zuweilen inne, wenn er auf eine Bucht traf, die ihn festhielt, ehe er wusste, wie ihm geschah. So war es ihm mit Graufjord ergangen, und sein Oberer im fernen Windtor zu Zeruko Hiri hatte, nach anfänglichem Kopfschütteln, ein Auge zugedrückt, solange die Berichte kamen und die Botenwege offenblieben.
Fünfzig Seelen zählte der Ort in guten Jahren, weniger in schlechten. Man lebte vom Fisch, von der Robbe, von dem, was der Wald zwischen den Felsen hergab, und von dem schmalen, geduldigen Handel mit den Lithi, die im Herbst ihre Rentierhäute und getrockneten Fische gegen Eisen und Salz tauschten. Die Grenze war hier keine Linie auf einer Karte, sondern ein Zustand: Man sprach beide Zungen ein wenig, aß beider Küche, und wenn ein Kind mit dunklerem Haar geboren ward als seine Geschwister, fragte niemand laut, aus welchem Lager der Vater oder die Mutter stammte. Die Alten nannten das Land zwischen den Völkern nicht mit Bitterkeit, sondern mit einem Schulterzucken, das mehr Weisheit trug als mancher Vortrag im Kollegium der Sieben Lichter.
Was Unai an diesem Ort hielt, war schwer in die Sprache seines Ordens zu fassen. Vielleicht war es, dass hier, wo die Kirche der Himmlischen Heerscharen nur eine geschnitzte Doppelflügel-Tafel über der Tür seiner Hütte besaß, statt der kristallenen Symbole von Zeruko Hiri, der Glaube etwas Nacktes bekam, das ihm in der Hauptstadt nie begegnet war. Man betete hier nicht, weil man es gelernt hatte. Man betete, weil das Meer einen jederzeit nehmen konnte, und weil man wusste, dass man dessen bedurfte.
In diesem Herbst, als der Čakča über das Land kam und die Nordlichter zum ersten Mal in diesem Jahr über der Bucht standen, begann sich etwas zu verschieben, das Unai zunächst nicht zu benennen wusste.
Es waren die Hunde, die es zuerst bemerkten, wie es die Hunde meistens sind.
Garmunds Zughunde, sechs kräftige Tiere, die im Winter den Schlitten zwischen Graufjord und dem nächsten Handelsposten zogen, hörten auf, in der Dämmerung zu heulen. Das war an sich kein Unglück – ein stiller Hund ist einem, der zu bellen nicht aufhört, oft willkommener –, doch die Alten des Dorfes runzelten die Stirn, als man es ihnen erzählte. Ein Hund, der schweigt, wo er sonst sang, hat entweder etwas Schlimmeres gefunden, wovor er sich fürchtet, oder etwas, das er nicht verraten will.
Skalle, die Leithündin, war die schlimmste. Sie, die seit Jahren als „Seherin" galt, wie man solche Tiere in dieser Gegend nannte, weil sie unruhig wurde, ehe ein Sturm kam oder ehe jemand starb, saß nun ganze Abende regungslos am Bootssteg und starrte in den Nebel hinaus, der sich in diesem Herbst früher und dichter über das Wasser legte, als es die Alten kannten. Sie winselte nicht. Sie starrte nur, mit einer Aufmerksamkeit, die Unai, als er sie zum ersten Mal so sah, unwillkürlich frösteln ließ, obwohl der Abend mild war.
„Sie wartet auf etwas", sagte Garmund, ein breitschultriger Mann in seinen späten Jahren, dessen Bart Wind und Salz ergraut hatten und dessen Hände von einem langen Leben mit Netz und Ruder so hart geworden waren wie das Holz, das sie führten. „Sie wartet, und ich weiß nicht, worauf."
Unai wusste es auch nicht. Aber er hatte gelernt, dass man in Graufjord auf die Hunde hörte, ehe man auf die Priester hörte, und darin, dachte er manchmal, lag mehr Weisheit, als sein Orden zugestehen würde.
Auch über Eadrun redete man im Dorf, ohne ihren Namen laut werden zu lassen.
Garmunds Tochter stand in ihren jungen Jahren, voll erwachsen und eigenen Willens, doch ohne eigenen Hausstand – und wäre nach den Erwartungen dieser kargen Gegend längst vermählt gewesen, wollte man dem Dorf glauben. Sie war es nicht. Zwei Sommer in Folge hatte sie Männer abgewiesen, die aus Nordstrand herübergekommen waren, um um sie zu werben – einen Fischer mit eigenem Boot, einen Schmied mit sicherem Auskommen –, und keiner der Gründe, die sie nannte, schien den Alten des Dorfes zu genügen. Sie sagte, sie fühle sich beobachtet, seit sie ein Kind war, von etwas, das kein Auge hatte, dessen Blick sie dennoch nie hätte erwidern können. Man nahm das für die Laune eines eigensinnigen Mädchens und redete ihr zu, es sich anders zu überlegen – mit wenig Erfolg.
Unai kannte sie besser als die meisten im Dorf, denn Eadrun war eine jener wenigen, die zu ihm kamen, um zu fragen, nicht um zu beichten. Sie wollte wissen, was jenseits des Duottar lag, was die Argitari von den Sternen dachten, ob es wahr sei, dass die Bajasdolgi einst unter den Menschen gewandelt waren. Sie hatte einen wachen, unruhigen Verstand, der in Graufjord wenig Nahrung fand, und Unai hatte oft gedacht, dass sie fort sollte, nach Nordstrand oder weiter, ehe dieser Ort sie aufzehrte wie die See ihre Netze.
„Sie ist nicht wie die anderen Mädchen", hatte ihm Garmund einmal gesagt, mit dem Stolz und der Sorge, die sich bei Vätern oft nicht trennen lassen. „Ihre Mutter war es auch nicht. Manchmal fürchte ich, dass etwas in unserem Blut nicht zur Ruhe kommen will."
Unai hatte diese Worte damals für eine Redensart gehalten.
Es geschah in der dritten Nacht nach dem ersten starken Nebel, während der Besinnung – jener stillen, wachen Stunde zwischen den beiden Schlafphasen –, dass man einen Mann am Waldrand sah.
Es war der jüngste der Fischer, ein Bursche namens Eadric, der zu jener Stunde nicht schlief, weil ihn der Zahn schmerzte, und der aus dem Fenster sah, weil er die Wange gegen die kalte Nachtluft halten wollte. Er sah eine Gestalt am Rand der Bäume stehen, reglos, den Blick auf Garmunds Haus gerichtet. Ein heller Mond stand hoch am Himmel und legte sein kaltes, silbriges Licht über den Waldrand, und darin, so beschwor Eadric später jedem, der es hören wollte, habe etwas an der Kehle des Fremden geglänzt – nicht wie Metall, sondern wie Knochen, wie Zähne, die man an einer Schnur trug.
Am Morgen war die Gestalt fort. Doch vor Garmunds Tür lag, sauber auf die Schwelle gelegt, ein Bündel Rentierfell, so kunstvoll gegerbt, wie es kein Gerber in Graufjord und, wie sich später herausstellte, auch keiner in Duottar-Várri je gesehen hatte.
Skalle fraß in dieser Nacht nichts. Sie legte sich vor die Schwelle und blieb dort, mit offenen Augen, bis die Sonne aufging.
Garmund kam noch am selben Vormittag zu Unai, das Fell über dem Arm, als trüge es Gewicht, das seine Muskeln nicht recht fassen konnten. „Ich habe in all meinen Jahren nichts dergleichen gesehen", sagte er. „Und ich habe Eadrun seit jener Nacht nicht mehr lachen hören."
Unai betrachtete das Fell lange. Er war ein gebildeter Mann, geschult in den Lehren der Sieben Heerscharen, in der Kunst, Sprachen zu lernen und fremden Sitten mit offenem Sinn zu begegnen – doch für das, was hier vor ihm auf dem Tisch lag, hatte seine Ausbildung keine Worte. Der Orden des Spiegels hätte vielleicht gewusst, wie man eine Seele in Not begleitet; der Orden des Schildes, wie man eine Gefahr abwehrt, die Zähne hat. Er selbst war nur ein Bote, gewohnt, Botschaften zu tragen, nicht sie zu deuten.
„Ich werde zum Handelsposten reisen", sagte er schließlich. „Und von dort zu den Matis-sidd. Wenn irgendjemand weiß, was hier geschieht, dann ein Noaidi, der beide Ufer dieses Flusses kennt."
Garmund nickte nur. In seinen Augen stand eine Furcht, die älter schien als das, was in dieser Woche geschehen war.
Der Weg zum Handelsposten Duottar-Várri führte zwei Tagesmärsche durch ein Land, das sich mit jeder Meile mehr in Fels und Moos auflöste, bis die letzten verkrüppelten Kiefern zurückblieben und nur noch die Tundra offenlag, weit und atemlos unter einem Himmel, in dem Dagaz bereits blass wurde und Kaldaz ihre kühlere Herrschaft anzutreten begann. Unai ging diesen Weg nicht zum ersten Mal, doch nie zuvor mit einer solchen Unruhe im Nacken.
In Duottar-Várri, wo Aus'Harringer und Lithi seit Generationen unter einem gemeinsamen Dach handelten, ohne sich je ganz zu vermischen, fand er einen jungen Matis-sidd-Händler namens Guolban, der seine Sprache besser sprach als er die seine, und der, als Unai von den Ereignissen in Graufjord erzählte – vorsichtig, denn man wusste nie, welche Geschichte einem Fremden gegenüber zu weit ging –, das Lächeln verlor, das Handelsleute für gewöhnlich nicht verlieren.
„Das ist keine Sache für einen Priester des Südens allein", sagte Guolban schließlich. „Aber ich kenne jemanden, der die alte Geschichte kennt. Áilu, unser Noaidi. Er wird mit dir sprechen, wenn ich dich bringe. Ob er dir auch hilft, das entscheidet er selbst."
Sie fanden das Winterlager des Matis-sidd einen weiteren Tagesmarsch entfernt, in einem windgeschützten Taleinschnitt, wo bereits die ersten Zelte für den nahenden Dálvedálgi errichtet wurden. Áilu Ovllá-bártni war ein Mann von unbestimmbarem Alter mit einem Gesicht, das der Wind so oft gegerbt hatte, dass es kaum noch etwas von den Jahren darunter verriet. Er empfing Unai ohne Überraschung, als hätte er ihn erwartet, was, wie Unai später vermutete, durchaus der Wahrheit entsprechen mochte.
„Ein Rentierfell auf der Schwelle", sagte Áilu, nachdem er zugehört hatte, mit einer Trommel im Schoß, die er nicht schlug, sondern nur mit dem Daumen an ihrem Rand entlangfuhr. „Zähne an einer Schnur. Ein Hund, der nicht mehr heult. Eine Tochter, die niemanden nehmen will." Er nickte langsam, als bestätigte etwas in ihm, das er lieber nicht bestätigt gesehen hätte. „Dann ist es also wieder so weit, wie meine Großmutter sagte, es einmal wieder sein würde."
„Was ist so weit?", fragte Unai.
Áilu sah lange ins Feuer, ehe er zu sprechen begann.
„Vor undenklich vielen Wintern, als die Nordlichter Jahr um Jahr so hell brannten, dass die Alten sagten, die Bajasdolgi sprächen wieder deutlicher als seit Menschengedenken, lebte in einem Sidd, dessen Namen niemand mehr trägt, eine Frau namens Elle. Sie war schön, wie man sagt, wenn man von einer Ahnin spricht, die man nie gesehen hat, aber wichtiger: Sie war eigensinnig, wie es keine vor ihr gewesen war. Freier kamen aus allen Sidd, wenn die Sommerversammlung die Familien zusammenführte, und Elle wies sie alle ab, einen nach dem anderen, bis ihr Vater, ein stolzer Mann namens Lássánás, seinen Zorn nicht mehr zügeln konnte.
„'Wenn dir kein Mann gut genug ist', schrie er sie an, vor dem ganzen Lager, 'dann nimm meinetwegen den Wolf, der um unsere Herde streicht!' – Das sagte er, wie man solche Dinge im Zorn sagt, ohne zu wissen, dass die Wesen zwischen den Welten zuhören, wenn ein Vater seine Tochter verflucht."
Áilu hielt inne, warf ein Stück Torf ins Feuer und beobachtete, wie die Flamme sich daran hochzog.
„In jener Nacht kam ein Fremder ins Lager, ein Mann, wie man ihn nie zuvor gesehen hatte, hochgewachsen und still, und an einer Schnur um seinen Hals trug er Zähne, die keinem Tier gehörten, das man kannte, und doch jedem, das man fürchtete. Elle, die alle Männer der Sidd verschmäht hatte, blickte diesen Fremden an und erkannte in ihm etwas, das größer war als das, was sie bislang gesucht und nicht gefunden hatte. Sie nahm ihn zum Mann, noch in derselben Nacht, ohne die Bestätiger zu rufen, ohne die Trommel des Noaidi.
„Ihre Kinder kamen im folgenden Jahr, und es waren seltsame Kinder. Manche wuchsen auf wie andere Menschenkinder auch, doch trugen etwas Wildes in den Augen, das nie ganz verschwand. Andere liefen im Schlaf auf allen vieren und heulten mit den Wölfen der fernen Berge, als sprächen sie deren Sprache besser als die ihrer Mutter."
„Und der Vater?", fragte Unai. „Lássánás?"
„Lássánás sah, was aus seinem Zorn geworden war, und die Scham darüber fraß ihn schneller als jede Kälte. Er wartete, bis der Fremde eines Tages auf dem zugefrorenen See jagte, und er ging hinaus, um mit ihm zu reden – so erzählt man es zumindest denen, die noch jung genug sind, um an gute Absichten zu glauben. Was er wirklich tat, war, das Eis unter den Füßen des Fremden zu öffnen, mit einem Speer, den er unter seinem Mantel verborgen hatte. Der Wolfsmann – so nennen wir ihn seither, denn seinen wahren Namen kannte niemand außer Elle, und sie sprach ihn nie wieder aus – sank unter das Eis und ward nicht mehr gesehen."
Áilu schwieg einen Moment, und in diesem Schweigen hörte Unai draußen den Wind über die Zeltstangen streichen wie über die Saiten eines Instruments, das niemand spielte.
„Elle trauerte nicht lange auf die Art, die ihr Vater erwartet hatte. Sie trauerte auf ihre eigene Art, was hieß: Sie schickte ihre wilden Kinder zu ihm, in der Nacht, und was sie taten, davon spricht die Geschichte nur in Andeutungen, doch Lássánás überlebte es, versehrt genug, dass er den Rest seiner Tage nicht mehr aufrecht ging.
„Danach konnte Elle nicht bleiben, wo sie war, und ihre Kinder auch nicht. Sie band einige an ein Floß aus Rentierhaut und Weidenholz und schickte sie den Fluss hinab, dorthin, wo das Land sich dem Meer zuneigt und die Berge sich öffnen. Einer von ihnen, ein Junge, der weder ganz Mensch noch ganz Wolf zu sein schien, aber beides in sich trug, wie es seine Mutter auch tat, hieß Matis. Er und seine Geschwister fanden ein Land zwischen zwei Völkern, das keinem ganz gehörte, und dort blieben sie, und aus ihnen wurde jener Sidd, dem ich selbst diene." Áilu berührte kurz seine Brust, wie man eine Erinnerung berührt, die man in sich trägt, nicht bloß kennt. „Wir sind Elles Kinder, Priester. Wir alle, die wir zwischen euren Häusern und den Zelten unserer Ahnen vermitteln. Das vergisst man in Duottar-Várri gern über dem Handel, aber die alten Frauen vergessen es nicht."
„Und Elle selbst?"
„Elle blieb allein zurück, an dem Ort, wo das Eis sich über ihrem Mann geschlossen hatte, und sie weinte, bis ihre Tränen den See in Nebel verwandelten, der sich seither über das ganze Grenzland legt, wenn die Zeit reif ist. Manche sagen, sie sei zu den Bajasdolgi gegangen und trage nun Nachricht zwischen Saivobak und Dalvebak für jene, deren Bindungen die Grenzen der Welten nicht achten wollten. Andere sagen, sie sei zu keiner der drei Ebenen mehr ganz gehörig, sondern lebe im Nebel selbst, in jenem dünnen Ort, wo beides zugleich wahr sein kann."
„Und was hat das", fragte Unai, „mit Eadrun zu tun?"
Áilu sah ihn an, und zum ersten Mal seit Beginn der Erzählung lag etwas wie Mitgefühl in seinem Blick.
„Elles Blut ist dünn geworden über die Zeiten, Priester, aber nicht versiegt. Es fließt durch Matis' Linie, und Matis' Linie hat sich mit euren Grenzsiedlern vermischt, wie es Grenzsiedler eben tun. Von Zeit zu Zeit, sagt man, erkennt der Wolfsmann – oder was von ihm im Nebel geblieben ist – ein Echo seiner eigenen verlorenen Kinder in einer Frau, die sich weigert zu nehmen, was ihr angeboten wird, weil etwas in ihr auf etwas anderes wartet, ohne zu wissen, worauf. Dann kommt er wieder, um zu holen, was ihm einst genommen wurde, ehe es vollständig war."
„Ist das ein Fluch?"
„Meine Großmutter", sagte Áilu, und zum ersten Mal huschte etwas wie ein Lächeln über sein Gesicht, „hätte dich für diese Frage getadelt. Ist der Winter ein Fluch, weil er tötet, wen er unvorbereitet trifft? Er ist, was er ist. Der Wolfsmann nimmt nicht aus Bosheit. Er sucht, wonach jedes verlassene Ding sucht: nach dem, was ihm genommen wurde, ehe es sich hätte entfalten dürfen. Ob das ein Unglück ist oder eine Ehre, hängt davon ab, wie man ihm begegnet – und davon, ob man den Mut hat, ihm überhaupt zu begegnen, statt sich vor ihm zu verstecken, wie es Lássánás tat."
Er legte die Trommel beiseite und sah Unai lange an.
„Geh zurück, Priester. Sag der Tochter, was du gehört hast. Verhehle es ihr nicht, wie Lássánás seiner Tochter verhehlte, was er im Herzen trug. Was auch kommt, es soll ihr mit offenen Augen begegnen, nicht mit verschlossener Tür."
Der Rückweg dauerte länger, als die Hinreise gedauert hatte, denn der erste Schnee des Dálvedálgi hatte eingesetzt, und Unai kämpfte sich durch ein Land, das sich unter dem Weiß zu einer einzigen, ununterscheidbaren Fläche geglättet hatte. Als er endlich Graufjord erreichte, silbrig von Reif und mit Gliedern, die kaum noch gehorchten, war die Schattenruhe bereits über die Bucht gefallen, jenes gedämpfte, diffuse Licht, das Barkuz allmittäglich über die Welt legte und das hier, so nah am hohen Norden, beinahe mit der frühen Winterdämmerung verschmolz.
Er fand Eadrun am Bootssteg, neben Skalle, die immer noch dort saß, wo sie in jener ersten Nacht Wache gehalten hatte, als hätte sie in all den Tagen nicht geschlafen.
Er erzählte ihr alles, so wortgetreu, wie sein Gedächtnis es ihm erlaubte, ohne etwas zu glätten, ohne die harten Kanten der Geschichte abzuschleifen, wie es ihm sein erster Instinkt geraten hätte. Eadrun hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen, und als er geendet hatte, schwieg sie so lange, dass er zu fürchten begann, er habe sie mit der Wahrheit über sich selbst zerbrochen.
„Ich habe es immer gespürt", sagte sie schließlich, so leise, dass er sich vorbeugen musste, um sie über den Wind zu verstehen. „Nicht als Geschichte. Als – Richtung. Als wüsste etwas in mir, wohin es gehört, ohne dass ich es je hätte benennen können. Ich dachte, ich sei nur eigensinnig. Meine Mutter dachte das Gleiche von sich, hat mein Vater mir erzählt, ehe sie starb."
„Was willst du tun?"
Sie sah lange über das Wasser, dorthin, wo der Nebel bereits wieder aufstieg, früher als sonst, obwohl die Sonnen noch nicht ganz gewichen waren.
„Was Elle nicht durfte", sagte sie. „Ihm begegnen, ohne dass jemand für mich entscheidet, was daraus wird."
Er kam in jener Nacht, in der Besinnung, als das halbe Dorf schlief und die andere Hälfte in jener stillen Wachheit lag, die man in dieser Gegend für die dünnste Stunde des Tages hielt. Unai stand mit Garmund an der Schwelle, nicht um zu verhindern, sondern um Zeugen zu sein, denn Áilu hatte ihm eingeschärft, dass eine Begegnung, die niemand bezeugt, leicht zur Lüge wird, die man sich selbst erzählt.
Die Gestalt trat aus dem Nebel wie etwas, das der Nebel selbst hervorbrachte und nicht bloß verbarg – hochgewachsen, still, mit etwas an der Kehle, das im schwachen Licht wie Zähne glänzte und wie Knochen und wie beides zugleich. Sie blieb am Rand des Hofes stehen, nicht näher, als hätte sie gelernt, das Betreten einer Schwelle nicht zu erzwingen.
Eadrun trat ihr entgegen, nicht mit einer Waffe, wie es ihr Vater gefordert und Unai sanft, aber bestimmt abgelehnt hatte, sondern mit dem, was Áilu ihr für diesen Moment mitgegeben hatte: einem geflochtenen Band aus Rentierhaar, gefärbt mit dem Rot der letzten Beeren des Jahres, das Zeichen, dass man ein Erbe anerkennt, ohne es an sich zu reißen.
Was zwischen ihnen gesprochen wurde, wenn überhaupt etwas gesprochen ward, hörte niemand von den Umstehenden, so nah sie auch standen. Was Unai sah – und er sollte es sein Leben lang mit sich tragen, ohne es je ganz in Worte zu fassen, die seinem Orden genügt hätten – war, wie Skalle sich erhob, langsam, mit der Würde eines alten Tieres, das seine Aufgabe versteht, ehe der Mensch neben ihm sie versteht, und sich zwischen Eadrun und die Gestalt im Nebel stellte. Nicht drohend. Wartend.
Die Gestalt beugte sich zu ihr hinab, wie ein Mann sich zu einem Hund hinabbeugt, den er kennt, und für einen Herzschlag lag etwas wie eine Berührung zwischen ihnen, die kein Auge im Einzelnen hätte beschreiben können. Dann wandte sich die Gestalt, und Skalle folgte ihr, ohne zurückzuschauen, in den Nebel hinein, der sich hinter beiden schloss wie Wasser, das sich über einem Stein wieder glättet.
Am Morgen war der Nebel fort, früher, als er es je zuvor gewesen war, und die übrigen fünf Hunde heulten wieder, als der erste Streifen von Dagaz über den Fels fiel.
Man sprach in Graufjord noch lange über jene Nacht, wenn auch nie mit vielen Worten, denn das war nicht die Art dieses Ortes. Eadrun heiratete in jenem Winter niemanden, und auch nicht im nächsten, doch niemand fragte mehr, warum, und die Frage schien mit einem Mal auch nicht mehr zu drängen wie zuvor. Man sagte nur, dass sie manchmal am Bootssteg saß, dort, wo Skalle gesessen hatte, und in den Nebel sah, nicht mit Furcht, sondern mit der Aufmerksamkeit einer Frau, die weiß, dass sie beobachtet wird, und die gelernt hat, den Blick zu erwidern.
Unai blieb ein weiteres Jahr in Graufjord, und noch eines danach, länger, als sein Orden es je vorgesehen hatte. Wenn ihn Reisende aus dem Süden fragten, was ihn an diesem grauen, kargen Ort so lange halte, antwortete er meist mit einem Schweigen, das er selbst nicht ganz zu deuten wusste. Nur einmal, gegenüber einem jungen Bruder des Ordens der Waage, der auf der Durchreise nach Nordstrand nach dem Sinn des Wartens fragte, sagte er etwas, das dieser sich, wie es hieß, sein Leben lang gemerkt haben soll:
„Wir sind gesandt, die Wahrheit der Heerscharen dorthin zu tragen, wo sie noch nicht gehört wurde. Aber manche Orte haben ihre eigene Wahrheit schon, älter als unsere, und man tut gut daran, sie zu hören, ehe man die eigene ausspricht."
"Der Nebel nimmt nicht, was man ihm nicht zuerst genommen hat. Das ist der einzige Trost, den das Grenzland kennt, und er muss genügen." — zugeschrieben Unai vom Orden des Flügels, in seinen letzten Jahren in Graufjord