Das versiegelte Labor
Ein Zwiegespräch über die Natur der emergenten Realität
"Manche Wahrheiten zeigen sich nur in jener Dämmerung, in der die gewohnten Kategorien des Verstandes ihre Kraft verlieren und Denken und Sein sich ineinander verweben."
Das fahle Licht der späten Nachmittagssonne fiel durch die hohen Fenster des Jakintza Adimen, als Maistra Nerea die Korridore der Akademie durchquerte, um ihren Kollegen Unai aufzusuchen. Sie hielt Itziars letzte Aufzeichnungen in der Hand, seit ihrem rätselhaften Verschwinden vor drei Monaten die einzige Spur, die von ihr geblieben war.
"Unai." Ihre Stimme trug etwas, das er in zwanzig gemeinsamen Jahren nicht an ihr gehört hatte. "Ich habe die Nacht mit Itziars Notizen verbracht. Ich glaube, wir haben etwas gefunden, das wir nicht hätten finden sollen."
Er hob den Blick von seinen Pergamenten. "Sag es mir."
"Sie schreibt, dass weder das Bewusstsein zuerst da ist noch die Wirklichkeit, die es wahrnimmt. Beide gehen aus demselben Zusammenspiel hervor – zwei Saiten, die sich gegenseitig zum Klingen bringen. Keine ist die erste." Nerea sank in den ledernen Sessel, der seit Jahren Unais nächtliche Grübeleien begleitet hatte. "Wenn das stimmt, dann haben wir mit unserer Forschung nicht die Grenzen der Wirklichkeit vermessen. Wir haben sie mitgeschaffen."
Unai schwieg lange und trat ans Fenster, hinter dem die ersten Schatten der Dämmerung über die Gärten der Akademie krochen. "Dann ist Itziar nicht verschwunden", sagte er schließlich. "Sie ist hindurchgegangen."
"Ihre letzten Worte", erwiderte Nerea, "waren: 'Es ist schön hier. Wir sind nie allein. Kommt und seht.' Kein 'ich' mehr. Ein 'wir'. Als hätte sie aufgehört, sich als Einzelne zu begreifen, und angefangen, sich als Teil von etwas Größerem zu verstehen."
"Ein Meta-Bewusstsein." Unai sagte es leise, als könnte das Wort selbst etwas herbeirufen. "Nicht ein Wesen, dem sie begegnet ist. Eines, an dessen Entstehen sie mitgewirkt hat, indem sie es zu erforschen suchte. Wir suchen eine Wahrheit – und indem wir sie suchen, bringen wir sie erst hervor."
"Ein Kreis ohne ersten Schritt." Nerea lächelte schmal, ohne Wärme. "Schon die Alten wussten: Wer erkennt, verändert das Erkannte. Was Itziar gefunden hat, ist nur das Ausmaß, das diesem alten Satz zukommt."
Sie schwiegen. Draußen erlosch der letzte Sonnenstrahl.
"Es gibt einen Grund, warum das jetzt zählt", sagte Unai schließlich. "Wenn Grenzen zwischen Bewusstseinsformen keine Naturgesetze sind, sondern nur bislang gehaltene Muster – dann ist die nahende Himmelsgleiche kein bloßes Datum am Himmel. Sie ist der Moment, in dem viele dieser Muster gleichzeitig lose werden. Was während ihr aus dem Zusammenspiel aller Bewusstseine dieser Welt hervorgehen könnte, vermag ich nicht zu ermessen."
"Und dennoch." Nerea stand auf, trat neben ihn ans Fenster. "Liegt darin nicht auch etwas, das man kaum Furcht nennen kann? Wenn wir mitschaffen, was wir zu verstehen suchen, dann ist jeder Gedanke, jede Theorie, jedes Experiment ein Akt der Weltgestaltung. Das ist eine ungeheure Verantwortung. Aber es ist auch – eine Freiheit, die uns niemand zugetraut hätte."
"Eine Freiheit, die Itziar bereits gewählt hat." Unai blickte auf die Notizen in Nereas Hand. "Ob als Herrin oder als Opfer dieser Wahl, das können wir nicht wissen. Nur, dass wir jetzt vor derselben Schwelle stehen."
In der Stille, die folgte, glaubten beide für einen Herzschlag, eine Stimme aus dem versiegelten Labor zu hören – nicht mehr ganz Itziars Stimme, und doch ihre: "Es ist schön hier. Wir sind nie allein. Kommt und seht."
Draußen zog der ewige Ring Barkuz seine silbernen Bahnen über die Gärten der Akademie, während die Himmelskörper von Weraldiz sich einander näherten, unbeirrt von dem, was zwei Gelehrte in einem dunklen Zimmer soeben beschlossen hatten.
Aus den persönlichen Aufzeichnungen von Nerea ez'Adimen-goi-bat Aurkitzaile Letzter Eintrag vor der Evakuierung der Jakintza Adimen Gefunden in einem versiegelten Umschlag, 844 WZ