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Das (un)gelesene Geständnis

Eine Frau liest sichtlich gerührt einen Brief

Eine Frau liest sichtlich gerührt einen Brief Eine Kurzgeschichte aus Non'Gauden

Die Abenddämmerung warf lange Schatten durch die hohen Fenster der Indarra Jakintza. Die meisten Forscher hatten ihre Arbeit für den Tag beendet, doch Maistra Oneka ez'Indarra-barne-bi Hausnartzaile blieb wie so oft zurück. Die Elementarforschung verlangte Präzision und Geduld – zwei Eigenschaften, die sie im Übermaß besaß.

Sie strich mit den Fingern über das komplexe Formelgeflecht, das sie den ganzen Tag über entwickelt hatte. Die Theorie der Energieumleitung war nicht neu, doch ihre Ansätze gingen weit über die etablierten Modelle hinaus. Mit der richtigen Anwendung könnte sie die Effizienz der städtischen Heizungssysteme um dreißig Prozent steigern.

Ein metallisches Klappern unterbrach ihre Gedanken. Sie blickte auf und sah, wie ein Buch vom Schreibtisch ihres Kollegen Mikel zu Boden gefallen war. Der Wind aus dem gekippten Fenster musste es bewegt haben. Mit einem Seufzen erhob sie sich, um es aufzuheben – Nachlässigkeit war in der Jakintza unentschuldbar, selbst wenn es fremde Nachlässigkeit war.

Als sie das Buch aufhob – "Kausale Strömungsmuster in gebundenen Elementarsystemen", eines von Mikels Lieblingswerken – fiel ein gefaltetes Blatt heraus. Sie hob es auf, wollte es zurück zwischen die Seiten schieben, als ihr eigener Name am Anfang des Textes ihre Aufmerksamkeit erregte.

Werte Oneka,

Seit fünf Jahren teilen wir diesen Arbeitsraum, und seit fünf Jahren bewundere ich die Präzision Ihres Denkens, die Eleganz Ihrer Theorien, die stille Beharrlichkeit, mit der Sie Probleme lösen, an denen andere verzweifeln würden.

Ich beobachte, wie das Licht der Abendsonne Ihr Haar berührt, wie Sie den Kopf leicht neigen, wenn Sie einen Gedanken verfolgen, wie Ihre Augen aufleuchten, wenn eine Theorie Gestalt annimmt.

Dreimal habe ich versucht, mit Ihnen zu sprechen – nicht über Formeln und Theorien, sondern über die seltsame Resonanz, die ich in Ihrer Gegenwart spüre. Dreimal hat mich der Mut verlassen.

Die Pfade des Verstandes sind mir vertraut, die Pfade des Herzens bleiben mir fremd. Vielleicht ist dies der Grund, warum ich diesen Brief schreibe, den Sie niemals lesen werden.

In tiefer Wertschätzung, Mikel ez'Indarra-goi-bat Aurkitzaile

Oneka stand vollkommen still, das Blatt in ihren zitternden Händen. Fünf Jahre. Sie hatten fünf Jahre nebeneinander gearbeitet, hatten komplexe Theorien diskutiert, gelegentlich gemeinsam gegessen, und nie... nie hatte sie auch nur geahnt...

Eine ungewohnte Wärme stieg in ihr auf, ein Gefühl, das sie nicht einordnen konnte. Es war so anders als die geordnete Welt der Elementarforschung – unberechenbar, chaotisch, und doch... seltsam anziehend.

Langsam faltete sie den Brief zusammen, genau so, wie er gewesen war. Sie schob ihn zurück zwischen die Seiten des Buches, stellte das Buch exakt an seinen Platz auf Mikels Schreibtisch. Ihre Finger verweilten einen Moment länger als nötig auf dem Einband.

Dann kehrte sie zu ihrem Arbeitsplatz zurück. Die Formeln verschwammen vor ihren Augen, als sie versuchte, sich wieder zu konzentrieren. Etwas hatte sich verändert, subtil, aber unwiderruflich. Wie eine Elementarreaktion, die einmal in Gang gesetzt, nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte.

Hwīlô, diese nacht ganz allein am Nachthimmel, warf sein silbriges Licht durch die Fenster, als Mikel früh am nächsten Morgen seinen Arbeitsplatz betrat. Neben seinem Buch lag ein kleiner Zettel in der präzisen Handschrift seiner Kollegin:

Tee bei mir. Heute. Nach der Schattenruhe. Wir haben über Resonanzen zu sprechen.

- O.