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Am Ufer des Vergessens

Eine Geschichte aus Cel Atiz

Ein Mann mir olivfarbener haut und kurzem weißen Bart, der einen kunstvoll verzierten Schleier über den Augen trägt.

Wenn die Grenzen zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, ihre Schärfe verlieren und ineinander übergehen wie Farben in der Dämmerung, mag dies ein Zeichen für kommende Veränderung sein.

Für Vellan begann diese Veränderung in der dritten Nacht, als jener Traum ihn wieder fand.

Das Dorf lag am östlichen Rand der Luruna-Seen, umgeben von sanften Hügeln, deren Bewuchs im Traum seltsam matt wirkte, als hätte jemand die Farben aus der Landschaft gewaschen. Luritha, so hatte er den Namen vernommen, ein kleiner Ort, in dem Fischer und Kräutersammler lebten. Und über diesem Ort lag etwas – nicht sichtbar, nicht greifbar, aber spürbar wie ein feines Netz aus Dissonanz, das sich über die schlafenden Bewohner spannte und ihre Träume abfing, bevor sie die tieferen Schichten des Taru erreichen konnten.

Er saß aufrecht in seinem schmalen Bett, während draußen vor den Fenstern die Schattenruhe ihren silbernen Schleier über Rasnal legte. Die Luft in seiner Kammer im äußeren Ring des Eisnar Fanu roch nach den getrockneten Kräutern, die an den Balken hingen – Thunvil und Larsapara, deren Duft die Traumarbeit vertiefen sollte. Doch was er in den vergangenen drei Nächten erlebt hatte, war keine gewöhnliche Traumreise gewesen.

Vellan erhob sich, trat ans Fenster und blickte über die verschlungenen Dächer von Rasnal, die im gedämpften Licht der Schattenruhe wie schlafende Tiere wirkten. Als junger Harmoniewahrer hatte er gelernt, auf solche Zeichen zu achten. Nicht jeder Traum war eine Botschaft, gewiss, aber ein dreimaliger Traum vom selben Ort, der dieselbe Dissonanz trug? Das war kein Zufall.

Er dachte an Meister Avinus' Worte bei seiner Einführung: "Wir sind keine Wächter über die Träume der Menschen, Vellan. Wir sind Gärtner. Wenn ein Baum krankt, entfernen wir die kranken Äste, nicht um zu bestrafen, sondern damit der ganze Garten wieder gedeihen kann."

Vellan nickte sich selbst zu, während er seine Reisetasche packte. Ein paar Kleidungsstücke, getrocknetes Brot, eine Schlauch mit Wasser. Sein Schleier – fein gewebt aus Traumseide, ein Werkzeug, das jeder Harmoniewahrer bei sich trug, um gestörte Traumfäden sichtbar zu machen und notfalls neu zu verbinden. Ein Werkzeug, so praktisch und notwendig wie ein Fischernetz für den Fischer.


Die Sonnen, Dagaz und Kaldaz, standen beide am Himmel, die eine goldwarm, die andere kühl-blau. Sie hatten ihren höchsten Punkt berteits erreicht, verborgen hinter Barkuz' Schleier, wie jeden Tag zur Zeit der Schattenruhe, welche die Mitte des Tages in vertrautes Zwielicht tauchte, als Vellan den Eisnar Fanu verließ und die Hitze des Tages begann bereits nachzulassen, in wenigen Minuten sollte die zweite Hälfte des Tages beginnen, und noch viele Stunden bis zur Nachtruhe, gaben genügend Zeit dem Ruf des Traumes zu folgen.

Er hatte kaum den prächtigen Innenhof durchquert, dessen kunstvolle Mosaike Spiralmuster in Viridian- und Goldtönen zeigten, als eine vertraute Stimme ihn erreichte.

"Vellan Aclasri! Du gehst auf Reisen?"

Luritha Velitnei kam ihm entgegen, eine Traumdeuterin mittleren Alters, deren praktische Kleidung – ein einfaches Gewand in erdigen Brauntönen – wenig mit den kunstvollen Roben der Eisnar Cipen gemein hatte. Sie trug eine kleine Ledertasche über der Schulter, in der er das sanfte Klirren ihrer Charvanaschalen hörte. Sie kannten einander aus gemeinsamen Velsnachsitzungen, jenen Traumzirkeln, in denen man lernte, die sich von den tieferen Schichten des Taru durchdringen zu lassen.

"Ein dreifacher Traum," erklärte er, während er kurz stehen blieb. "Ein Dorf weit im Norden. Die Harmonien dort schwingen... anders. Verstimmt, würde ich sagen, wie eine Saite, die ihre Spannung verloren hat."

Luritha legte den Kopf leicht zur Seite, und für einen Moment schien sie in sich hineinzuhorchen. "Die Lurunagegend," sagte sie dann, langsam, nachdenklich. "Ich habe in letzter Zeit auch unruhige Bilder aus jener Richtung. Dunkle Hügel, beunruhigte Wasser." Sie zögerte, dann: "Ich komme mit. Zwei Paar Augen sehen mehr als eines."

Vellan nickte dankbar. Luritha war eine praktische Frau, die gelernt hatte, die feinen Schwingungen der Traumlandschaften zu lesen wie andere Menschen Spuren im Sand lasen.


Am Südtor von Rasnal, wo die Stadt allmählich in die sanften Hügellandschaften überging, trafen sie auf zwei weitere Reisende. Nethir Methlna, ein breitschultriger Weber, dessen Hände von jahrelanger Arbeit mit Traumseide – jenem besonderen Gewebe, das in den Werkstätten von Cel Atiz aus den Fasern bestimmter Nachtpflanzen gesponnen wurde – rau und geschickt zugleich waren. An seiner Seite stand Sirina Aiseras, eine hochgewachsene Händlerin mit wachsamen Augen und einem Bogen aus geschnitztem Luruna-Holz, kunstvoll verziert, wie jedes Werkzeug der Cel Hushi, über der Schulter. Eine wandernde Jägerin, die die Wege zwischen den Dörfern am See kannte und wusste, dass ein Bogen manchmal nötig war, wenn man allein durch die Wildnis reiste.

"Luritha," sagte Sirina zur Begrüßung, während sie ihren Blick über die anderen Reisenden schweifen ließ. "Ein friedliches Dorf, meist Fischer und Kräutersammler. Aber in letzter Zeit kommen seltsame Berichte. Menschen, die während der Schattenruhe nicht zur Ruhe kommen, Kinder, die zur Unzeit erwachen und der selbe Nachtmahr, der sie plagt." Sie zögerte. "Manche sagen, es gäbe Fremde dort, die neue Lehren predigen."

Vellan tauschte einen kurzen Blick mit Luritha. Neue Lehren – das war oft der Anfang einer Dissonanz. Nicht immer, gewiss. Neue Gedanken konnten fruchtbar sein wie Frühjahrssaat. Aber manchmal wuchsen aus ihnen auch Dornen.

"Dann sollten wir aufbrechen, bevor die Schattenruhe beginnt," sagte Nethir ruhig. "Drei Tage bis Luritha, wenn wir zügig gehen und das Wetter hält."


Die ersten beiden Tage der Reise verliefen ohne besondere Vorkommnisse. Sie folgten den alten Handelswegen, die sich wie geduldige Bänder durch die Landschaft schlängelten, vorbei an vereinzelten Höfen und kleinen Weilern, in denen die Menschen sie freundlich grüßten und manchmal eine Schale Wasser oder ein Stück Brot anboten. Die Cel Hushi waren ein gastfreundliches Volk, und Reisende wurden selten als Fremde betrachtet, sondern als Gäste auf Zeit. Gäste mit denen man einen gelebten Traum teilt.

Doch mit jedem Schritt, der sie dem Luruna-See näherbrachte, veränderte sich etwas in der Luft selbst. Subtil zunächst – die Vögel sangen weniger häufig, ihr Gesang klang leiser, gedämpfter. Die Farben der Landschaft wirkten, als würde man sie durch einen leichten Schleier betrachten. Und während der mittäglichen Schattenruhe, wenn sie in ihren einfachen Zelten lagen und auf die Träume warteten, schienen die Schatten tiefer zu werden, länger, als griffen sie nach etwas, das ihnen nicht gehörte.

In der dritten Nacht – der letzten vor ihrer Ankunft in Luritha – teilten sie alle denselben Traum.

Sie sahen das Dorf aus der Vogelperspektive, wie es am Ufer des Sees lag, wunderschönu und verletzlich zugleich. Über den schlafenden Häusern spannte sich ein Netz unsichtbarer Fäden, fein wie Spinnweben, doch fest wie Stahl, der Fleisch und Knochen zu trennen vermochte. Die Fäden zitterten sanft in einem Rhythmus, der nicht der natürlichen Schwingung entsprach – zu schnell, zu hart, zu geradlinig, wo natürliche Harmonien in sanften Wellen flossen.

Als sie am Morgen erwachten und ihr Lager zusammenpackten, sprach zunächst niemand über den Traum. Erst als die Sonnen bereits eine Handbreit über dem Horizont standen, sagte Luritha leise: "Ihr habt es auch gesehen."

Es war keine Frage.

"Das Netz," bestätigte Nethir, während er seinen Rucksack schultertе.schulterte. "Die Fäden greifen ab, was aufsteigen will. Wie ein Fischer, der sein Netz auswirft, aber die Fische nicht fängt, um sich zu nähren, sondern um sie vom Meer fernzuhalten."

"Die Zilac Hevil," sagte Sirina, und ihre Stimme trug einen Anflug von Resignation. "Die 'wirklich Erwachten', wie sie sich selbst nennen. Ich habe in den östlichen Dörfern von ihnen gehört. Sie behaupten, die Wahrheit über unsere Welt zu kennen – eine Wahrheit, die angeblich vor uns verborgen wird."

Vellan nickte langsam. Er kannte die Geschichten. Wanderprediger, die von Dorf zu Dorf zogen und behaupteten, die kollektive Harmonie sei keine natürliche Ordnung, sondern ein Käfig. Sie lehrten Techniken, die sie Huin Zera nannten – Methoden, um den Geist gegen diese Schwingungen zu verschließen, ihn zu isolieren, zu "befreien", wie sie sagten.

"Sie meinen es vielleicht gut," sagte er schließlich, aber mit einer fragenden Ratlosigkeit in seiner Stimme, die sein Unverständnis für ihre Lehre offenbarten. "Sie glauben wirklich, dass sie helfen. Aber was sie nicht verstehen..." Er suchte nach den richtigen Worten. "Die Harmonie ist kein Käfig. Sie ist wie der Boden unter unseren Füßen. Man kann sich weigern, auf ihm zu stehen, man kann versuchen zu fliegen – aber früher oder später fällt man. Und je höher man war, desto schmerzhafter der Aufprall."

Luritha nickte nachdenklich. "Die Dorfbewohner zahlen den Preis für ihre Experimente. Das Netz in unserem Traum – es schneidet sie ab von den tieferen Schichten. Kein Wunder, dass sie erkranken."


Luritha lag am Ufer des Luruna-Sees, eine kleine Ansammlung von etwa dreißig Häusern, deren einfache Formen sich nahtlos in die Landschaft einzufügen schienen, als hätte die Erde selbst sie geformt. Auf den flachen Dächern, kleine gemütliche Gärten, Orte der Gemeinschaft, die Wände aus gebranntem Lehm in warmen Erdtönen bemalt.

Unter anderen Umständen wäre es ein friedlicher, schöner Ort gewesen. Doch als sie in das Dorf eintraten, spürten sie sofort den Missklang.

Es war nichts Dramatisches, nichts Offensichtliches. Die Menschen gingen ihren Tätigkeiten nach – Netze wurden geflickt, Kräuter getrocknet, Kinder spielten am Ufer. Aber ihre Bewegungen waren langsamer als natürlich, ihre Blicke leicht verschleiert, als wären sie nicht ganz bei dem, was sie taten. Als würden sie durch eine unsichtbare Glasscheibe auf ihr eigenes Leben blicken.

Ein junger Fischer, der sein Netz ins seichte Wasser warf, tat es mechanisch, ohne die geschmeidige Grazie, mit der erfahrene Fischer ihre Werkzeuge führten. Kinder, die am Strand spielten, rannten langsam, als bewegten sie sich durch zähen Honig. Ihre Rufe klangen gedämpft.

"Der kollektive Traum," flüsterte Luritha, während sie durch die Hauptstraße gingen. Sie hatte eine ihrer Charvanaschalen in der Hand und ließ sie nachdenklich sanft in ihrer Handfläche kreisen. Das feine Summen, das die Schale erzeugte, klang falsch hier – zu hoch, zu schrill, als würde es gegen einen Widerstand ankämpfen. "Sie haben die natürliche Schwingung gestört. Die Menschen hier sind nicht mehr verbunden mit dem Taru, sie schweben... abgetrennt."

Sirina nickte zu einem der Häuser hinüber, aus dessen Fenster eine ältere Frau sie beobachtete. Die Frau lächelte nicht, winkte nicht – sie starrte nur, mit einem Ausdruck, der zwischen Neugierde und völliger Gleichgültigkeit zu schweben schien.

"Wir sollten mit den Dorfältesten sprechen," schlug Nethir vor. "Vielleicht wissen sie, wo die Fremden sich aufhalten."

Doch bevor sie Antwort erhielten, kam ein Kind zu ihnen gelaufen – ein Mädchen von vielleicht acht oder neun Jahren, deren Augen seltsam klar wirkten im Vergleich zu den anderen Dorfbewohnern. "Ihr seid von außerhalb," sagte sie, und es klang nicht wie eine Frage. "Ihr seid gekommen wegen der Erwachten, nicht wahr?"

Vellan ging in die Hocke, um auf Augenhöhe mit dem Kind zu sein. "Wir sind gekommen, weil wir gehört haben, dass Menschen hier unruhig schlafen. Kennst du die... Erwachten?"

Das Mädchen nickte ernst. "Sie sind in der alten Höhle am Nordufer. Sie sagen, sie wollen uns frei machen. Aber..." Sie zögerte, und zum ersten Mal sah Vellan Angst in ihren Augen. "Aber meine Mama ist nicht mehr wie früher. Sie lächelt nicht mehr richtig. Und nachts, wenn ich aufwache, höre ich sie weinen, aber wenn ich zu ihr gehe, sagt sie, es ist alles in Ordnung."

Luritha legte dem Mädchen sanft eine Hand auf die Schulter. "Wie heißt du?"

"Mira."

"Mira, wir werden deiner Mama helfen. Und allen anderen hier. Kannst du uns zeigen, wo die Höhle ist?"


Die Höhle lag etwa eine halbe Stunde Fußmarsch vom Dorf entfernt, eingebettet in einen kleinen Hügel, der mit niedrigem Buschwerk bewachsen war. Von außen wirkte sie unscheinbar – nur ein dunkler Spalt im Felsen, kaum breit genug für einen erwachsenen Menschen. Doch als sie sich näherten, spürte Vellan es wieder: jenes feine Schwingen in der Luft, das nicht mit den Ohren gehört, sondern mit einem tieferen Sinn wahrgenommen wurde.

"Sie sind drinnen," flüsterte Nethir. "Ich spüre ihre Präsenz. Fünf, vielleicht sechs Personen."

Sie warteten bis zur Schattenruhe. Nicht aus strategischen Gründen, sondern weil Vellan hoffte, mit den Fremden sprechen zu können, bevor Gewalt nötig wurde. Vielleicht verstanden sie nicht, was sie anrichteten. Vielleicht konnten sie überzeugt werden.

Als Barkuz sich über die Sonne schob und sein silbernes Licht die Welt in sanfte Dämmerung tauchte, betraten sie die Höhle.

Der Eingang war eng, doch dahinter öffnete sich ein überraschend geräumiger Raum. Die Wände waren mit seltsamen Symbolen bedeckt – nicht die organischen Spiralen und Kreise, die in Cel Atiz üblich waren, sondern geometrische Muster, scharf und präzise, Winkel und Linien, die das Auge nicht zur Ruhe kommen ließen. In der Mitte des Raums stand ein Gerät aus Kupferdrähten und Kristallen, das rhythmisch pulsierte und einen kaum hörbaren, aber spürbaren Ton erzeugte – eine Frequenz, die sich gegen die natürliche Harmonie, die alles verband, zu stemmen schien.

Fünf Gestalten saßen im Kreis um das Gerät, in tiefer Meditation versunken. Sie trugen einfache Gewänder in Grau- und Schwarztönen, ihre Gesichter waren ruhig, beinahe friedlich. Eine von ihnen – eine Frau mittleren Alters mit kupferfarbenem Armreif – öffnete die Augen, als sie eintraten.

"Ihr kommt von den Eisnar Cipen," sagte sie, und ihre Stimme trug weder Furcht noch Feindseligkeit, nur eine Art müde Resignation. "Wir haben euch erwartet."

Vellan trat vor, seine Hände sichtbar leer, um zu zeigen, dass er nicht gekommen war, um zu kämpfen. "Wir sind keine Gesandten der Eisnar Cipen. Wir sind hier, weil die Menschen in Luritha leiden. Ihre Träume sind gestört, ihre Gesundheit schwindet. Was ihr hier tut, mag in euren Augen richtig sein, aber es verletzt die Unschuldigen."

Die Frau erhob sich langsam. "Ihr versteht es nicht. Die Menschen leiden nicht an unseren Lehren – sie leiden an dem Erwachen. Seit sie denken können wurden sie in einem kollektiven Traum gefangen gehalten, einer Harmonie, die keine wahre Harmonie ist, sondern Unterwerfung. Wir helfen ihnen nur, sich davon zu befreien."

"Befreiung," sagte Luritha leise, "die sie krank macht? Befreiung, die Mütter weinen lässt und Kinder verstört zurücklässt?"

Ein Mann neben der Frau – jung, mit intensiven Augen – erhob sich ebenfalls. "Die Krankheit ist Teil des Prozesses. Wenn man ein krankes Glied heilt, schmerzt es zunächst. Aber dieser Schmerz ist notwendig."

Nethir schüttelte den Kopf. "Ihr sprecht von Heilung, aber was ich sehe..." Er zog seinen Schleier aus aus Traumseide über sein Gesicht. Die Seide begann zu schimmern, und in ihr erschienen Bilder – verschwommene, traumhafte Bilder der Dorfbewohner. Ein Fischer, der nachts schreiend erwachte. Eine Frau, die stundenlang am Ufer saß und ins Leere starrte. Kinder, die sich in ihren Betten zusammenrollten und nicht aufhören konnten zu zittern.

"Das ist keine Heilung," sagte Nethir ruhig. "Das ist Zerstörung."

Für einen Moment herrschte Stille in der Höhle. Dann, ohne Vorwarnung, bewegten sich die fünf Fremden als ein einziger Organismus.

Sie griffen nicht mit Händen oder Waffen an – ihr Angriff kam aus einer tieferen Ebene. Plötzlich fühlte Vellan, wie sein Geist von unsichtbaren Fingern berührt wurde, wie Erinnerungen an die Oberfläche gespült wurden, die er lieber vergessen hätte. Ein Moment der Unsicherheit in seiner Ausbildung, als er sich gefragt hatte, ob die Eisnar Cipen wirklich weise waren oder nur mächtig. Ein Traum, in dem er hinter verschlossenen Türen gestanden hatte und verzweifelte Stimmen gehört hatte, die um Freiheit flehten.

Neben ihm stolperte Luritha, presste sich die Hände an die Schläfen. Nethir sank auf ein Knie, sein Gesicht schmerzverzerrt. Sirina schrie auf, ließ ihren Bogen fallen.

Doch Vellan hatte sich auf solche Techniken vorbereitet. Mit zitternden Händen berührte er seine Schläfen, Techniken, die jeder Harmoniewahrer gelernt hatte.

Die mentalen Angriffe wurden sichtbar – schimmernde Fäden, die sich um ihre Köpfe gelegt hatten. Vellan begann, sie sachte zu lösen, einen nach dem anderen, während Sirina sich wieder aufrichtete und mit zitternden Händen nach ihrem Bogen griff.

Mit gezielten Schüssen, ohne den Zilac Hevil Beachtung zu schenken richtete sie ihre Angriffe gegen jenes Gerät in der Mitte des Raumes. Der erste Pfeil traf einen der Kristalle, der mit einem hellen Klirren zersplitterte. Der zweite durchschlug einen der Kupferdrähte. Der dritte, vierte, fünfte – methodisch, präzise, ohne Hast – zerlegte das Gerät in seine Einzelteile.

Als der letzte Kristall zerbrach, erfüllte ein ohrenbetäubender Ton die Höhle – nicht hörbar, aber spürbar, ein Vibrieren in den Knochen, ein Druck hinter den Augen. Die fünf Fremden brachen zusammen, nicht verletzt, aber erschöpft, als hätte man ihnen plötzlich eine Last von den Schultern genommen, die sie so lange getragen hatten, dass sie vergessen hatten, wie es sich anfühlte, ohne sie zu sein.

Vellan kniete neben der Frau mit dem Kupferarmreif nieder. Ihr Gesicht war fahl, Tränen liefen über ihre Wangen. "Was... was haben wir getan?" flüsterte sie.

"Ihr habt geglaubt, das Richtige zu tun," sagte Vellan mit einem leisen, sanften und tröstenden Ton. "Und vielleicht war eure Absicht rein. Aber Absichten allein machen das Ergebnis nicht gut."


In den Tagen danach kehrte die Harmonie nach Luritha zurück. Es war kein plötzlicher Wandel, kein dramatisches Erwachen. Sondern ein allmähliches, sachtes Zurückfinden in einen Rhythmus, der immer da gewesen war, wenn auch für einen Moment gestört.

Die Dorfbewohner begannen wieder klarer zu träumen. Die Mutter von Mira lächelte wieder, und wenn sie weinte, dann aus Erleichterung. Der junge Fischer warf sein Netz mit der alten Geschicklichkeit. Die Kinder spielten lauter, lebendiger.

Die fünf Fremden – die Mitglieder der Zilac Hevil – wurden nicht bestraft. Vellan arrangierte, dass sie in die Obhut eines der äußeren Velanikreise in Rasnal gegeben wurden, wo erfahrene Traumarbeiter ihnen helfen würden, wieder in die Harmonie einzufinden. "Sie sind nicht böse," hatte er zu Sirina gesagt, die eine härtere Strafe gefordert hatte. "Sie sind fehlgeleitet gewesen. Und Fehlgeleitete brauchen keine Strafe, sondern Führung."

Am letzten Abend vor ihrer Rückkehr nach Rasnal saß Vellan allein am Ufer des Luruna-Sees. Die beiden Sonnen waren bereits untergegangen, und die drei Monde standen am Himmel – Hwīlô groß und silbern, Maronă mit seinem leichten Violettschimmer, und sogar Draupnaz war sichtbar, ein rötlicher Fleck am westlichen Horizont.

Er dachte an die Worte der Frau mit dem Kupferarmreif. Die Menschen leiden nicht an unseren Lehren – sie leiden an dem Erwachen.

Für einen kurzen Moment – so kurz, dass er sich später nicht sicher war, ob er ihn wirklich erlebt hatte – fühlte Vellan einen Zweifel. Eine Frage, die sich durch seinen Geist bewegte wie ein Fisch durch dunkles Wasser: Was, wenn sie recht hatten? Was, wenn die Harmonie nicht Schutz, sondern Käfig ist?

Dann spürte er es – jenes vertraute, beruhigende Pulsieren, das durch alles Leben in Cel Atiz floss. Die Harmonie, die ihn seit seiner Geburt begleitete wie ein sanfter Herzschlag, eine zweite Natur. Sie strich über seinen Geist wie die liebevolle Hand einer Mutter über ein fiebriges Kind, und die beunruhigenden Gedanken verblassten, wurden weicher, verloren ihre Schärfe.

Natürlich ist die Harmonie kein Käfig, dachte er, und ein befreites Lächeln spielte um seine Lippen. Er blickte über den friedlichen See, dessen Oberfläche die drei Monde spiegelte wie drei wachsame Augen. Die Dorfbewohner schliefen ruhig, ihre Träume wieder im Einklang mit dem natürlichen Rhythmus der Welt, verbunden durch jenes unsichtbare Netz, das alle Lebewesen von Cel Atiz miteinander verband.

Er atmete tief ein und fühlte, wie die letzten Reste der Unsicherheit sich auflösten wie Morgennebel in der aufgehenden Sonne. Alles war wieder in Ordnung. Die Harmonie war wiederhergestellt, das kranke Glied geheilt, der Garten wieder im Gleichgewicht.

Und wenn ein winziger Teil seines Geistes – so klein, dass er ihn kaum wahrnehmen konnte – noch immer die Frage stellte, was hinter jenen verschlossenen Türen aus seinem alten Traum gelegen haben mochte, welche Stimmen dort um Freiheit gerufen hatten...

Nun, dieser Gedanke war so leise, so fern, dass er ihn nicht einmal mehr hören konnte.

Wie ein vergessener Traum nach dem Erwachen.