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Harmoniewahrer

Eine Geschichte aus Cel Atiz

Der Traum kam zu Vellan, wie die meisten bedeutsamen Dinge in Cel Atiz: unerwartet und mit einer Tiefe, die den Verstand berührte wie Morgentau eine Kristallblume. Drei Nächte lang hatte er die gleiche Vision – ein abgelegenes Dorf namens Luritha am östlichen Rand der Luruna-Seen, umgeben von einem disharmonischen Nebel, der die Träume seiner Bewohner verschlang.

Ein kleines Dorf mit geschwungenen Häusern an rinem See. Über dem Dorf sind Fäden gespannt.

Als junger Harmoniewahrer im Orden der Eisnar Cipen hatte Vellan gelernt, auf solche Träume zu achten. Sie waren keine zufälligen Launen des schlafenden Geistes, sondern Einflüsterungen einer tieferen Wahrheit.

"Die Harmonie verdünnt sich dort," murmelte er, während er am dritten Morgen in seiner Kammer in Rasnal erwachte, umgeben von den kunstvoll gewundenen Buntglasfenstern, die das morgendliche Licht in sanfte Farbwellen verwandelten. "Und der Traum ruft mich."


Die Sonne stand im Zenit, als Vellan den Eisnar Fanu verließ. Er trug die silbergraue Robe der Harmoniewahrer, sein langes Haar zu einem komplizierten Zopf geflochten, der seine Zugehörigkeit zum Velitasmo symbolisierte. An seiner Seite baumelte eine Purthne, eine der spiegelnden Laternen, deren Licht dazu diente, Traumrealitäten zu reflektieren und aufzudecken.

"Vellan Aclasri!" Eine melodische Stimme unterbrach seine Gedanken, als er den prächtigen Innenhof durchquerte. Es war Luritha Velitnei, eine Traumdeuterin, die er aus gemeinsamen Velsnach-Sitzungen kannte. "Du gehst auf Reisen?"

"Ein dreifacher Traum," erklärte er mit einem sanften Lächeln. "Ein Dorf weit im Osten schwingt nicht mehr im Einklang."

Luritha legte den Kopf leicht zur Seite, ihre Augen schienen für einen Moment in eine andere Realität zu blicken. "Die Luruna-Gegend... ich sehe dunkle Hügel und beunruhigte Wasser in meinen eigenen Träumen." Sie griff nach seiner Hand. "Ich werde dich begleiten. Meine Charvana könnte nützlich sein."

Vellan nickte dankbar. Die harmonischen Klangschalen der Traumdeuterin würden in der Tat wertvoll sein.


Bevor der Abend dämmerte, hatte sich ihre Gruppe auf vier erweitert. Am Südtor von Rasnal trafen sie auf Nethir Methlna, einen breitschultrigen Weber mit sanften Augen, dessen Gespinste aus Traumseide Geschichten erzählten. In seinem Schatten stand eine hochgewachsene Frau mit intensiven Augen und einem Bogen aus geschnitztem Luruna-Holz – Sirina Aiseras, eine Händlerin, die zwischen den Dörfern am See reiste und die Gegend kannte wie keine andere.

"Luritha," sagte sie, während sie auf die sanften Hügel blickte, die Rasnal umgaben. "Ein friedliches Dorf, meist Fischer und Kräutersammler. Aber in letzter Zeit sind seltsame Gerüchte zu hören. Menschen verschwinden während der Träume für Stunden, Kinder erwachen mit identischen Albträumen."

Vellan nickte ernst. Die Symptome waren eindeutig. Etwas hatte die natürliche Traumharmonie des Ortes aus dem Gleichgewicht gebracht.


Es dauerte drei Tage, um das Dorf zu erreichen. Mit jedem Schritt, der sie näher brachte, veränderte sich die Stimmung ihrer Umgebung subtil. Die Vögel sangen seltener, die Farben der Landschaft wirkten gedämpfter, und während der nächtlichen Schattenruhe schienen die Schatten tiefer, als würden sie nach den Träumen der Schlafenden greifen.

In der letzten Nacht ihrer Reise teilten sie alle den gleichen Traum – sie sahen Luritha aus der Vogelperspektive, umgeben von unsichtbaren Fäden, die sich wie ein Netz über das schlafende Dorf spannten und die Träume der Bewohner abfingen wie ein Spinnennetz Tautropfen.

"Es sind sie," flüsterte Luritha am Morgen, als sie um ein kleines Feuer saßen. "Die Zilac Hevil – jedenfalls nennen sie sich so. Die angeblich 'wirklich Erwachten'."

Nethir runzelte die Stirn. "Ich hörte Geschichten über sie in den östlichen Gemeinden. Sie behaupten, die Wahrheit über unsere Welt zu kennen, die angeblich vor uns verborgen wird."

"Sie stören die kollektiven Träume," erklärte Vellan ruhig. "Sie verwenden Techniken, die sie Huin Zera nennen – Methoden, um den Geist gegen die natürliche Harmonieschwingung zu verschließen. Doch was sie nicht verstehen: Diese Harmonien sind kein Käfig, sondern ein Schutz."

Sirina prüfte ihren Bogen. "Ihre Absichten mögen edel sein, aber ihre Methoden schaffen Disharmonie. Die Dorfbewohner erkranken bereits – erst der Traum, dann der Körper."


Luritha lag am Ufer des Luruna-Sees, eine kleine Ansammlung von etwa dreißig elegant geschwungenen Häusern, deren organische Formen an die Wellen des Sees erinnerten. Doch als sie eintrafen, spürten sie sofort die Dissonanz in der Luft – wie ein leicht verstimmtes Instrument in einem perfekten Orchester.

Die Bewohner bewegten sich wie im Halbschlaf. Ihre Blicke waren leicht verschleiert, ihre Bewegungen langsamer als natürlich. Kinder, die spielen sollten, saßen still und starrten ins Leere.

"Der kollektive Traum wird manipuliert," flüsterte Luritha, während sie ihre Charvana-Schale sanft in ihrer Hand schwingen ließ. "Sie versuchen, den Schleier zu zerreißen, aber sie wissen nicht, was sie damit freisetzen."

Am Abend fanden sie sie – fünf Gestalten, die sich in einer Höhle am nordöstlichen Ufer des Sees versammelt hatten. Die Höhle war mit seltsamen, spiralförmigen Symbolen bedeckt und im Zentrum stand ein Gerät aus Kupfer und Kristall, das rhythmisch pulsierte und einen kaum hörbaren, disharmonischen Ton erzeugte.

"Die Gedankenprüfung," flüsterte Vellan, als er die Technik erkannte. "Sie blockieren die natürlichen Traumschwingungen und ersetzen sie durch ihre eigenen. Sie glauben, die Menschen zu befreien, dabei stören sie nur die natürliche Harmonie."


Der Konflikt war unvermeidlich. Als die Nacht hereinbrach und die Mitglieder der Huin Zera in tiefe Meditation sanken, um ihre Gedankenmanipulation fortzusetzen, näherten sich Vellan und seine Gefährten.

Vellan entzündete seine Purthne, deren silbriges Licht die verborgenen Traumfäden sichtbar machte, die sich von dem Gerät zu jedem Haus im Dorf erstreckten. Luritha begann, ihre Charvana in einer gegenrhythmischen Frequenz zu schwingen, wodurch die disharmonischen Wellen unterbrochen wurden.

Die Huin Zera erwachten augenblicklich aus ihrer Meditation, ihre Augen weiteten sich vor Überraschung und dann Zorn.

"Ihr seid verblendet!" rief eine Frau mit kupfernem Armreif. "Die Eisnar Cipen halten euch alle in einem Traum gefangen! Die wahre Welt liegt jenseits des Schleiers!"

Nethir entfaltete ein Tuch aus Traumseide zwischen seinen Händen. "Eure Taten verletzen die Unschuldigen. Seht selbst die Disharmonie, die ihr erschafft." Das Tuch schimmerte und zeigte Bilder der leidenden Dorfbewohner, ihrer albtraumgeplagten Kinder.

Ein kurzer, intensiver Kampf entbrannte. Die Huin Zera kämpften nicht mit konventionellen Waffen, sondern mit den fortgeschrittenen Techniken ihrer Gedankenmanipulation – plötzliche Illusionen, schmerzhaft verzerrte Erinnerungen, und verwirrende Gedankenimpulse.

Doch Vellan hatte sich auf solche Techniken vorbereitet. Mit seiner Purthne reflektierte er die mentalen Angriffe, während Sirina mit präzisen Bogenschüssen das Kupfer-Kristall-Gerät zerstörte, das die Disharmonie verbreitete.

Ein ohrenbetäubender Klang erfüllte die Höhle, als das Gerät zerbrach – wie tausend zersplitternde Spiegel. Die fünf Mitglieder der Huin Zera brachen zusammen, ihr Widerstand gebrochen durch die plötzliche Rückkehr der natürlichen Harmonieschwingung.


In den Tagen danach kehrte die Harmonie nach Luritha zurück. Die Dorfbewohner erwachten wie aus einem langen, unruhigen Schlaf. Die Kinder begannen wieder zu spielen, die Fischer kehrten zu ihren Booten zurück, und die ersten unbeschwerten Lachen waren zu hören.

Die Mitglieder der Huin Zera wurden von Vellan nicht bestraft, sondern in die Obhut des Eisnar Fanu gegeben. "Sie sind nicht böse," erklärte er Sirina, die eine härtere Strafe gefordert hatte. "Sie sind nur... fehlgeleitet in ihrem Verständnis. Sie müssen wieder in die Harmonie eingebunden werden."

Doch in der letzten Nacht vor ihrer Rückkehr nach Rasnal hatte Vellan einen beunruhigenden Traum. Er sah sich selbst, wie er eine Tür verschloss, hinter der verzweifelte Stimmen um Freiheit flehten. Für einen kurzen, schmerzhaften Moment fragte er sich, ob die Huin Zera vielleicht von etwas wussten was ihm verborgen war, wenn hinter dem Schleier eine andere Wahrheit existierte?

Der Gedanke ließ ihn aufschrecken, sein Herz klopfte wild gegen seine Rippen.

Doch dann spürte er es – die sanfte, beruhigende Welle der Harmonie, die über sein Bewusstsein strich wie eine liebevolle Hand. Die beunruhigenden Fragen verblassten, wurden weicher, verschwammen an den Rändern.

Natürlich kann das nicht stimmen, dachte er mit einem Lächeln. Er blickte über den friedlichen See, dessen Oberfläche im Mondlicht schimmerte. Die Dorfbewohner schliefen ruhig, ihre Träume wieder in Harmonie mit dem natürlichen Rhythmus der Welt.

Er atmete tief ein und fühlte, wie die letzten Zweifel sich auflösten wie Morgennebel in der Sonne. Alles war wieder in Ordnung. Die Harmonie war wiederhergestellt.

Und wenn ein winziger Teil seines Geistes noch immer die Frage stellte, was hinter jener Tür in seinem Traum gelegen haben mochte – nun, dieser Gedanke war nun so leise, so fern, dass er ihn kaum noch hören konnte.

Wie ein vergessener Traum nach dem Erwachen.