Das Moor der Stehenden
„Im Sommer trägt es dich nicht. Im Winter trägt es dich. Was dazwischen liegt, geht dich nichts an – und sieh im Winter nicht nach unten."
— Weitergegebene Warnung der Sidd am Südrand des Tiefen Waldes
Überblick
| Kategorie | Information |
|---|---|
| Art | Naturphänomen / Moorbecken |
| Region | Zentrales Waldgebiet Erek Noans, etwa neun bis zwölf Tagesmärsche nördlich der letzten Winterlager |
| Örtliche Bezeichnung | Jeagilvuopmi – die Flechtenniederung; der Name meint die ganze Senke, nicht die Stelle |
| Kulturkreis | Keiner. Es steht nichts darin, was jemand gebaut hätte |
| Alter | Unbekannt. Die tiefsten Eingeschlossenen tragen nichts, was sich einem Volk zuordnen ließe |
| Zugänglichkeit | Im Sommer nicht zu durchqueren; im Winter über die gefrorene Fläche in drei bis vier Tagen |
| Gefahrenstufe | Tödlich im Sommer · Gering im Winter, solange das Eis trägt |
| Bekanntheitsgrad | Unter den Lithi allgemein bekannt und mit einem Tabu belegt; außerhalb Erek Noans so gut wie unbekannt |
Erscheinungsbild
Die Senke kündigt sich nicht an. Der Wald wird lichter, die Kiefern niedriger, wie überall dort, wo der Boden nass wird, und dann steht man am Rand einer Fläche, die man für eine Wiese halten könnte: ein weiches, gleichmäßiges Braungrün aus Torfmoos und Flechte, hier und da eine einzelne tote Kiefer, die schräg steht, und dahinter dasselbe, bis der Dunst es schluckt. Sie misst, soweit sich das von den Rändern abschätzen lässt, drei bis vier Tagesmärsche in jede Richtung.
Das Erste, was auffällt, ist eine Abwesenheit. In einem Land, in dem die Sommermonate durch die Mückenschwärme unerträglich werden und jedes Lager sich nach dem Rauch richtet, hört an der Kante der Senke das Summen auf wie hinter einer geschlossenen Tür; erfahrene Jäger erkennen die Grenze an diesem Verstummen, lange bevor sie am Boden etwas merken.
Im Sommer ist der Grund nicht bloß weich, sondern weich und nehmend.zäh, ohne loszulassen. Wer geht, dem sinkt der Schritt eine Handbreit ein und kommt wieder frei; wer stehen bleibt, steht nach einem Atemzug einen Finger tiefer, nach einer Minute knöcheltief und nach einer Stunde bis zum Knie, und was so weit unten ist, kommt nicht mehr von allein heraus. Dabei reißt und zerrt nichts – man spürt es an den Waden nur als ein stetiges, beinahe freundliches Anliegen, das keine Eile kennt. Ein Kochtopf, abends auf das Moos gestellt, steht am Morgen bis zum Rand darin, und ein Stiefel, den jemand auszog, ist am nächsten Tag nicht mehr zu finden.
Im Winter friert alles: Der Torf wird hart, das Wasser darunter zu schwarzem, blasenfreiem Eis, und die Senke ist dann der beste Weg nach Norden, den das Land zu bieten hat – eben, offen und schnell. Dann sieht man sie.
Sie stehen aufrecht, die Arme an den Seiten, in allen Tiefen, die das Eis noch durchlässt: manche eine Handbreit unter der Fläche, so nah, dass der Frost auf ihrem Haar zu erkennen ist, manche so tief, dass nur ein helleres Braun im Braunen von ihnen bleibt. Das Torfwasser hat sie vollständig erhalten, Haut wie nasses Leder, Nähte, Knoten, Flechtwerk und den Sitz eines Gürtels, und während die einen Kleidung tragen, die jeder Sidd benennen kann, tragen andere eine, für die niemand ein Wort hat. Sie alle wenden das Gesicht in dieselbe Richtung, und diese Richtung ist– nicht nachdem oben.Himmel zu, sondern einem Ziel entgegen, das keiner von ihnen je erreicht hat.
Geschichte und Ursprung
Es gibt keine Entstehungsgeschichte, weil es nichts gibt, das entstanden wäre: Die Senke ist ein Moorbecken, wie es davon im zentralen Waldgebiet hunderte gibt, und nichts an ihrem Rand, ihrem Untergrund oder ihrem Bewuchs unterscheidet sie von den übrigen – außer dass siesie, anders als einzigejedes nimmt.andere Moor, nichts wieder hergibt.
Wie lange das schon so geht, lässt sich allein an den Eingeschlossenen ablesen, und das ist eine unsichere Rechnung: Der Torf erhält, was er aufnimmt, ohne es zu altern, und ein Mantel, der vor zwanzig Generationen gewebt wurde, sieht darin aus wie ein Mantel vom vergangenen Herbst. Sicher ist, dass die tiefsten Gestalten Schnitte, Verschlüsse und Werkzeuge tragen, für die weder die Lithi noch die Stämme Auwharins eine Entsprechung kennen. Sicher ist auch, dass sie nicht die ältesten sein müssen, sondern nur die tiefsten.
In den Überlieferungen der Lithi kommt die Senke nichtnur als Ereignis vor, sondern als Regel, und dieeine Regel besteht aus zwei Sätzen:vor: Man geht nicht hinein, außer im Winter, und im Winter geht man durch.
Besondere Merkmale
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Der Sog: Er richtet sich nicht nach Gewicht, sondern nach Ruhe. Ein schwerer Schlitten, der gezogen wird, läuft; ein leerer Beutel, der liegen bleibt, ist fort. Es ist keine Strömung und kein Nachgeben des Untergrunds – abgesenkte Pfähle lassen sich mit vereinten Kräften herausziehen und stecken eine Stunde später wieder gleich tief.
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Die Schattenruhe: Darin liegt die eigentliche Schärfe des Ortes. Sechs Stunden lang muss jeder schlafen, und der Schlaf ist nichts, was man aufkündigen könnte. Wer im Sommer in der Mitte der Senke von der dreizehnten Stunde überrascht wird, hat keine Wahl mehr, die diesen Namen verdient. Es gibt drei überlieferte Berichte von Menschen, die eine sommerliche Durchquerung überlebt haben, und alle drei erzählen davon, was sie taten, um wach zu bleiben, und keiner erzählt es gern.
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Die Ausrichtung: Sämtliche Eingeschlossenen weisen in dieselbe Richtung, unabhängig von Tiefe und Alter. Sie weisen nicht zum Rand, nicht nach Norden und nicht zum Himmel. Zwei Noaidi haben unabhängig voneinander über die Peilung aufgezeichnet, was die Richtung trifft: einen Punkt in der Senke selbst, etwa in ihrer Mitte, an dem bis heute niemand gewesen ist.
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Die Wärme: Wer im Winter das Eis über einer oberflächennahen Gestalt aufschlägt, findet darunter Wasser, das nicht gefroren ist. Es ist
nicht warm wie ein Körper. Es istwarm wie ein Stein, auf den die Sonne geschienen hat.
Gegenwärtiger Zustand
Die Winterroute wird nach wie vor genutzt, wenn auch von wenigen. Wer sie geht, geht sie zügig und ohne Lager auf der Fläche; die drei oder vier Nächte verbringt man an den Rändern, und die Schattenruhe verschläft man auf den Schlitten in Bewegung, was die Tiere mühsam und die Fahrt teuer macht, aber niemand, der es einmal anders versucht hat, rät dazu.macht.
In den letzten Jahren häufen sich zwei Beobachtungen. Das Eis trägt später als früher – wo vor einer Generation das Ende des Herbstes genügte, warten die Sidd heute bis tief in den Winter. Und mehrere Führer, die die Strecke seit Jahrzehnten gehen und ihre Merkpunkte im Kopf haben, berichten übereinstimmend, dass einzelne Gestalten näher unter dem Eis stehen als im Jahr davor. Nicht alle. Immer dieselben. Man hat aufgehört, es weiterzuerzählen, weil es niemandem nützt.
Magische und übernatürliche Eigenschaften
Es ist nichts zu messen. Kompassnadeln stehen ruhig, das Wasser schmeckt nach Torf und nach sonst nichts, der Bewuchs unterscheidet sich in keiner Faser von dem der Nachbarbecken, und kein Werkzeug, kein Tier und kein Mensch zeigt in der Senke eine Regung, die sich nicht aus Kälte, Nässe und Angst erklären ließe.
Was sich nicht erklären lässt, ist die Erhaltung. Dass Torf die Dinge hält, ist bekannt – das tun alle Moore, und jedes Kind hat schon ein Stück Holz gesehen, das jahrhundertelang darin lag und noch immer schnitzbar ist. Nur hält Torf nichts warm und nichts aufrecht: In jedem anderen Moor tun Gewicht und Auftrieb, was sie überall tun, und drehen einen Körper binnen weniger Tage auf die Seite, während er hier über Jahrhunderte steht, als hielte ihn jemand.
Bewohner und Kreaturen
In der Senke lebt nichts. Keine Mücken, keine Bremsen, keine Frösche, keine Vögel, die am Rand nisten würden, obwohl das Gelände es hergäbe. Elche und Rentiere gehen um sie herum, auch dort, wo der Umweg zwei Tage kostet, und kein Treiber musste sie je dazu anhalten.
Dass die Eingeschlossenen tot sind, betont jeder, der einmal dort war, ohne dass ihn je jemand danach gefragt hätte.
Schätze und verborgene Ressourcen
Was die tiefsten Gestalten am Leib tragen, wäre für die Gelehrten Non'Gaudens und für jede Sammlung Auwharins von einem Wert, der sich schwer beziffern lässt: unbeschädigte Kleidung, Werkzeug und Zierrat aus einer Zeit, aus der sonst nur Scherben vorliegen. Bergen lässt sich nichts. Im Sommer kommt niemand hin, im Winter liegt Eis darüber, und die einzige verzeichnete Grabung – ein non'gaudischer Vorstoß, der im Winter 811 WZ über die Südkante kam und vier Tage arbeitete – hat das Loch wieder zugeschlagen und ist abgereist. Der Bericht dazu ist in Ezagutza vorhanden, umfasst zwei Seiten und endet mitten im Satz.
Kulturelle Deutungen
| Kultur | Deutung |
|---|---|
| Auwharin | Die Kirche hat sich nie geäußert, was daran liegt, dass Erek Noan nicht ihr Gebiet ist und die Nordstämme das Thema meiden. In den Grenzdörfern hält man die Senke für einen Ort, an dem eine Strafe vollzogen wird, deren Urteil niemand mehr |
| Non'Gauden | Ein anerkanntes, unbequemes Problem. Die Erhaltung und die aufrechte Lage widersprechen allem, was über Auftrieb und Zersetzung bekannt ist, und da kein Feld, keine Strahlung und keine Beimengung nachweisbar sind, gilt der Befund als „unvollständig erhoben" – was in den Registern der Jakintza Ezagutza bedeutet, dass jemand noch einmal hinfahren müsste. |
| Lithi | Kein Erklärungsgegenstand, sondern eine Regel. Die Senke gehört zum Tiefen Wald, und den betritt man nicht. Die Noaidi, denen das Betreten erlaubt ist, unterscheiden sorgfältig zwischen dem Durchqueren, das sie tun, und dem Verweilen, das sie nicht tun. Gefragt, was dort sei, antworten sie fast wortgleich: dass es nicht antwortet. |
| Cel Atiz | Die wenigen Cel Hushi, die je davon gehört haben, haben es aus zweiter Hand. In den Traumzirkeln Rasnals kursiert das Bild der aufrecht Stehenden seit etwa zwei Jahrzehnten und taucht seither in Schilderungen von Menschen auf, die von der Senke nichts wissen. Die Zirkel führen das darauf zurück, dass ein gutes Bild wandert. |
Lokale Legenden und Überlieferungen
- Kinder in den Winterlagern lernen einen Abzählreim, in dem es um Stehen geht und darum, dass der Letzte, der sich bewegt, gewinnt. Die Eltern kennen die Herkunft nicht mehr und finden ihn harmlos.
- Es heißt, ein Sidd habe vor langer Zeit die Senke im Sommer umgehen wollen und sich dabei verirrt, und als man die Leute im Winter suchte, habe man sie gefunden, aber nicht dort, wo sie gegangen waren. Wie viele es waren, wird in jeder Fassung anders erzählt.
- Unter den Führern gilt es als ausgemacht, dass man auf der Winterfahrt nicht zählt. Wer zählt, kommt beim zweiten Mal auf eine andere
Zahl, und beide Zahlen bleiben ihm.Zahl.
„Sie sind tot. Sag es, während du gehst, und sag es gleichmäßig, sonst fängst du an, ihnen zuzusehen."
— Anweisung eines Winterführers an seinen Sohn, aufgezeichnet am Njukčajávri