Gesellschaftliche Rolle der Magie
Für die meisten Menschen auf Weraldiz ist Magie etwas, das andere können. Man begegnet ihr ein-, zweimal im Leben – wenn ein Kind nicht gesund wird, wenn die Ernte auf der Kippe steht, wenn ein Toter nicht gefunden wird – und man begegnet ihr mit derselben Mischung aus Dankbarkeit und Vorsicht, mit der man einem Fremden begegnet, der einem geholfen hat.
"Magie? Natürlich gibt es die. Der Ordensbruder im Tempel hat meinen Sohn geheilt, als kein Kraut mehr half. Aber verstehen? Nein, das ist nichts für einfache Leute wie uns. Wir haben unsere Felder zu bestellen und unsere Herden zu hüten. Die Zaubersprüche überlassen wir denen, die dafür ausgebildet sind."
— Sigurd, Schafshirte aus Hügelmark
Wer darf, und wer entscheidet das
In Auwharin wachen die Sieben Orden über die Anwendung. Wer nicht ordiniert ist, braucht eine Zulassung vom Orden der Lampe; verboten sind die Anrufung ferner Mächte, jeder Eingriff in den freien Willen und alles, was mit Toten zu tun hat. Die Strafen reichen von Bußzahlung über Verbannung bis zur Überstellung an den Orden des Schildes. Für Geistesformer gibt es kein eigenes Gesetz, aber ein Verzeichnis und die Erwartung, sich freiwillig dem Kodex der Gedankenehre zu unterwerfen – Harkönig Leofric drängt seit 838 WZ darauf, sie stattdessen regulär in Ämter zu nehmen, was ihm bei den Orden wenig Freunde macht.
Non'Gauden regelt alles, was sich regeln lässt. Jeder Anwender ist bei den Jakintza registriert, jede experimentelle Arbeit braucht eine Lizenz, und der Gogoaren Kontseilua prüft nach. Für Burmūn gilt eine eigene Staffelung nach Fähigkeitsstufen, mit Prüfungen, Zertifikaten und Meldepflichten oberhalb bestimmter Schwellen. Von außen wirkt das wie Überregulierung; von innen ist es der Grund, warum eine Begabung dort eine Laufbahn ist und kein Schicksal.
Die Lithi kennen keine Gesetze dazu, aber Regeln, die schwerer wiegen. Der Sidd steht für seine Noaidi ein, Tabus bestimmen, was man mit den Bajasdolgi tun darf und was nicht, und wer sie bricht, verliert nicht seinen Rang, sondern seinen Platz. Traumwanderer stehen unter der Aufsicht der Ältestenräte, was in der Praxis heißt: unter Beobachtung, ohne Vorschrift.
Cel Atiz kommt ohne Verbote aus. Bewertet wird nach Wirkung auf das Zusammenleben, ausgeglichen wird gesellschaftlich, und in schwierigen Fällen fragt man die Eisnar Cipen. Wer dort jemanden gegen dessen Willen berührt – im Traum oder im Wachen –, wird nicht bestraft, sondern gemieden, und das ist schlimmer.
Wer sie erlernen kann
Etwa einer von zwanzig Menschen bringt Begabung mit; die wenigsten erfahren davon. Ausgebildet wird, wer auffällt und wen jemand weiterreicht – das Kollegium der Sieben Lichter in Auwharin, die fünf Jakintza-Akademien in Non'Gauden, die Velsnach-Traumzirkel in Cel Atiz nehmen auf, wer empfohlen wird. Daneben steht überall die ältere Form: Ein Meister nimmt einen Schüler an, eine Familie gibt weiter, was sie hat, ein Dorf schickt sein begabtes Kind zur Weisfrau am Ort.
Der schwerste Filter ist selten das Geld. Es ist die Entfernung, die Empfehlung, die Frage, ob überhaupt jemand vorbeikommt, der erkennt, was das Kind da tut.
"Meine Tochter hat die Begabung – jeder im Dorf hat es gesehen, als sie mit drei Jahren einen fallenden Krug in der Luft anhielt. Aber wer soll sie empfehlen? Bis zum Kollegium sind es zwanzig Tagesmärsche, und seit meiner Kindheit hat kein Ordensbruder unser Tal gesehen."
— Wulfgar, Schmied aus Wolfsthal
Wozu sie im Alltag dient
Wo Magie greifbar wird, ist sie meist unspektakulär: eine Wunde, die schneller schließt; ein Werkzeug, das länger hält als andere; ein Wetterspruch vor der Ernte; eine Nachricht, die schneller ankommt, als ein Bote laufen kann; ein Amulett, das der Träger nie ablegt. Wer wohlhabend ist, hält sich jemanden dafür. Wer es nicht ist, geht zur Weisfrau und bezahlt in Naturalien. Der Unterschied zwischen beidem ist so groß wie der zwischen Seide und Wolle – und beides wärmt.
"In Zeruko Hiri kann ein reicher Kaufmann einen Magier rufen, um sein Haus gegen Diebe zu schützen, während in meinem Dorf die alte Weisfrau ein Amulett fertigt, wenn das Vieh krank wird. Beides ist Magie, aber so verschieden wie Seide und Wolle."
— Jorund Nordstrand, reisender Händler
Wo sie Gewicht bekommt
Politisch zählt Magie überall, aber auf verschiedene Weise. In Auwharin sitzen die Orden im Hohen Rat und bringen ihre Kraft als Amt ein. In Non'Gauden ist akademischer Rang die Eintrittskarte in jede Führungsposition, und akademischer Rang setzt Können voraus. Bei den Lithi beraten die Noaidi die Ältestenräte und schlichten, was sonst zu Blut führen würde. In Cel Atiz lenken die Eisnar Cipen, ohne je etwas anzuordnen.
Im Krieg wäre Magie entscheidend, wenn es genug Begabte gäbe. Da es sie nicht gibt, sind es einzelne Spezialisten, deren Einsatz sich lohnt: Schutzmagier des Ordens des Schildes an wenigen wichtigen Orten, kleine abgestimmte Einheiten aus Non'Gauden, Lithi-Wetterschamanen, die einen Pass unpassierbar machen, Cel Hushi, die einen Gegner nicht angreifen, sondern verwirren. Keine Armee des Kontinents kann sich auf Magie verlassen, und jede rechnet mit ihr.
"Meine umstrittenen Studien deuten darauf hin, dass das, was wir 'Magie' nennen, möglicherweise Interferenzen zwischen parallelen Realitätsebenen sind, wobei Bewusstsein als Katalysator fungiert. Die Tiefenschlünde könnten Bereiche dünnerer 'Membranstärke' zwischen diesen Ebenen darstellen."
— Maistra Itziar ez'Indarra, aus "Kontroverse Theorien zur Energienatur" (Von der Akademie-Mehrheit abgelehnt)