Die fünf Quellen
"Die Quellen der Magie sind wie fünf große Flüsse, die aus einem verborgenen Ozean entspringen. Sie fließen durch unsere Welt, und jeder, der ihre Wasser zu lenken vermag, schöpft aus derselben Tiefe."
— Irakasle Aimar ez'Ezagutza-barne-bi Hausnartzaile
Wer auf Weraldiz Magie wirkt, tut das nie einfach so. Er schöpft aus seiner Verbindung zu seiner Umwelt: aus seiner Überzeugung, die sein Weltbild prägt, aus dem tiefen Verständnis der Zusammenhänge der Welt, aus Erregung und Emotion, aus der Vertrautheit und der Verbundenheit mit seiner Umgebung – oder aus nichts als dem eigenen Willen. Danach unterscheiden alle Kulturen die Magie: nicht nach dem, was am Ende geschieht, sondern nach dem, woraus jemand schöpft. Zwei Menschen können dieselbe Wunde schließen und haben doch nichts gemein außer dem Ergebnis.
Fünf solcher Zugänge kennt man, und man nennt sie Quellen.
Amāra – Die Hingabe
Amāra schöpft aus Bindung an etwas, das größer ist als der Wirkende: ein Ideal, ein Gelübde, eine Gemeinschaft, die dasselbe glaubt. Sie verlangt, dass man sich selbst zurücknimmt, und sie versagt bei jedem, der sie für sich selbst gebrauchen will. Aus ihr schöpfen die Geweihten der Himmlischen Heerscharen, die Ritter des Ordens des Schildes, Harmoniesucher der Cel Hushi und die ethischen Wächter Non'Gaudens – über erhobene Symbole, gesprochene Gebete, vollzogene Handlungen.
Sutarka – Die Erkenntnis
Sutarka schöpft aus dem Durchdringen: aus Begriffen, Regeln, aus dem genauen Verstehen dessen, was geschieht. Sie ist die formelhafteste der fünf, die einzige, die sich vollständig aufschreiben und lehren lässt, und die einzige, deren Ergebnisse sich zuverlässig wiederholen. Non'Gaudens Gelehrte, argitarische Akademiker und die Magier der klassischen Schulen zeichnen Formeln in die Luft, legen Diagramme aus und sprechen kodifizierte Sprüche.
Valthur – Die Glut
Valthur schöpft aus dem Gefühl im Augenblick seiner größten Stärke – Zorn, Trauer, Ekstase, Freude. Sie ist die schnellste der Quellen und die am wenigsten steuerbare; wer aus ihr schöpft, entscheidet nicht, wie viel er nimmt. Lithi-Tänzer, Cel Marish-Künstler und die Ekstasepriester des Velitasmo rufen sie durch Tanz, Gesang, Trommel und Rausch.
Saivon – Die Belebung
Saivon schöpft aus der Vertrautheit mit Lebendigem: mit einem Wald, einer Herde, einem Stück Land, das man seit Kindertagen kennt. Sie wirkt langsam, hält lange und lässt sich kaum mitnehmen – ein Anhänger der Alten Pfade, der seine Haine verlässt, verliert das meiste davon. Aus ihr schöpfen Druiden der Aus'Harringer, Cel-Atismo-Naturkundige und die Stammesweisen der abgelegenen Täler.
Cetāra – Der Geist
Cetāra schöpft aus nichts als dem Bewusstsein selbst. Kein Werkzeug, kein Wort, kein Ritual steht zwischen dem Wirkenden und dem, was er bewirkt – deshalb sieht man ihr nicht an, dass sie geschieht, und deshalb fürchten die Menschen sie am meisten. Wer aus ihr schöpft, heißt in Auwharin Geistessprecher, bei den Lithi Traumwanderer, in Non'Gauden Selbstarchitekt und in Cel Atiz Traumformer. Ausführlich behandelt sie Cetāra – Die Geistesformung.
Unter den fünf Quellen ist Cetāra der Sonderfall, und zwar in jeder Hinsicht. Sie ist die seltenste – auf zwanzig Menschen kommt einer mit irgendeiner Begabung, auf zweihundert einer, den es zu Cetāra zieht. Man erkennt sie nicht an der Methode, sondern nur an dem, was geschieht. Und sie ist die einzige, die zunimmt. Die vier anderen Quellen fließen, soweit Aufzeichnungen zurückreichen, gleich stark. Von Cetāra gilt das nicht.
Warum Cetāra zunimmt, weiß niemand
Vor wenigen Jahrhunderten war ein Geistesformer eine solche Seltenheit, dass es in den Aufzeichnungen kaum Berichte gibt. Es gab keine Schulen für sie, keine Gesetze, kein Wort, das in mehr als einer Kultur verstanden wurde. Seit etwa 600 WZ häufen sich die Fälle – nicht sprunghaft, aber stetig und in jeder der vier Regionen zugleich, was jede Erklärung durch Abstammung oder Erziehung zunichtemacht. Die Jakintza Adimen gründete 617 WZ eine eigene Ausbildungsstätte, weil man den unkontrollierten Manifestationen nicht mehr Herr wurde; Auwharin führt seit Generationen Verzeichnisse, die immer länger werden.
Was das bedeutet, deutet jede Kultur anders. Non'Gauden sieht darin den nächsten Schritt einer Entwicklung des Bewusstseins, die es ohnehin erwartet hatte. Die Lithi sagen, die Bajasdolgi sprächen häufiger, weil die Zeit es verlange. In Auwharin ist man geteilter Meinung, ob es sich um eine Gabe der Heerscharen handelt oder um etwas, das man besser im Blick behält. In Cel Atiz gilt es schlicht als selbstverständlich, dass der Traum sich ausbreitet.
Einig sind sich alle nur darin, dass es kein Zufall ist, dass diese Zunahme in dieselbe Zeit fällt wie alles andere, was sich verändert.
Wer schöpfen kann
Etwa einer von zwanzig Menschen bringt überhaupt eine Begabung mit. Wer sie hat, braucht dazu jahrelange Übung und Vertiefung, eine Tradition, Schule, oder einen Meister, die ihn aufnimmt und je nach Form die notwendigen Mittel für die benötigte Ausrüstung. Am Ende wirkt ein kleiner Teil der Bevölkerung tatsächlich Magie, und fast jeder davon nur aus einer Quelle.
Eine Frage des Charakters
Ein Schamane, der seine Ausbildung damit zubringt die tiefen menschlicher Emotion zu erforschen, ein Forscher, der die Zusammenhänge der Welt analysiert oder ein Waidmann, der sich ganz seinem Tiergefährten verschrieben hat. Die Quelle aus der man schöpft und mit der man sich Tag für Tag beschäftigt hat einen unweigerlichen Einfluss darauf, wie man die Welt betrachtet.
Ein Ozean oder fünf Flüsse
Ob die fünf Quellen wirklich fünf sind, ist die älteste offene Frage der Magiekunde. Für die Trennung spricht, dass jede ihre eigenen Bedingungen hat und die Übungen der einen bei der anderen nichts nützen. Dagegen spricht, dass alle fünf am Ende dasselbe vermögen – Wunden schließen, Wetter wenden, Furcht nehmen –, nur auf Wegen, die einander nicht ähneln.
Die Kirche der Himmlischen Heerscharen sieht in Amāra göttliche Gnade und in den übrigen vier Abstufungen davon. Die Alten Pfade halten Saivon für das Gewebe des Lebens selbst und alles andere für Ableitungen. Non'Gauden erforscht alle fünf als Ausdruck derselben Gesetzmäßigkeit, ohne diese Gesetzmäßigkeit bisher benennen zu können. Und in Cel Atiz gilt der Streit als müßig: fünf Wege, ein Ziel, und wer unterwegs streitet, kommt später an.
"Ob du nun aus Amāra, Sutarka, Valthur, Saivon oder Cetāra schöpfst – die Kraft, die Welt zu verändern, trägt immer die Last der Verantwortung mit sich. Die Quelle mag unterschiedlich sein, die Weisheit, die wir brauchen, bleibt dieselbe."
— Aldrich vom Orden des Spiegels