Burmūn – Die Geistesformung
"Der Geist ist wie der Sternenhimmel – unendlich weit, voller verborgener Kräfte und doch in jedem von uns vollständig enthalten."
– Inazo Adimenaren Araua, Gründer der Herrschaft des Geistes
Die Quelle ohne Umweg
Wer aus Amāra, Sutarka, Valthur oder Saivon schöpft, tut das über etwas: über ein Gebet, eine Formel, einen Tanz, einen Ort. Burmūn kennt diesen Umweg nicht. Zwischen dem Willen und dem, was geschieht, liegt nichts – kein Wort, kein Werkzeug, keine Geste, die ein Zuschauer deuten könnte.
Das macht die Geistesformung zur unauffälligsten und zur beunruhigendsten der fünf Quellen zugleich. Ein Kleriker, der wirkt, ist zu erkennen. Ein Geistesformer, der wirkt, sitzt still da. Man weiß nie, ob gerade etwas geschieht, und man weiß nie, ob nichts geschehen ist.
Die Begabung meldet sich fast immer von selbst, meist gegen Ende der Kindheit, und meist im ungünstigsten Augenblick: Ein Krug bleibt in der Luft stehen, ein fremder Gedanke schiebt sich zwischen die eigenen, ein Traum erweist sich als zutreffend. Die Zeichen werden lange fehlgedeutet, bis ein Vorfall keine andere Deutung mehr zulässt.
"Der Moment, in dem ich zum ersten Mal die Stimmen hörte, war ich im tiefen Schnee während eines Schneesturms verloren. Als die Kälte mich zu überwältigen drohte, hörte ich plötzlich die Gedanken meiner Gefährten, die nach mir suchten. Ich spürte ihre Sorge, ihre Angst – und konnte ihnen meine Position mitteilen, ohne einen Laut von mir zu geben. An diesem Tag wurde ich zum Traumwanderer – nicht aus Wahl, sondern aus Notwendigkeit."
– Njálla Suovva-bártni, Traumwanderer des Jiekka-sidd
Eine junge Kraft
Burmūn ist so alt wie die anderen Quellen – aber sie war nie das, was sie heute ist. In den Aufzeichnungen der ersten Jahrhunderte kommt sie kaum vor: Da ist von Einzelnen die Rede, von Sonderlingen, von Kindern, die man in Ruhe ließ, weil man nicht wusste, was man mit ihnen anfangen sollte. Weder Auwharin noch Non'Gauden hielt es für nötig, ein Wort dafür zu prägen, das über die eigene Region hinausreichte.
Das änderte sich innerhalb weniger Generationen. Seit etwa 600 WZ häufen sich die Fälle, in allen vier Regionen gleichzeitig und ohne erkennbares Muster in Abstammung oder Erziehung. 617 WZ gründete die Jakintza Adimen in Adimenaren Araua eine Einrichtung, die sich ausschließlich der Geistesformung widmete – nicht aus Forschungsdrang, sondern weil zu viele Begabte ohne Anleitung Schaden anrichteten. Die Verzeichnisse Auwharins werden seither länger, nicht kürzer.
Damit ist Burmūn die einzige der fünf Quellen, deren Geschichte man datieren kann, und das deutlichste Zeichen dafür, dass sich in dieser Welt gegenwärtig etwas verschiebt. Was genau, sagt niemand mit Sicherheit; dass es mit der zweiten Himmelsgleiche zusammenhängt, nehmen fast alle an.
Der Sechsfache Pfad
Wenn heute jemand von den sechs Disziplinen spricht, spricht er non'gaudisch, ob er es weiß oder nicht. Die Einteilung stammt aus Adimenaren Araua, entstand um 650 WZ und diente zunächst nur einem Zweck: Man musste die Ausbildung ordnen. Sie hat sich durchgesetzt, weil sie die einzige geschriebene ist.
Gedankenrede verbindet Bewusstsein mit Bewusstsein – Gedanken über Entfernungen, Gefühle als spürbare Zustände. Die ersten Worte, die ein Begabter auf diesem Weg vernimmt, sind selten Weisheiten; meist sind es die Alltagssorgen des Nachbarn, und das ist ernüchternd und lehrreich zugleich.
Der Griff hebt, hält und bewegt, was der Wirkende nicht berührt. Die Lehrbücher erklären ihn mit der Einsicht, dass die Grenze zwischen dem eigenen Leib und einem Stein weniger fest ist, als sie sich anfühlt.
Leibmeisterung richtet die Kraft nach innen: Wunden schließen schneller, Erschöpfung tritt später ein, Kälte greift weniger. Im Norden entscheidet sie darüber, wer eine Nacht im Freien übersteht.
Fernsicht nimmt wahr, was außer Reichweite liegt – ferne Orte, verborgene Eigenschaften, gelegentlich das, was noch nicht geschehen ist. Sie ist die unzuverlässigste der sechs und die, auf die sich trotzdem alle verlassen wollen.
Geistesschutz wehrt ab, was von außen kommt, erkennt fremdes Wirken und durchschaut Vorgespiegeltes. Der beste Schild, heißt es in Adimenaren Araua, sei der, der einen Angriff gar nicht erst stattfinden lässt.
Die sechste Disziplin heißt Schwellengang und soll Entfernungen aufheben. Sie steht seit zweihundert Jahren im Pfad, und in dieser Zeit hat niemand sie unter Aufsicht vorgeführt. Adimenaren Araua führt sie weiter, teils weil einzelne Berichte zu genau sind, um sie zu verwerfen, teils weil ein Pfad mit fünf Stufen ein Eingeständnis wäre.
Andere Kulturen zählen anders oder gar nicht. Die Lithi unterscheiden nicht nach Wirkung, sondern nach Richtung – zu wem einer spricht, macht den Unterschied, nicht was er dabei bewegt. In Cel Atiz hält man die Aufteilung für ein Missverständnis, weil im Traum ohnehin alles ineinander übergeht. Und in Auwharin ordnet man die Fähigkeiten den Heerscharen zu, was zu der eigenartigen Lage führt, dass der Griff und die Gedankenrede dort unter verschiedene Orden fallen.
Was sie kostet und wo sie endet
Geistesformung verbraucht den, der sie wirkt. Nach kleinen Anwendungen bleiben Kopfschmerzen, nach großen eine Erschöpfung, die Tage anhält und sich nicht wegschlafen lässt. Mit der Entfernung nehmen Kraft und Genauigkeit ab, und alles verlangt Sammlung – wer friert, blutet oder Angst hat, bringt wenig zustande.
Manche Stoffe antworten auf sie: Mondglas nimmt geistesformende Kraft auf und gibt sie verstärkt zurück, Traumkristalle aus den Tiefenschlünden machen Gedanken sichtbar, Echosteine bewahren einen Eindruck über Jahre. Und wo mehrere zusammen wirken, entsteht mehr als die Summe – ein Umstand, den die Traumzirkel von Cel Atiz seit ihrem Bestehen nutzen und über den man in Non'Gauden ungern spricht.
In den letzten Jahrzehnten häufen sich zwei Beobachtungen. Geübte berichten, dass ihnen leichter gelingt, was ihnen früher schwerfiel. Und Unentdeckte melden sich häufiger von selbst, oft in Nächten, in denen alle drei Monde am Himmel stehen.
"Manchmal bewegen sich Dinge um mich herum, ohne dass ich es beabsichtige. Ich höre Stimmen im Wind, die ich früher nicht vernahm. Die kommenden Jahre werden die Grenzen dessen, was wir über Geistesformung zu wissen glauben, neu definieren."
– Aus dem Tagebuch eines jungen Geistesformer-Anwärters, 840 WZ