Der Festkalender Auwharins
"Die Zeit ist kein gerader Pfad, sondern ein Kreis, der uns immer wieder zu den gleichen heiligen Orten zurückführt. In den Festen spüren wir die Gegenwart all jener, die vor uns den Weg gegangen sind, und bereiten den Weg für jene, die nach uns kommen werden." — Aus den Lehren von Leofwynn, Priesterin der Erleuchtung
Der Jahreskreis Auwharins ruht auf drei Ordnungen, die ineinandergreifen: den vier großen Festen, die dem Stand der Doppelsonnen folgen, den drei Tagen des Großen Lichterfestes, die außerhalb jeder Monatszählung stehen, und den sieben Heerschar-Tagen, an denen jeweils ein Aspekt des Höchsten Seins im Mittelpunkt steht. Wo diese Ordnungen auf gewachsene Stammesbräuche treffen, entstehen die lokalen Feste, in denen sich Auwharin am deutlichsten von sich selbst unterscheidet. Die Gliederung des Jahres in Monate und Wochen ist in der Zeitgliederung beschrieben.
Die Vier Großen Feste
Wenn Tag und Nacht sich die Waage halten oder eine der Sonnen ihren höchsten oder tiefsten Stand erreicht, feiert ganz Auwharin drei Tage lang. Jedes dieser Hochfeste verbindet die Zeremonien der Kirche mit Bräuchen, die älter sind als sie.
Fest des Aufsteigenden Lichtes
Frühlingstagundnachtgleiche, Mitte des Monats Wahsijana – Erschaffung der Welt und erwachendes Leben
Wenn Dagaz und Kaldaz sich erneut die Waage halten, öffnet die große Lichterzeremonie bei Tagesanbruch den Haupttempel. Farbenfrohe Lichtprozessionen winden sich durch die Straßen von Zeruko Hiri, während in den Aus'Harringer-Dörfern rituelle Feuer die Wiederkehr des Lichts begrüßen. Weiße Gewänder und Blütenkränze verkörpern die Reinheit des Frühlings; Priester säen geweihte Samen aus und vollziehen die Wasserweihe an Quellen und Bächen. Die Kinder tanzen in kunstvollen Reigen, die den Gang der Sonnen über den Himmel nachahmen.
Im Volk zeigt sich das Fest handfester: Häuser werden ausgeräumt und mit frischen Zweigen geschmückt, Girlanden aus den ersten Blüten gewunden, alte Gegenstände vergraben und neue Bäume gepflanzt. Wer sein Gelübde für das kommende Jahr erneuern will, tut es an diesen Tagen.
Fest des Zenithlichtes
Sommersonnenwende, Mitte des Monats Hauhazsuna – Offenbarung der Weisheit an die Menschheit
Wenn Dagaz seine größte Ausdehnung erreicht, brechen Kristalle und Spiegel das Sonnenlicht in alle Richtungen – Bild für die Weitergabe göttlicher Weisheit an alle Teile der Welt. In der kurzen Nacht zuvor öffnen die Bibliotheken ihre Tore, Gelehrte versammeln sich zu ihrem jährlichen Konklave, und neue Kleriker empfangen die Weihe. Kunsthandwerker wetteifern in den "Lichterspielen" um die kunstvollsten Muster aus geschliffenem Glas und poliertem Metall.
Auf Bergen und Hügeln lodern Höhenfeuer wie Sterne auf der Erde. Menschen weben Sonnenkränze und springen über kleine Feuer, und Heilkräuter, die in dieser Nacht besondere Kraft tragen sollen, werden für das ganze Jahr gesammelt.
Fest des Absteigenden Lichtes
Herbsttagundnachtgleiche, Mitte des Monats Unþargang – Sterblichkeit und Lauf der Zeit
Im Gleichgewicht zwischen Tag und Nacht wendet sich der Blick nach innen. Im Haupttempel wird die "Waage der Zeiten" aufgestellt, eine Konstruktion, die Licht und Schatten exakt austariert; davor findet das Gedenken an die Verstorbenen des vergangenen Jahres statt. Die Prozession der Sieben Alter – von Kindern bis zu Greisen – trägt die Symbole beider Welten durch die Straßen und erinnert daran, dass jede Vollendung einen Neubeginn birgt. Erntedankrituale segnen die Vorräte für den Winter.
Die letzten Feldfrüchte werden in kunstvollen Mustern ausgestellt, Puppen aus den letzten Getreidehalmen gefertigt. Am Herbstfeuer werden Geschichten erzählt, bis die Kälte die Runde auseinandertreibt.
Fest des Wiederkehrenden Lichtes
Wintersonnenwende, Mitte des Monats Frusiklo – das Versprechen der Erlösung
In der dunkelsten Nacht des Jahres, wenn Kaldaz am stärksten steht, halten die Gläubigen die Vigil der Längsten Nacht. Die Ewige Flamme wird im Tempel entzündet, während draußen Hunderte kleiner Lampen den "Lichterbogen" formen – einen leuchtenden Durchgang, unter dem die Gläubigen hindurchschreiten. Das Große Ritual der Erleuchtung bringt reuigen Sündern Vergebung, und Gemeinden tauschen untereinander Lichtsymbole aus.
Immergrüne Zweige schmücken die Häuser, Laternen an Fenstern und Türen verwandeln die verschneiten Straßen in ein Meer aus warmem Licht. Kleine Geschenke, meist Lebensmittel, wandern von Haus zu Haus.
Das Große Lichterfest
Zwischen Blostmaz und Wahsijana stehen drei Tage außerhalb jeder Monatszählung – ein Zwischenreich zwischen den Jahren, gewidmet der Lampe, der Waage und dem Schild. Ihm gehen wochenlange Vorbereitungen voraus; Menschen pilgern über weite Entfernungen, um diese Tage an heiligen Stätten zu verbringen. Die Grenzen zwischen göttlicher und irdischer Sphäre gelten als durchlässig, und wer eine Ehe schließen, ein Gelübde erneuern oder eine große Entscheidung treffen will, wartet darauf.
Frijōdagaz, der Tag der Freude, lockert selbst die strengsten Ordensmitglieder. Die üblichen Konventionen treten zurück, Tänze wirbeln über die großen Plätze, kleine Geschenke wandern zwischen Fremden hin und her. Honiggesüßte Festbrote und kandierte Nüsse süßen die Luft, während das "Lied der Dankbarkeit" von tausend Kehlen erklingt.
Am Hlewagastizdagaz, dem Tag des Festmahls, säumen lange Tische die Straßen, und der Unterschied zwischen arm und reich wird für einen Tag nicht bedient: Vom einfachsten Arbeiter bis zum wohlhabendsten Kaufmann brechen alle das Sonnenbrot miteinander und trinken aus dem "Kelch der Eintracht". Fremde und Reisende werden an die Tische geladen.
Der Wurdizdagaz, der Tag des Schicksals, kehrt die Stimmung nach innen. Menschen schreiben Briefe an ihr zukünftiges Selbst und verbrennen Gegenstände, die für überwundene Hindernisse stehen. In der "Stunde der Stille" zur Zeit der Besinnung hält ganz Auwharin den Atem an, während aus geweihten Schalen Schicksalssymbole gezogen werden und die Orden neue Unternehmungen segnen.
Hauhistą Wesandą – Der Tag des Höchsten Seins
In Schaltjahren – sie folgen einer Regel, die im Leben eines Menschen selten öfter als drei- oder viermal greift – fügt sich diesen drei Tagen ein vierter hinzu: Hauhistą Wesandą. Er gilt nicht einem einzelnen Aspekt, sondern der Einheit, die alle sieben Heerscharen in sich fasst. Alle Arbeit ruht, selbst die Felder; gesetzlich zählt der Tag als "zeitlos", es laufen keine Verträge, es enden keine Fristen, es werden keine Schulden fällig.
Die Kirche ermutigt zu Handlungen, die über das Übliche hinausgehen. Schulden, die bereits vor dem letzten Schaltjahr bestanden, werden erlassen, bei alten Konflikten wird Versöhnung gesucht, Dienstpflichtigen und Vertragsgebundenen wird Freiheit geschenkt. Menschen kehren zu Ursprungsorten und Familiengräbern zurück, große Pilgerschaften zu den Sieben Heiligtümern durchziehen das Land.
In dieser Stille, die über dem ganzen Land liegt, spüren viele Gläubige, dass die Welt für einen Atemzug aus der Zeit herausgelöst ist – dass in dem Augenblick, wo alle Heerscharen zu einer einzigen Einheit werden, auch die Unterscheidung zwischen Mensch und Göttlichem aufgeht.
Die Heerschar-Tage
Jede der sieben Heerscharen webt ihren eigenen Faden in den Jahreskreis. An ihrem Tag steht der zugehörige Orden im Mittelpunkt und bietet Dienste und Segnungen an, die es sonst nicht gibt.
Das Fest der Erleuchtung am 1. Niwarunaz eröffnet das Jahr. Bibliotheken und Schulen stehen allen offen, Gelehrte teilen ihr Wissen auf öffentlichen Plätzen, argitarische Glaskünstler schaffen Prismen für diesen einen Tag. Neue Studienlampen werden entzündet, alte Bücher wandern in junge Hände.
Zum Tag der Wahrheit am 15. Sedislagiþo legen Streitende ihre Konflikte bei. Der Orden der Waage hält öffentliche Sitzungen, in denen Vermittlung vor Urteil geht; an diesem Tag gilt das gesprochene Wort als besonders bindend. Gemeinsam trinkt man aus dem "Kelch der Wahrheit", während Gegenstände zerschlagen werden, die alte Konflikte symbolisierten.
Die Feier der Standhaftigkeit am 7. Hauhazsumaraz ehrt Verteidiger und Beschützer mit Waffensegnungen und Dankgebeten. Der Orden des Schildes zeigt Verteidigungstechniken und segnet Schutzamulette, während sich die Stärksten in Ausdauer und Kraftproben messen.
Das Lebensfest am 20. Frumistaskapa segnet Schwangere und Neugeborene. Heiler des Ordens des Gefäßes behandeln an diesem Tag ohne Gegenleistung, geweihtes Wasser wird aus heiligen Quellen verteilt, und neue Bäume werden gepflanzt.
Das Fest der Saat am 10. Aftumistaskapa ist das Haupterntefest, an dem die Gaben der Erde mit Dankgebeten gewürdigt werden. Felder werden gesegnet und die ersten Samen für die kommende Saison in Zeremoniengefäßen ausgebracht.
Die Odemfeier am 5. Unþargang gehört den Reisenden und Boten, die gesegnet und für ihre Wege gerüstet werden. Viele brechen an diesem Tag zu langen Reisen auf oder versenden wichtige Briefe, während "Windbriefe" an eigens gebaute Windfahnen gebunden werden.
Der Tag des Geistes am 25. Þaujana lädt zu Meditation und Selbstbetrachtung ein. Der Orden des Spiegels bietet Traumdeutung und Visionsrituale an, viele betrachten ihr eigenes Spiegelbild in geweihtem Wasser und fertigen kleine Spiegel als Geschenke.
Lokale Feste und regionale Farben
Zwischen den großen Festen weben die Stämme ihre eigenen Fäden in den Kalender. In Bergheim führen rituelle Höhlenbegehungen zum "Fest der Tiefen", während Eichental mit der "Grünen Prozession" das Waldwachstum ehrt. Flusswacht lässt beim "Lichterboots-Fest" illuminierte Boote über das Wasser gleiten, und Hügelmark feiert nach der Schafschur eine ganze "Wollfest-Woche". Nordstrand krönt das Meer mit Wettfahrten und Fischeropfern, Sturmfelde reitet beim "Windreiterfest" mit Pferden und Falken um die Wette, während Finsterwalde im tiefsten Winter die "Nacht der tausend Lichter" entzündet und Wolfsthal mit Schwimmwettbewerben das "Seefest" begeht.
Die Argitari haben ihre Traditionen in denselben Kalender eingewoben: In der "Nacht der Sternbilder" bilden Lichtinstallationen die wichtigsten Konstellationen nach, beim "Fest der Harmonie" erklingt eigens dafür komponierte Musik, und am "Tag der Häuser" öffnen die zehn Etxeak ihre Tore für jedermann.
An der Nordgrenze, wo der Handel mit den Lithi den Jahreslauf mitbestimmt, richten sich die Siedlungen nach den Wanderungen ihrer Handelspartner: Die Markthallen von Nordstrand füllen sich, wenn die Sidd herunterkommen, und die Feste des Stammes verschieben sich mitunter um Tage, damit beide Seiten dabei sein können. Aus'Harringer, die dort geboren sind, feiern deshalb regelmäßig zweimal, was andere einmal feiern – und halten das für so selbstverständlich, dass es ihnen erst auffällt, wenn ein Zugereister danach fragt.