Weraldiz – Urfauna
In den Liedern der Alten, die ich aus den Mündern der Feuerhüter der Sturmfelde und der schweigsamen Stimmen der Nordlichter aufzeichnen durfte, wimmelt es von Bestien, die heute nur noch als Schatten am Rande der Wälder existieren. Sie sprechen von Zeiten, in denen Herden donnernder Ygrak das Tal von Jávri in einem Zug durchquerten, von Wulmaren, die in Rudeln lebten statt in Einsamkeit, und von Schwingen, die den Himmel ganzer Sommerwochen verdunkelten. Solche Bilder weichen weit von dem ab, was wir heute Wirklichkeit nennen. Die Ausdehnung der Siedlungen hat ihre Pfade verdrängt, doch ich wage anzumerken, dass auch das Land selbst sich gewandelt hat. Die feuchten, dampfenden Wälder, von denen die Lieder sprechen, scheinen einer kühleren, trockeneren Welt gewichen zu sein. Vielleicht ist es nicht nur die Menschheit, die sich von den Kreaturen entfernte — vielleicht hat sich auch Weraldiz selbst verändert, und mit ihm die Orte, an denen solche Wesen bestehen können.
— Aratz Oroimen-Etxea, Transkriptor des Hauses der Erinnerung, aus „Fleisch und Feder – Erinnerung an die alte Fauna", Band II
Wesen der alten Ordnung
Urfauna nennt man die großen Tierformen, die aus einer älteren Ordnung der Welt übrig sind: Linien, die weder ausstarben noch sich verwandelten, sondern in abgelegenen Landstrichen einfach weiterlebten. Sie sind keine Geschöpfe der Magie, wie es die Wesen der wilden Kräfte sind, die aus stehender Energie hervorgehen und oft nicht länger bestehen als eine Menschenspanne. Die Urfauna ist älter als jede Erinnerung, vollständig in die natürliche Ordnung eingebettet, an Blut und Nachkommenschaft gebunden — und gerade deshalb so schwer zu fassen: Sie tut nichts Unmögliches. Sie tut nur alles ein wenig besser, als sie sollte.
Ihre Nähe zu Kraftlinien und Tiefenschlünden hat über unzählige Geschlechterfolgen Spuren hinterlassen. Fell, Panzer und Knochen tragen träge Widerstände gegen bestimmte Kräfte, und einzelne Arten reagieren auf geistesformende Felder, als wittere ein Rudel einen fremden Gedanken wie ein Raubtier. Nichts davon ist Zauberei; es ist Anpassung an ein Land, in dem Magie zum Wetter gehört.
Diese Kreaturen sind keine denkenden Geschöpfe im menschlichen Sinne. Sie sprechen nicht, sie bauen keine Werkzeuge, sie planen keine Zukunft. Doch ihre Klugheit zeigt sich anders: ein Wulmar, der einem Jäger drei Tage folgt, ohne anzugreifen, nur um ihn am Rand seines Reviers mit einem einzigen Blick zu verabschieden. Ein Garuun-Weibchen, das kranke Tiere in seinem Gebiet duldet, als verstünde es das Wesen der Gnade. Skirrh-Rudel, die ihre Jagdmuster ändern, als hätten sie die Wege der Händler gelesen. Sie verstehen keine Worte, aber sie erfassen Absichten; sie planen nicht, und doch wirken ihre Handlungen vorausschauend. Sie sind keine Personen — aber sie sind auch mehr als bloß Tiere.
Sinne, Kräfte und Zähmbarkeit
Die Fähigkeiten der Urfauna sind so verschieden wie ihre Gestalten. Ein Tharex speit ätzendes Sekret, das nicht nur Fleisch, sondern auch geweihte Amulette zerfrisst. Kirragon und Ornek tragen unter ihrem Panzer eine natürliche Sperre gegen gewirkte Kräfte, die kampfmagisch ausgebildete Jäger regelmäßig unterschätzen — der Zauber verpufft, das Tier steht noch. Wulmar und Thulvik sehen in vollständiger Dunkelheit und finden über Tagesreisen hinweg zurück in ihr Revier. Skirrh wehren mentale Einwirkung nicht einzeln ab, sondern als Rudel, so wie ein Schwarm einem Schatten ausweicht.
Der Rhythmus des Tages prägt sie ebenso wie die Menschen. Die meisten Großformen liegen während der Schattenruhe schwer und schläfrig im Dickicht, und Hirten haben gelernt, ihre Herden dann zu bewegen. Skirrh haben genau daraus gelernt: Sie jagen bevorzugt im letzten Drittel der Schattenruhe, wenn das Licht am dünnsten steht und der Mensch am müdesten ist. Der Auliven wiederum gleitet erst in der Besinnung über die Baumkronen, sodass Traumzirkel ihn im Mondlicht über sich ziehen sehen, während sie beten.
Die Zähmbarkeit bleibt ein Rätsel. Rituale der Alten Pfade und der Lithi-Noaidi stiften bisweilen eine Verbindung — keine Domestizierung, sondern gegenseitige Anerkennung, wie sie ein Waidmann zu seinem Tier unterhält. Technischer Zugriff scheitert dagegen mit ermüdender Verlässlichkeit: Non'Gaudener Versuche, Urfauna durch Abrichtung oder magischen Zwang zu lenken, enden meist mit dem Tod des Tieres oder des Ausbilders, oft mit beidem.
Wo die alten Linien überdauerten
Kein Wesen der Urfauna lebt überall. Jede dieser Linien hat sich über Zeitalter in ein bestimmtes Land, ein bestimmtes Licht, eine bestimmte Kälte eingepasst, und wo diese Bedingungen enden, endet auch ihr Gebiet — meist schroff, an einem Gebirgskamm, einer Salzgrenze, einer Waldkante. Wer einen Wulmar in den warmen Buchten des Südens sucht, sucht vergeblich, und kein Ygrak hat je die Pässe des Duottar nach Süden genommen.
Eis, Tundra und Nadelwald. Im Hochnorden — über die Weiten Erek Noans, die nördlichen Hänge des Duottar und bis in den Finsterwald hinein — leben die schwersten Kälteformen. Ygrak-Herden ziehen mit den Rentierwanderungen über die Tundra und brechen im Winter mit den Stoßzähnen Schnee von Flechtenfeldern. Der Wulmar hält die Nadelwälder und Bergwälder, einzeln, in Revieren von mehreren Tagesreisen. In den Sommermooren, die aus dem tauenden Waldboden werden, staken Narthul durch Schlamm, in dem ein Mensch versinkt.
Gemäßigte Wälder, Fjorde und Grasebenen. Auwharin ist das Land der Übergänge, und entsprechend gemischt ist seine Urfauna. In den Eichentaler Laubwäldern zieht der Garuun Zweige zu sich herab, in den Sturmfelder Ebenen weideten einst Ornek-Rudel, von denen kaum noch etwas übrig ist, und in den südlichen Flusstälern hält sich der Kirragon an den feuchten Niederungen. Skirrh streifen von den Fjorden bis zur Südgrenze, Tharex brüten in den Steilwänden der Harrowin- und Kargas-Berge und segeln auf der Warmluft über den Klippen.
Salzebene, Trockensteppe und nördliche Öde. Östlich der Inneren See wird das Land hart. Zwischen den Salzkrusten und der Trockensteppe Non'Gaudens leben Formen, die tagelang ohne Wasser auskommen: Ornek, die Feuchtigkeit aus Wurzeln ziehen, Ulrek-Herden, die vor jedem Schatten in Bewegung geraten, und Skirrh-Rudel, die den Herden folgen. In der nördlichen Wüste gilt jede Sichtung als Gerücht, bis ein Kadaver vorliegt.
Warme Wälder, Seen und Südküsten. In den Südwäldern Non'Gaudens und über ganz Cel Atiz steht die dichteste Vielfalt des Kontinents. Garuun und Kirragon ziehen durch feuchte Waldtäler, Ulrek-Herden durch das offene Hügelland, Narthul waten in den flachen Rändern des Luruna-Sees, und über den Buchten der Südküste gleiten nachts die Auliven von Klippe zu Klippe. Der Tharex nistet in den Wänden des Tiur Apana.
Jenseits des Kargas-Gebirges, in der Südwüste Thalaven'dahrs, bricht dieses Wissen ab. Was dort lebt, kennt niemand aus eigener Anschauung; die Häute, die Veynun-Händler an die Küste bringen, gehören zu Tieren, für die keine Sprache Alweidars ein Wort besitzt.
| Bezeichnung | Gestalt | Lebensraum | Wo man ihr begegnet |
|---|---|---|---|
| Wulmar | Große Raubkatze mit handlangen Klingenzähnen, Einzelgänger | Nadel- und Bergwald, kalt | Erek Noan, Duottar, Finsterwald |
| Ygrak | Zottiger Rüsselriese mit gekrümmten Stoßzähnen, Herdentier | Tundra und Taiga, kalt | Erek Noan, nördliche Duottar-Hänge |
| Skirrh | Federbedeckter Rudeljäger, mannshoch, mit Sichelkralle | Wald, Steppe, Hügelland — alles außer Eis | ganz Alweidar außer dem Hohen Norden |
| Tharex | Ledriger Segler mit Speerschnabel, Felsbrüter | Steilwände und Klippen mit warmen Aufwinden | Harrowin, Kargas, Tiur Apana, Ostgebirge Non'Gaudens |
| Garuun | Langarmiger Laubzehrer, hausgroß, mit Grabkrallen | Laub- und Feuchtwald, gemäßigt bis warm | Eichental, Südwälder Non'Gaudens, Cel Atiz |
| Ornek | Gedrungener Weidegänger unter einer Panzerkuppel | Trockene Ebenen, Steppe, Salzränder | Non'Gaudener Westen, Reste in den Sturmfelder Ebenen |
| Kirragon | Schildrückiger Pflanzenfresser mit Schwanzkeule | Flussniederungen und feuchte Waldtäler | südliche Flusstäler Auwharins, Non'Gauden, Cel Atiz |
| Ulrek | Schnabelmäuliger Herdenläufer im Federflaum | Grasland und lichter Wald | Steppen Non'Gaudens, Hügelland Cel Atiz' |
| Narthul | Langhalsiger Sumpfgänger auf breiten Spreizhufen | Moore, Marschen, Seeufer | Nebelmoor, Lithi-Sommermoore, Luruna-Seengebiet |
| Auliven | Nachtgleiter mit Hautsegeln zwischen Nacken und Flanke | Warme Küstenwälder, nachtaktiv | Südküste Cel Atiz', Südwälder Non'Gaudens |
Namen für das, was man kennt
„Die heute verbreiteten Namen der Urfauna entstammen weder den Klassifikationen der Jakintza noch den Katalogen der Orden. Es sind volkstümlich verdichtete Formen — abgeleitet von älteren argitarischen Begriffen, gekürzt, verformt, übernommen; geprägt von Jägern, Hirten und Grenzläufern, nicht von Schreibern. Ihre Verbreitung erklärt sich aus ihrer Klarheit und ihrer Nähe zu den Mustern mündlicher Erzählung. In Gesprächen über solche Kreaturen zählt nicht der richtige Ausdruck, sondern das, was alle verstehen."
Diese allgemeinen Bezeichnungen reisen weiter als die Tiere selbst. Ein Fell wird gehandelt, wo das Fell tragende Wesen nie gelebt hat, und so kennt man in Vetluna das Wort Ygrak, ohne je einen gesehen zu haben. Die Namen der einzelnen Sprachen dagegen entstehen nur dort, wo ein Volk der Kreatur tatsächlich begegnet: an der Fährte, im Gatter, im Rücken der eigenen Herde. Wo eine Art nicht vorkommt, gibt es keinen eigenen Namen für sie — man behilft sich mit dem Handelswort oder mit einer Umschreibung, und die Umschreibungen verraten die Fremdheit sofort. Ein Lithi nennt den Garuun „den Baumbär der Südleute", ein Cel Hushi den Ygrak „das Tier aus dem Schnee".
Auch die Jakintza machen hier keine Ausnahme, so gern sie es hätten. Ihre Kataloge führen jede bekannte Großform unter einer Kennzahl, gleich ob sie in Non'Gauden lebt oder nur in einem Reisebericht; die Namen der folgenden Tafel jedoch sind die der Wildzonen-Jäger, und die sprechen von nichts, dem sie nicht begegnet sind.
| Bezeichnung | Argitarisch (Wurzel) | Aus'Harringer | Lithi ( |
Non'Gauden | Cel Hushi |
|---|---|---|---|---|---|
| Wulmar | Ulmara („Altdrücker") | Blōtfangaz („Blutfang") | Jiekŋanjálbmi („Eismaul") | — | — |
| Ygrak | Igarka („Träger") | Eormangangaz („Riesengänger") | Muohtasealgi („Schneerücken") | — | — |
| Skirrh | Eskirra („Schneidender Lauf") | Slītarinnaz („Reißläufer") | Johtilčuohppi („Schnellschneider") | Azkarroi („Schnellmeute") | Tirvelai („Schattentritt") |
| Tharex | Tarexa („Felsgleiter") | Stainglīdaz („Felsgleiter") | — | Harrihegal („Steinflügel") | Phairasul („Klippenschrei") |
| Garuun | Garunai („Langträger") | Mosaberō („Moosbär") | — | Hostojale („Laubzehrer") | Thollimeth („Stillzehrer") |
| Ornek | Ornekka („Steinhelm") | Plātahrugjaz („Plattenrücken") | — | Harrigain („Steinrücken") | — |
| Kirragon | Kirraga („Bodenbrenner") | Hamarahalō („Hammerschwanz") | — | Buztanmailu („Schwanzhammer") | Telvishai („Harmoniehüter") |
| Ulrek | Ulrekan („Laufschnabler") | Grasarinnaz („Grasläufer") | — | Belarlaster („Grasläufer") | Vamurthal („Blattgänger") |
| Narthul | Nartula („Grundgänger") | Mōrafōtuz („Moorfuß") | Jeaggejuolgi („Moorfuß") | — | Mursithai („Wasserwandler") |
| Auliven | Aulibenza („Nachthauch") | — | — | Gauhegal („Nachtflügel") | Svalathren („Traumflügel") |
Ein Strich bedeutet nicht, dass ein Volk das Tier nicht kennt, sondern dass es ihm nie im eigenen Land begegnet ist. Das Wort fehlt, weil das Wesen fehlt.
Nur ein Ausschnitt
Diese zehn Arten sind die bekanntesten, nicht die einzigen. Die Jägerzünfte Auwharins unterscheiden allein an den Nordgrenzen ein Dutzend weiterer Großformen, darunter den Thulvik, einen dunkeläugigen Höhlenjäger der nördlichen Bergwälder, dessen Fährte die Lithi zu meiden lehren, noch ehe ein Kind laufen kann. Die Kataloge der Jakintza Ezagutza führen einhundertneunzig gesicherte Großformen und weit über dreihundert strittige — und darin sind die kleineren Verwandten noch gar nicht enthalten: die federkiefrigen Fischräuber der Fjorde, die grabenden Panzerläufer der Salzebenen, die schwarmbildenden Segler über dem Luruna-See, all das Kleingetier, das kein Jäger je einer Zunft gemeldet hat, weil es sich nicht lohnt.
Jenseits des Kargas wird selbst diese Zählung sinnlos. Die Veynun sprechen von Thunal'kethvor und Ziran'naleth, gewaltigen Gestalten, die das Innere der Südwüste durchstreifen, und handeln mit den Häuten der Eval'zhurran- und Ilra'shor-Echsen an die Küste. Was diese Namen bezeichnen, hat noch kein Gelehrter Alweidars mit eigenen Augen gesehen. Jede Liste der Urfauna ist deshalb weniger ein Verzeichnis als ein Ausschnitt: das, was in Reichweite von Fackeln und Fallen lebt.
Was die Völker in ihnen sehen
Auwharin
In die schwer zugänglichen Gebirgszüge, Waldtäler und Fjorde hat sich die Urfauna hier zurückgezogen. Felle und Panzerstücke gelten als Standeszeichen, besonders unter Tiefenläufern, die ihre Jagdgeschichten in den Schankstuben ausbreiten. Zwischen den Zeilen dieser Prahlereien liegt eine andere Wahrheit: Die erfahrensten Jäger sprechen von Tieren, die ihre Fallen erkennen und umgehen, von Rudeln, die den Köder liegen lassen, als wüssten sie um die Täuschung.
Schutzfetische aus Skirrh-Federn und Knochen bleiben trotz kirchlicher Ablehnung verbreitet. Die Kirche mag darin heidnische Überbleibsel sehen, doch selbst fromme Jäger tragen heimlich einen Knochensplitter bei sich — denn manche Dinge, so flüstern sie, verstehen die alten Kreaturen besser als die Himmlischen Heerscharen. Ornekpanzer dagegen sind zur Rarität geworden; die Rudel der Sturmfelder Ebenen sind fast verschwunden, und nur fünf Werkstätten beherrschen noch die überlieferte Bearbeitungstechnik, deren Meister ihr Wissen hüten wie einen sterbenden Dialekt. Der Orden des Samens und der Orden des Flügels arbeiten mit Druidenzirkeln an Schutzgebieten und Aufklärung, doch das Verhältnis bleibt eines wachsender Distanz: Je weiter die Siedlungen vordringen, desto seltener die Begegnung, desto mehr verblassen die alten Geschichten zu Mythen.
Der Schatten von Dornfeld wurde zur Legende: ein schwarzer Wulmar, größer als jeder seiner Art, der jahrelang eine ganze Region in Angst hielt. Nicht durch Brutalität, sondern durch eine unheimliche Umsicht. Er mied jede Falle, griff nur an, wenn seine Verfolger am verwundbarsten waren, und verschwand in der Dunkelheit, als könne er die Gedanken seiner Jäger lesen. Erst nach Jahren stellte ihn der Orden des Schildes — nicht durch Überlegenheit, sondern weil das Tier, so erzählen die Jäger noch heute, einfach stehenblieb und sie ansah, als hätte es genug gesehen. Sein Fell hängt in der Handelskammer zu Wolfsthal, doch sein Blick, so sagen sie, folgt einem noch immer.
Erek Noan
In den Nadelwäldern und Tundren des Nordens ist die Urfauna weit verbreitet und für die wandernden Sidd kaum eine Bedrohung. Das liegt nicht allein an der Vorsicht der Lithi, sondern an einer unausgesprochenen Übereinkunft. Die Lithi besitzen keine Kreaturen; sie verbinden sich mit ihnen durch Rituale — ein Verhältnis, das Außenstehende selten begreifen. Gejagt wird nur bei Notwendigkeit, begleitet von Gebet und Dank, als verstünden die Tiere die Absicht ihrer Jäger.
Gefahr besteht vor allem für Fremde, die die ungeschriebenen Regeln nicht kennen. Ein Lithi weiß, welche Zeichen ein Ygrak-Bulle vor dem Angriff setzt, welcher Geruch einen Wulmar warnt und wie man einem Skirrh-Rudel Achtung erweist. Ein Fremder stolpert blind in Reviere, die er nicht erkennt, und wundert sich über die Folgen. In großen Krisenzeiten praktizieren erfahrene Noaidi das rituelle Lesen aus frischem Tierleib — Knochen, Eingeweide und Blutverlauf offenbaren Zeichen für jene, die zu schauen wissen; ein Notbrauch, kein Alltag. Manche Arten gelten als Träger von Signaturen aus der Zeit vor dem Schleier, und einzelne Tiere reagieren auf bestimmte Trommelfolgen oder Joik-Muster, als erinnerten sie sich an etwas, das keine Worte kennt.
Guhkesvázzi, ein Ygrak-Bulle, soll einen alten Schamanen durch zehn Winter getragen haben. Die Geschichte klingt wie eine Fabel, doch die Lithi schwören auf ihre Wahrheit: Das Tier folgte dem Mann freiwillig, trug seine Last, hielt Wölfe und Schlimmeres von ihm fern, und als der Schamane starb, legte es sich neben ihn und verließ den Ort nie wieder. Heute ist der Platz heilig — ein Stein markiert die Stelle, an der Mensch und Tier gemeinsam zur Erde zurückkehrten.
Non'Gauden
Um die großen Jakintza herum ist die Urfauna nahezu ausgerottet, während sie in den Wildzonen gefährlich verbreitet bleibt. Die Non'Gaudener sehen in diesen Kreaturen Forschungsgegenstände: Lebendfang für Versuchsreihen, für zoologische Sammlungen, für alchemische Verwertung. Ethische Bedenken spielen kaum eine Rolle — was zählt, ist der Erkenntnisgewinn. Die Jakintza Egitura entwickelt nicht-tödliche Fesselwaffen für Skirrh, Ulrek und Tharex, mit wechselhaftem Erfolg. Drüsensekrete einzelner Arten zeigen nachweisbare Reaktivität unter magischer Bestrahlung, und Proben aus den Tiefenzonen weisen auffällige Resonanz mit den Kräften von Geistesformern auf.
Die Jagd gilt als Hochrisikoberuf ohne staatliche Aufsicht, was Überlebenden Ansehen verschafft und einen blühenden Parallelmarkt für unverarbeitete Kreaturenteile nährt — verboten, aber unausrottbar. Für die ungebildeten Unterschichten ist sie eine der wenigen Aufstiegsmöglichkeiten: Wer einen Kirragon erlegt oder ein Skirrh-Rudel dezimiert, erhält Rang und Lohn, doch die Überlebensrate ist niedrig. Die erfolgreichsten Jäger berichten von Verhaltensweisen, die keine Ausbildung vorhergesehen hatte: Hinterhalte, die zu abgestimmt wirkten, Ablenkungen, die fast taktisch erschienen, Angriffsmuster, die sich im Verlauf einer einzigen Jagd veränderten. Die Isolation der Enklaven von der Wildnis verschärft jeden Zusammenstoß der beiden Welten — Forscher, die das Tier unterschätzen, Jäger, die Mechanik gegen Instinkt setzen, Versuchsreihen, die das Wesen dessen, was sie untersuchen, von Grund auf missverstehen.
Das Skirrh-Rudel Zeroth lebte nahe einer magischen Anomalie und entwickelte Eigenschaften, die seiner Art sonst fremd sind: Sprünge über wenige Schritte, die keinen Weg zurücklegten, und Jagdmuster, die mehr als eine Richtung zugleich zu berücksichtigen schienen. Ob es sich überhaupt noch um Urfauna handelte, wird bis heute bestritten. Als das Rudel eingefangen und in der Jakintza Egitura für empathische Versuchsreihen verwendet wurde, bemerkten die Forscher ein Muster: Die Tiere reagierten auf die Gemütslage ihrer Wärter, bevor diese sich zeigte. Innerhalb von drei Jahren starben alle beteiligten Jäger an „innerer Fragmentierung", einem Zusammenbruch, dessen Ursache nie offiziell geklärt wurde. Die überlebenden Skirrh wurden getötet, ihre Kadaver verbrannt, die Akten versiegelt.
Cel Atiz
Cel Atiz beherbergt die höchste Artenvielfalt des Kontinents bei den wenigsten Zusammenstößen. Die Kreaturen meiden die Siedlungen nicht aus Furcht, sondern unter dem Einfluss der kollektiven Traumfelder — als webten die Träume der Cel Hushi eine Grenze, die nur selten durchbrochen wird. Manche Wesen gelten als Trägerspiegel oder Traumpartner, als Gestalt gewordene Bilder des gemeinsamen Unbewussten, besonders dort, wo Velani hoher Harmoniedisziplin leben.
Begegnungen werden als Zeichen gelesen, nicht als Gefahr. Ein Garuun in der Nähe der Felder kündigt Veränderung an, ein Kirragon auf dem Weg gebietet Geduld, und ein Auliven, der zweimal über dasselbe Haus gleitet, gilt als Einladung zum Traum. Die Cel Hushi glauben, dass diese Tiere die Träume der Landschaft verkörpern — lebende Sinnbilder einer tieferen Ordnung, Teil desselben Gewebes wie die Träumenden selbst.
Der Traumschlinger von Kev Sura war ein Auliven, der nachts in die Siedlung einfiel und die Bewohner mit einer Art geistiger Lähmung schlug. Statt das Tier zu jagen, beriefen die Eisnar Cipen einen Traumzirkel: Vierzig Menschen wachten gemeinsam durch die Besinnung und trugen ihre Absicht in die geteilte Traumlandschaft. Was genau geschah, weiß niemand, doch am Morgen lag der Traumschlinger reglos und friedlich im Zentrum des Dorfes. Seither lebt er dort, duldet Berührungen und scheint die Bewohner zu erkennen. Die Deutung: Tiere könnten auf Muster des Bewusstseins ebenso reagieren wie auf Wind und Witterung, als dächten sie in einer Sprache, die keine Fügung braucht. Manche behaupten, er träume mit ihnen.
Keine Kinder des Barkuz
Die Urfauna zeigt keine Barkuz-Resonanz. Was sie vermag, ist Ergebnis leiblicher Anpassung, nicht des Aufstiegs. Tiere, die Resonanz zeigen — Sprünge ohne Weg, fließende Formen —, gelten als berührt und werden nicht zur Urfauna gerechnet, sondern als etwas, das zwischen die Kategorien gefallen ist. Genau an dieser Grenze streiten die Gelehrten am heftigsten, denn sie verläuft nicht zwischen zwei Arten, sondern manchmal mitten durch ein einziges Rudel.
Vermutete Urkulte
In tiefen Bergwäldern und unkartierten Hochlandzonen werden isolierte Menschengruppen vermutet, die in dauerhafter Koexistenz mit der Urfauna leben — ohne nachweisbaren Besitz, mit vollständigen mündlichen Überlieferungsketten und einem Einfluss auf das Verhalten der Tiere, den niemand erklären kann. Gesicherten Kontakt gibt es nicht, nur Reiseberichte, von denen mancher nachweislich gefälscht ist, weshalb die Jakintza Ezagutza die ganze Frage als „phantastische Ethnologie" einordnet. Doch manchmal kehren Jäger aus den Tiefenwäldern zurück und sprechen von Fußspuren, die zu groß sind für einen Menschen und zu klein für ein Tier.
Die Himmelsgleiche und die Urfauna
Mit der nahenden Himmelsgleiche mehren sich Berichte über verändertes Verhalten. Tiere, die ihre Reviere ein Leben lang nie verließen, wandern in fremde Gebiete. Wulmare, sonst Einzelgänger, versammeln sich, ohne zu kämpfen — so, wie es die alten Lieder von ihnen erzählen. Garuun-Herden ziehen in Kreisen um Orte ohne erkennbare Bedeutung, an denen Wochen später eine magische Anomalie aufbricht.
Die Lithi sagen, die Urfauna spüre das Kommende — nicht mit dem Verstand, sondern mit einem älteren Wissen, das ihr in den Knochen geschrieben steht. Die Non'Gaudener verzeichnen die Erscheinungen genau, ohne sie erklären zu können. Die Cel Hushi sehen in ihren Träumen dieselben Muster, die die Tiere am Tag gehen. Und in Auwharin erzählt man sich, der Schatten von Dornfeld sei nicht gefallen, sondern habe sich ergeben — als hätte er gewusst, dass seine Zeit vorüber war und die kommende nicht die seine sein würde.
„Sie gehorchen keinem Bann, keiner Leine, keinem Schwur. Nur der Ordnung, die sie selbst nie ausgesprochen haben."
— Eadgard Nebelwandler vom Stamme Finsterwalde, Bewahrer der Alten Pfade