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Veyn

Jenseits der Küsten von Cel Atiz und hinter den unwirtlichen Gebirgen Auwharins erstreckt sich Thala Ven'dahl - "Das Land der ewig Tiefverbundenen" - ein Reich, das die meisten Bewohner von Alweidar nur aus Legenden kennen. Die große Südwüste mit ihren geheimnisvollen Bewohnern bleibt ein fernes Rätsel – zu gefährlich die Seereise, zu lebensfeindlich das Landesinnere, zu fremd die Menschen, die dort leben.

"Ich habe die Veyn nur zweimal in meinem Leben gesehen. Das erste Mal dachte ich, es sei ein Traum. Das zweite Mal wusste ich, dass manche Träume wahr sind, aber dennoch Träume bleiben."
— Kapitän Izar Itsaslore aus Rasnal

Die Veyn – so nennen sie sich in ihrer eigenen Sprache – sind ein Volk von rätselhafter Würde und befremdlicher Distanz. Ihre wenigen Kontakte zur Außenwelt beschränken sich auf sporadische Handelsbeziehungen mit mutigen Seefahrern und die gelegentlichen Erscheinungen ihrer Botschafter, die höflich aber bestimmt jede tiefere Verbindung ablehnen.


Die unwirtlichen Grenzen eines fremden Landes

Etwa 500 Kilometer trennen die Häfen von Cel Atiz von den Landungsstellen der Veyn-Gebiete – eine Seereise von drei bis fünf Tagen bei günstigem Wind. Doch günstige Bedingungen sind selten. Unberechenbare Nebelbänke ziehen selbst bei klarem Himmel auf und rauben Sicht und Orientierung. Erfahrene Seefahrer sprechen von "Wüstennebel", der anders riecht und sich anders anfühlt als gewöhnlicher Seenebel. Tückische Strömungen treiben Schiffe vom Kurs ab und lassen sie manchmal tagelang in Kreisen treiben, während das Wetter binnen Stunden von völliger Windstille zu gefährlichen Stürmen umschlägt. Besonders die "Wüstenwinde" – heiße, trockene Luftströme aus dem Landesinneren – können Segel und Takelung zerreißen.

Die Cel Hushi-Navigatoren haben zwar Karten dieser Gewässer, doch sie scheinen sich zu verändern – was vor Jahren sicher war, kann heute zur Falle werden. Nur hochseetaugliche Schiffe sollten die Fahrt wagen, und erfahrene Navigatoren sind praktisch unverzichtbar.

Die Westküste von Thalaven'dahl, von Auwharin aus theoretisch erreichbar, bleibt durch Sandbänke, Untiefen und zermalmende Brandung praktisch unzugänglich. Die Ostküste bietet etwas bessere Möglichkeiten, aber auch hier erstrecken sich weite Abschnitte Nebelwüste – eine eigenartige Landschaft aus grobem Sand, salzigen Lagunen und rätselhaften Steinformationen, ständig in dicke Nebelschwaden gehüllt.

"Die Küste von Thalaven'dahl ist wie ein Wächter, der nicht schläft. Sie lässt nur die durch, die sie für würdig erachtet – und manchmal nicht einmal die."
— Aus dem Logbuch der "Meerestochter", Cel Hushi-Handelsgaleone


Die Ungesehenen an der Küste

Die ersten Veyn, denen Reisende begegnen, sind die sogenannten Veynun – "ich bin-nicht" oder "Ungesehenen" in ihrer eigenen Sprache. Diese Menschen haben sich in kleinen Gemeinden an der Ostküste niedergelassen und bilden die einzige verlässliche Verbindung zur Veyn-Kultur.

Sie sind unverkennbar: große, schlanke Gestalten mit tiefschwarzer Haut, die bei Sonnenlicht in bronzenen und kupfernen Tönen schimmert. Ihre Bewegungen fließen würdevoll selbst bei alltäglichen Verrichtungen. Die Gesichtszüge wirken markant und edel mit hohen Wangenknochen und ausdrucksvollen Augen in bernsteinenen oder tiefbraunen Tönen. Ihre Kleidung ist praktisch aber stets fein gearbeitet – Gewänder in Erd- und Sandtönen mit subtilen geometrischen Mustern.

Besucher berichten von befremdlichen Verhaltensweisen. Die Veynun scheinen manchmal auf Fragen zu antworten, bevor sie gestellt wurden, oder mehrere von ihnen beginnen gleichzeitig mit identischen Bewegungen, ohne sich abgesprochen zu haben. Manche Cel Hushi-Händler schwören darauf, dass die Veynun ihre Träume der vergangenen Nacht kennen.

Nalzhveyn an der Ostküste ist die größte Ansiedlung mit etwa 4.000 Einwohnern. Die Stadt liegt geschützt in einer natürlichen Bucht, umgeben von rötlichen Felsen, die bei Sonnenuntergang wie geschmolzenes Kupfer glühen. Die Architektur zeigt schlichte Eleganz – niedrige Gebäude aus hellem Sandstein mit fließenden Linien und versteckten Innenhöfen. Evalur'lir, die kleinere Schwesterstadt mit etwa 2.000 Einwohnern, liegt weiter südlich in einer weniger geschützten Bucht, ihre Bewohner noch wortkärger und in sich gekehrter. Dazu kommen kleinere Dörfer wie Unzhur'thal, Nalaven'mor und Lirleth'mave entlang der Küste.

Die Veynun leben in kleinen Familiengruppen oder losen Gemeinschaften. Ihre Gesellschaft wirkt egalitär, aber es gibt erkennbare Älteste oder Weise, die bei wichtigen Entscheidungen zu Rate gezogen werden. Besucher berichten von einem beständigen Summen, das durch die Straßen von Nalzhveyn zieht – nicht unbedingt hörbar, aber spürbar. Manche beschreiben es als kollektives Gebet, andere als geteilte Gedanken.

Ihre Handwerkskunst ist bemerkenswert. Töpferwaren zeigen hypnotisierende Muster, Textilien scheinen je nach Blickwinkel die Farbe zu wechseln, und ihre Metallarbeiten weisen eine Präzision auf, die mit den verfügbaren Werkzeugen eigentlich unmöglich sein sollte.


Phantome in der Wüste

Während die Küstenstädte für mutige Händler erreichbar sind, bleiben die großen Städte des Landesinneren reine Legende. Seit Jahrhunderten erzählen Cel Hushi-Traumwanderer von Visionen goldener Türme, die sich in der Hitze der Wüste spiegeln.

Die Cel Hushi haben drei legendären Stätten Namen gegeben: Thunisvale (Das Traumhaus) soll eine Stadt aus goldenem Sandstein sein, deren Türme bei Sonnenaufgang wie flüssiges Licht erstrahlen. Acilthana (Der Sichtort) ist die rätselhafteste aller Legenden – eine Stadt, die wandert, am Horizont erscheint und verschwindet. Cathurnath (Die Erinnerungsnacht) gilt als die älteste, erbaut aus dunklem Stein und ständig in Schatten gehüllt, selbst bei hellem Sonnenlicht.

Immer wieder haben Expeditionen versucht, diese Städte zu erreichen. Die meisten kehren nie zurück. Die wenigen Überlebenden berichten von gigantischen prähistorischen Tieren – die Ungesehenen nennen sie Thunal'kethvor oder Ziran'naleth – die das Landesinnere durchstreifen. Verwirrende Luftspiegelungen machen Navigation nahezu unmöglich, und unerklärliche Phänomene häufen sich: Träume übertragen sich auf andere, Wasser wird plötzlich zu Sand, Stimmen in fremder Sprache dringen aus leeren Dünen.

"Wir sahen die goldene Stadt drei Tage lang am Horizont. Jeden Tag schien sie näher, jeden Abend schien sie weiter. Am vierten Tag war sie verschwunden. Am fünften Tag waren wir fast tot vor Durst. Vielleicht war sie nie da. Vielleicht waren wir nie da."
— Überlebender der Egitura-Expedition, 821 WZ


Handel mit der Wüste

Trotz aller Gefahren lockt der Handel mit den Veynun immer wieder mutige Kaufleute an. Sie bieten Wüstensalz von außergewöhnlicher Reinheit – Köche schwören darauf, dass Speisen damit länger frisch bleiben. Die exotischen Tierhäute der gewaltigen Wüstentiere sind begehrt: Das Leder der Eval'zhurran-Echsen ist wasserdicht und trotzdem atmungsaktiv, die Häute der kleineren Ilra'shor-Echsen schimmern in irisierenden Farben. Seltene Harze aus Wüstenpflanzen dienen als Räucherwerk, Heilmittel oder für technische Anwendungen, und Gewürze aus den Oasen des Landesinneren besitzen Geschmäcker, die in den bekannten Ländern unbekannt sind.

Die Veynun sind an Metallwaren, Werkzeugen und manchmal an Büchern interessiert – besonders an Cel Hushi-Traumaufzeichnungen. Der Handel steckt noch in den Kinderschuhen, aber wer bereit ist, die Risiken auf sich zu nehmen, kann beträchtliche Gewinne erzielen.

In der gesamten bekannten Geschichte sind Veyn-Botschafter nur eine Handvoll Male in den anderen Ländern aufgetaucht. Diese Erscheinungen sind stets spektakulär: Die Botschafter sind noch größer und eleganter als die Veynun, ihre Haut schimmert intensiver, ihre Bewegungen haben eine fast überirdische Qualität. Sie tragen fließende Roben mit hypnotisierend komplexen geometrischen Mustern.

Ihr Auftreten folgt stets demselben Muster: Sie erscheinen unangekündigt an den Höfen der Mächtigen, überbringen eine höfliche aber bestimmte Botschaft der Ablehnung jeglicher tieferer Kontakte, und verschwinden wieder. Niemand hat je gesehen, wie sie kommen oder gehen. Die letzte bekannte Botschafter-Erscheinung ereignete sich vor etwa zwanzig Jahren am Eisnar Fanu von Rasnal, als Cel Hushi-Gelehrte eine große Expedition nach Thalaven'dahl planten.


Spannungen und Nomaden

Das Leben der Veynun ist nicht frei von Konflikten. Gelegentliche Auseinandersetzungen zwischen den Küstenstädten führen zu Handelsstörungen. Nalzhveyn und Evalur'lir haben eine komplizierte Beziehung – mal arbeiten sie zusammen, mal ignorieren sie sich völlig, manchmal kommt es zu bewaffneten Scharmützeln. Die Konflikte folgen keinem erkennbaren Muster. Ein Cel Hushi-Händler berichtete, dass ein Krieg um Fischereirechte plötzlich endete, als beide Seiten gleichzeitig denselben Traum hatten.

Manche Veynun ziehen ins Landesinnere und schließen sich nomadischen Gruppen an. Diese Wüstennomaden sind noch geheimnisvoller als ihre sesshaften Verwandten. Gelegentlich tauchen sie an der Küste auf – meist einzelne Gestalten, gezeichnet von der Wüste, aber mit einem intensiven Blick in den Augen. Sie handeln selten, sprechen noch weniger und bringen die wertvollsten Waren: seltene Mineralien aus der Tiefwüste, Federn der großen Wüstenvögel, eigenartige Objekte von hoher handwerklicher Qualität, deren Zweck niemand versteht.


Hinweise für Reisende

Eine Reise zu den Küsten von Thalaven'dahl erfordert monatelange Planung – hochseetaugliche Schiffe, erfahrene Navigatoren, ausreichende Vorräte sind unverzichtbar. Die Veynun reagieren positiv auf Höflichkeit und Respekt, aber negativ auf Aufdringlichkeit. Direkte Fragen über das Landesinnere oder die legendären Städte werden meist ignoriert. Handel läuft nach ihren Regeln ab; Hektik führt dazu, dass sich Gesprächspartner zurückziehen. Verhandlungen können Tage dauern.

Die Veynun schätzen praktische Metallwaren, besonders Werkzeuge und Waffen von guter Qualität, und zeigen Interesse an geschriebenen Werken – besonders Cel Hushi-Traumaufzeichnungen und philosophischen Texten aus Non'Gauden. Luxusgüter oder reine Zierobjekte interessieren sie wenig.

Das Landesinnere bleibt für Außenstehende praktisch unerreichbar. Wer dennoch den Versuch unternimmt, sollte sich auf eine Reise ohne Wiederkehr vorbereiten.


Das bleibende Rätsel

Thala Ven'dahl und seine Bewohner bleiben eines der großen Mysterien von Weraldiz. Ihre bewusste Isolation, ihre befremdlichen Fähigkeiten und die Unmöglichkeit, ihre wahren Städte zu erreichen, machen sie zu einer Quelle endloser Spekulationen. Manche Cel Hushi-Traumwanderer glauben, dass die Veyn in einer anderen Realitätsschicht leben, die nur gelegentlich mit der unseren in Berührung kommt. Non'Gaudener Gelehrte entwickeln komplexe Theorien über fortgeschrittene Illusionstechniken, während die Auwhariner in ihnen Überreste einer vorhimmelsgleichlichen Zivilisation sehen.

Was auch immer die Wahrheit sein mag – die Veyn haben es geschafft, in einer Welt zunehmender Verbindungen ihre Geheimnisse zu bewahren. Ob sie das auch in der Zeit der nahenden Himmelsgleiche schaffen werden, bleibt abzuwarten.

"Thalaven'dahl ist wie ein Traum, den alle träumen, aber niemand versteht. Vielleicht ist das ihre größte Weisheit – zu wissen, wann man träumen und wann man erwachen sollte."
— Eisnar Cipen Mirentxu von Rasnal