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Lithi – Spiritualität

"Du fragst, wo wir beten. Überall, wo wir stehen. Du fragst, wann. Immer, wenn wir etwas nehmen. Ihr im Süden habt Häuser für eure Götter gebaut, damit ihr wisst, wo ihr sie lassen könnt, wenn ihr hinausgeht. Wir haben keine solchen Häuser."
— Iŋgá Suovva-nieida, Älteste des Meahcci-sidd, zu einem Aus'Harringer Händler

Eine cineastische, dunkle Fantasy-Szene in einer eisigen Nachtlandschaft. Ein verwitterter Schamane kniet im Schnee, gekleidet in zerrissene Felle und primitive Kleidung. Seine Augen leuchten unnatürlich hell, während er einen Arm flehend zum Himmel erhebt. Vor ihm liegen Knochen, ein Tierschädel und blutige Opferreste im Schnee. Neben ihm liegt eine einfache Ritualtrommel. Im Hintergrund erstrecken sich dunkle Nadelwälder und schneebedeckte Berge unter einem sternklaren Himmel. Drei Monde hängen in weiter Ferne am Firmament: ein violetter dunkler Mond, ein heller Vollmond und ein blutroter Mond, der die Landschaft unheilvoll färbt. Kalter Wind bewegt Fellfransen und Schnee.

Wer aus dem Süden in ein Lithi-Lager kommt und nach der Religion dieses Volkes sucht, findet zunächst nichts. Kein Tempel steht in der Tundra, keine Priesterschaft tritt einem entgegen, und niemand kann eine Lehre aufsagen. Erst nach ein paar Tagen bemerkt der Gast, dass er die ganze Zeit hindurch mitten darin gestanden hat.

Was man im Lager sieht

Beim Aufbruch geht jemand zu dem verwitterten Stein am Rand des Lagerplatzes und legt etwas nieder – ein Stück Fett, eine Handvoll Beeren, ein Geweihstück. Niemand macht viel Aufhebens davon; es dauert nicht länger als das Anziehen der Schuhe. Der Stein ist ein Sieidi, und was man ihm gibt, gibt man dem Ort für die Zeit, die man auf ihm gelebt hat.

Beim Zerlegen eines erlegten Tieres bleiben bestimmte Teile liegen. Wer fragt, warum, bekommt zu hören, dass sie nicht dem Jäger gehören. Beim Sammeln von Kräutern spricht die Sammlerin die Pflanze an, bevor sie sie schneidet.

Fast jeder trägt etwas am Körper: ein Stück Rentierhorn mit eingekerbtem Namen, eine Schnur mit kleinen Gegenständen daran, von denen jeder für eine bestimmte Erinnerung steht. Das sind keine Schmuckstücke. Es sind Anker gegen die Vajaldahti, die Vergessenen, die man niemals ablegt.

Und wenn in der GaskaijaBesinnung das Lager erwacht, wird es nicht laut. Man sitzt beieinander, jemand summt halblaut vor sich hin, ein Kind bekommt seine Abstammung vorgesagt, drei Geschlechter zurück. Für die Lithi ist diese Stunde zwischen den beiden Schlafphasen die Zeit, in der die Toten am nächsten sind.

Der Noaidi im Lager

Jeder größere Sidd hat einen Noaidi, einen Schamanen, und im Alltag ist er der, den man bei Krankheit, bei Streit, bei einer Entscheidung, die niemand allein tragen will, holt. Er befiehlt nichts. Sein Rat wiegt schwer, aber er bindet niemanden.

Was ihn von allen anderen unterscheidet, hört man abends. Wenn die Trommel anfängt, hört das Lager auf zu reden. Der Noaidi reist dann – zu den Ahnen, zu den Bajasdolgi im Ring am Himmel, oder in jene mittlere Welt, in der die Geister der Berge und Seen wohnen. Was er von dort mitbringt, bestimmt am nächsten Morgen mit, wohin die Herde zieht.

Wenn jemand stirbt

Das Sterben fürchten die Lithi nicht besonders; es ist ein Übergang, kein Ende. Aber sie nehmen es ernst. Tagelang wird der Tote besungen, und der Joik, den man für ihn singt, ist nicht ein Lied über ihn, sondern er selbst, in Klang übersetzt – wer ihn hört, weiß danach, wie dieser Mensch gegangen ist und gelacht hat, auch wenn er ihm nie begegnet ist. Der Name des Verstorbenen wird eine Zeitlang nicht ausgesprochen, damit er auf seinem Weg nicht aufgehalten wird. Ein Jahr später kommt die Familie noch einmal zusammen und stellt fest, dass er angekommen ist.

Was ein Fremder nicht zu sehen bekommt

Vieles bleibt verschlossen. Die eigentlichen Rituale der Noaidi finden abseits statt. Der Geistername, den ein Lithi bei seiner Prüfung empfängt, wird nur dem Schamanen und den nächsten Angehörigen mitgeteilt – wer den wahren Namen eines Menschen kennt, hat Macht über ihn. Die heiligsten Orte betreten selbst die meisten Lithi in ihrem Leben nie.

Fremde Gottheiten nehmen die Lithi nicht an. Werkzeuge, Stoffe und Handelsgüter aus dem Süden schon, und gern; Gebete nicht. Ein Aus'Harringer Priester, der im Norden Anhänger sucht, wird höflich behandelt, gut bewirtet und kehrt ohne einen einzigen zurück.


Die Ordnung hinter alledem – die drei Welten Dalvebak, Saivobak und Barkuz, das Weben des Mailmmuur, die Bajasdolgi und die Vajaldahti, die Kunst der Noaidi und der Beseelten – ist ausführlich in den Inneren Wegen beschrieben.