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Lithi – Die Sidd

"Der Sidd ist mehr als Familie, mehr als Freunde, mehr als Gefährten. Der Sidd ist wie ein Körper – jeder Mensch ein Teil, jeder unersetzlich, alle gemeinsam lebend und atmend im Rhythmus der Jahreszeiten."
— Iŋgá Suovva-nieida, Älteste des Meahcci-sidd

Das Herz der Lithi-Gesellschaft

Die Sidd sind nomadische Familienverbände, verbunden durch Blutsbande, gemeinsame Geschichten und die harte Notwendigkeit des Überlebens in den eisigen Weiten des Nordens. Etwa 40.000 Lithi durchziehen die Tundra nördlich des Duottar-Gebirges, organisiert in rund 600 solcher Verbände, die meist zwischen 30 und 100 Mitglieder zählen. Sie folgen ihren Rentierherden, wechseln ihre Lager mit den Jahreszeiten und versammeln sich nur zu besonderen Anlässen.

Geführt wird ein Sidd vom Sidd-olmai und der Sidd-nisson, den ältesten und erfahrensten Mitgliedern; ihre Macht ruht nicht auf Zwang, sondern auf ihrer Fähigkeit, Einigkeit herzustellen. Wie diese Führung im Einzelnen funktioniert und wie mehrere Sidd zu gemeinsamen Entscheidungen kommen, ist unter Lithi – Führung beschrieben.

Ein Lithi stellt sich Fremden stets mit seinem persönlichen Namen vor, gefolgt vom Vater- oder Mutternamen und seiner Sidd-Zugehörigkeit. Diese dreifache Identität spiegelt wider, was für die Lithi am wichtigsten ist: das Individuum, die direkte Abstammung und die erweiterte Familie, die durch alle Stürme trägt.

Unter den Hunderten von Verbänden haben sich zehn herausgebildet, deren Namen in Geschichten und Liedern weiterleben – Gemeinschaften von etwa 120 bis über 400 Seelen, die durch besondere Fertigkeiten, spirituelle Bedeutung oder schiere Größe herausragen. Ein elfter wäre nach Größe und Einfluss dazuzuzählen, wird aber nicht dazugezählt.

Die zehn großen Sidd

Guovssahas-sidd (Nordlicht-Familie, ~300 Personen)

"Ihre Noaidi können die Nordlichter zum Tanzen bringen, und ihre Prophezeiungen sind so klar wie Wasser aus einem Bergbach."

In der nordöstlichen Tundra, wo der Himmel nachts in grünen und violetten Bändern tanzt, wandern etwa 300 Seelen des Guovssahas-sidd durch Territorien mit unverstellter Sicht auf das kosmische Schauspiel. Ihre Noaidi lesen die Nordlichter wie andere FährtenspurenFährten im Schnee – jede Windung und jedes Flackern ein Zeichen kommender Ereignisse. Blau-grüne Muster zieren die Säume ihrer Kleidung, und ihre Rentierherden schimmern in ungewöhnlich hellen Farbtönen, als hätten sie etwas vom Licht des Nachthimmels eingefangen.

In den letzten Jahrzehnten verdunkeln sich ihre Prophezeiungen. Immer öfter sprechen ihre Seher von einer Zeit, in der die Grenzen zwischen den Welten dünner werden wie Frühlingseis.

Bieggaolm-sidd (Windgeist-Familie, ~270 Personen)

"Sie reiten auf dem Wind wie andere auf Rentieren. Ihre Zelte stehen fest, selbst wenn der Sturm alles andere fortzutragen droht."

Auf den windgepeitschten Hochebenen des zentralen Gebiets, wo der Wind niemals schläft, haben etwa 270 Mitglieder des Bieggaolm-sidd gelernt, mit den Elementen zu tanzen statt gegen sie zu kämpfen. Spiralförmige Muster winden sich über ihre Kleidung und Geräte – eine Hommage an die wirbelnden Winde, die ihr Leben bestimmen. Ihre Rentiere sind so widerstandsfähig wie ihre Menschen, gebaut für endlose Märsche gegen eisige Böen.

Wie man ein Lavvu so verankert, dass es einem Winterorkan standhält, weiß niemand besser als sie, und andere Sidd reisen weit, um es zu lernen.

Gávvil-sidd (Falken-Familie, ~260 Personen)

"Ihre Augen sehen weiter als die Falken selbst. Ihre Jäger können eine Schneemaus auf hundert Schritte erspähen."

In den hügeligen Regionen, wo der Blick weit über Täler und Ebenen schweift, durchstreifen etwa 260 Jäger und ihre Familien ihr Reich mit der Geduld ihrer Namensvettern. Falkenfedern schmücken ihre Kleidung neben ockerfarbenen Akzenten, und ihre Rentiere sind für Geschwindigkeit und Ausdauer gezüchtet – gebaut für die langen Verfolgungen, die ihren Ruf begründet haben.

Wenn Nahrung knapp wird und andere Sidd hungern, sind es oft die Gávvil, die mit vollem Schlitten zurückkehren. Das macht sie in schweren Zeiten zu unverzichtbaren Verbündeten – und in guten Zeiten zu Nachbarn, deren Jagdgründe man besser nicht streift.

Duottar-sidd (Hochland-Familie, ~290 Personen)

"Sie kennen jeden Stein und jeden Pass im Duottar-Gebirge. Ihre Pfade führen dorthin, wo andere nur Felsen sehen."

Am Rand des Duottar-Gebirges, wo die Tundra in schroffe Felsen übergeht, haben etwa 290 Mitglieder des Duottar-sidd gelernt, im vertikalen Raum zu denken. Geometrische Steinmuster zieren ihre Kleidung, und Bergziegenfelle bieten zusätzlichen Schutz gegen die scharfen Winde der Höhe. Ihre kleineren Rentiere klettern über Geröllfelder und schmale Pfade, wo die großen Herden der Ebenen-Sidd nicht folgen könnten.

Als südlichste der großen Sidd kontrollieren sie die Pässe und unterhalten die meisten dauerhaften Siedlungen – darunter den Handelsposten Duottar-Várri an der Grenze zu Auwharin. Wer aus dem Süden ins Land der Lithi will, kommt an ihnen nicht vorbei.

Jiekka-sidd (Eis-Familie, ~170 Personen)

"Sie leben dort, wo selbst die Rentiere zögern. Im ewigen Eis des hohen Nordens sind sie zu Hause wie andere am warmen Feuer."

In den nördlichsten Regionen, wo Gletscher die Landschaft dominieren und die Kälte in der Lunge brennt, trotzen etwa 170 Seelen Bedingungen, die andere Lithi nur in Albträumen erleben. Ihre weiß-blauen Gewänder verschmelzen mit der eisigen Umgebung, und Schmuck aus Walross-Elfenbein zeugt von ihrer Beherrschung der gefrorenen Küstengewässer. Ihre Rentiere tragen das dickste Fell aller Lithi-Herden, gezüchtet über Generationen für ein Leben am Rand des Bewohnbaren.

Was sie über die Bewegungen des Eises wissen, hat mehr als einer Gruppe von Reisenden das Leben gerettet. In den letzten Jahren berichten sie von Mustern im Gletscher, die keinem Zyklus folgen, den ihre Großeltern kannten.

Meahcci-sidd (Wald-Familie, ~320 Personen)

"Sie verstehen die Sprache der Bäume und kennen jede Pflanze, die heilt oder nährt. Ihre Medizin ist stark wie die Wurzeln alter Kiefern."

Die südlichen Waldgebiete bergen ein grünes Geheimnis, das etwa 320 Mitglieder des Meahcci-sidd über Jahrhunderte entschlüsselt haben. Wo Birken und Kiefern die Weite unterbrechen, sammeln sie ein Wissen, das in Rinden, Wurzeln und Blättern geschrieben steht. Grüne und braune Farbtöne dominieren ihre Kleidung, durchsetzt mit Schmuck aus Holz und getrockneten Heilkräutern.

Wenn schwere Krankheiten einen Sidd heimsuchen, reisen Boten tagelang, um einen Heiler der Meahcci zu holen. Das hat einen Preis, den sie selbst tragen: Ihre besten Heilkundigen sind halbe Jahre langlange unterwegs, und die eigenen Herden gelten als die schlechtest gehüteten des Nordens.

Bassi-sidd (Heilige-Familie, ~120 Personen)

"Sie bewahren die ältesten Gesänge und die tiefsten Geheimnisse. Ihre Noaidi wandeln zwischen den Welten wie andere zwischen Sommer- und Winterlager."

Kein festes Territorium bindet die etwa 120 Seelen des Bassi-sidd – stattdessen wandern sie von heiliger Stätte zu heiliger Stätte, Hüter der spirituellen Landschaft der Lithi. Ihre Kleidung trägt komplexe symbolische Muster, deren Bedeutung nur Eingeweihte vollständig verstehen, und zahllose Amulette klirren leise bei jedem Schritt. Ihre kleineren Rentierherden zeigen oft ungewöhnliche Färbungen – weiße Flecken in seltsamen Formen, als hätte die Geisterwelt sie gezeichnet.

Ihre Noaidi hüten Rituale, die angeblich noch aus der Zeit vor dem Aufstieg der Bajasdolgi stammen. In den letzten Jahrzehnten berichten sie von Visionen, die mit jedem Jahr intensiver werden – und, was schwerer wiegt, von Visionen, die einander widersprechen. Zwei Seher desselben Sidd sehen dasselbe Ereignis und deuten es entgegengesetzt. So etwas hat es bei ihnen nie gegeben.

Rieban-sidd (Fuchs-Familie, ~170 Personen)

"Schlau wie Füchse und genauso anpassungsfähig. Sie finden Wege und Möglichkeiten, wo andere nur Hindernisse sehen."

An den Grenzen zwischen verschiedenen Landschaften, wo Tundra auf Wald trifft oder Ebene auf Gebirge, bewegen sich etwa 170 Mitglieder des Rieban-sidd mit der Geschmeidigkeit ihres Namensvetters. Rotbraune Akzente und Fuchsfellbesatz markieren ihre Kleidung, und ihre Rentiere sind vielseitige Transporttiere, gleichermaßen geeignet für lange Handelsreisen wie für schnelle Botengänge.

Anders als die Duottar, die an ihren Pässen sitzen und warten, ziehen die Rieban selbst hinaus – als Händler und Vermittler bis tief nach Auwharin hinein. Sie kennen die Sitten der Aus'Harringer, verstehen, welche Worte Brücken bauen und welche Gräben vertiefen. Genau das macht sie manchen anderen Sidd verdächtig: Wer sich bei Fremden so wohl fühlt, heißt es, bringt irgendwann mehr mit zurück als Waren.

Bákti-sidd (Felsen-Familie, ~180 Personen)

"Ihre Hände formen Stein wie andere Lehm. Ihre Werkzeuge sind die schärfsten und ihre Markierungen die dauerhaftesten."

In felsigen Regionen, wo besondere Steinarten aus dem gefrorenen Boden ragen, haben etwa 180 Mitglieder des Bákti-sidd die Kunst perfektioniert, dem härtesten Material Form und Funktion zu geben. Grau-schwarze Akzente durchziehen ihre Kleidung, und Schmuckstücke aus poliertem Stein fangen das spärliche Licht ein. Ihre kräftigen Rentiere ziehen die schweren Schlitten mit Rohmaterial und fertigen Werkzeugen zu den anderen Sidd.

Ein Steinmesser aus ihren Händen überdauert Generationen. Ihre Techniken geben sie weiter, aber nur an jene, die zu ihnen kommen und bleiben – und die Lehrzeit ist lang genug, dass die meisten es sich vorher anders überlegen.

Jávri-sidd (See-Familie, ~410 Personen)

"Sie lesen das Wasser wie andere den Himmel. Ihre Boote gleiten über Seen, wo andere nicht einmal einen Weg sehen."

Zwischen den zahllosen Seen des zentralen und südlichen Gebiets navigieren etwa 410 Mitglieder des Jávri-sidd – der größte der großen Sidd – auf einem Netz aus Wasserstraßen, die für andere Lithi unsichtbar bleiben. Wellenförmige Muster fließen über ihre Kleidung, und Schmuck aus geschnitzten Fischgräten ziert Hals und Handgelenke. Ihre Rentiere kommen mit nassen Böden und sumpfigem Gelände zurecht, wo die Herden anderer Sidd straucheln würden.

Ihre leichten Birkenrindenboote sind robust genug für stürmisches Wasser und leicht genug, um über Land getragen zu werden. Der Fischfang, den sie beherrschen, hat in mageren Jahren schon ganze Nachbarverbände über den Winter gebracht.

Der elfte, den man nicht mitzählt

Matis-sidd (Familie des Matis, ~200 Personen)

"Sie sprechen unsere Sprache mit fremdem Klang. Manche sagen, sie seien keine Lithi mehr. Ihre Großmütter sagen, sie seien es doppelt."

Im Grenzland um Nordstrand lebt der jüngste der großen Verbände, benannt nach seinem Gründer. Etwa 200 Menschen zählen sich dazu, und sie sind die einzigen, die zu großen Teilen sesshaft geworden sind – mit festen Häusern, kleinen Feldern und Ehen in beide Richtungen über die Grenze hinweg. Aus'Harringer Wörter haben sich in ihre Rede geschlichen, ihre Kleidung mischt Muster beider Seiten, und ihre Noaidi arbeiten gelegentlich neben Druiden der Alten Pfade.

Für den Handel sind sie unentbehrlich, für die Reinheit der Überlieferung ein Ärgernis. Auf den Versammlungen sitzen die Matis weit vom Feuer, und wenn Streitfragen der Tradition verhandelt werden, wiegt ihre Stimme spürbar leichter als die der anderen. Wenn die Geschichtenträger die großen Verbände aufzählen, kommen sie auf zehn – und wer nachfragt, bekommt zu hören, dass man beim Zählen niemanden vergessen habe.


Die Sidd sind keine feste Ordnung, sondern eine, die sich jedes Jahr neu herstellt: durch Heiraten zwischen den Verbänden, durch geistige Verwandtschaft zwischen Lehrer und Schüler, durch die stillen Verpflichtungen, die aus geteilten Herden und geteilten Wintern erwachsen. Wer in einen Sidd hineingeboren wird, ist damit nicht festgelegt – wer aberjedoch keinen hat, ist im Norden kaum lebensfähig.