Cel Atiz - Chronik
"Die Geschichte von Cel Atiz ist wie ein Traum, der sich selbst träumt – mal klar und deutlich, mal verschwommen und rätselhaft." — Turms, Zeitenwanderer aus Rasnal
Ich bin nach Cel Atiz gereist, um eine Chronik zu schreiben, und habe drei Monate gebraucht, um zu begreifen, dass es hier nichts zu chronologisieren gibt. Nicht, weil die Cel Hushi ihre Vergangenheit vergessen hätten – sie tragen mehr davon mit sich als jeder Aus'Harringer Barde, den ich kenne –, sondern weil sie sie nicht zählen. Wer nach dem Jahr eines Ereignisses fragt, bekommt einen Ort genannt. Wer nach einer Reihenfolge fragt, bekommt einen Weg beschrieben.
Was folgt, zerfällt deshalb in zwei ungleiche Hälften. Die erste versucht wiederzugeben, wie dieses Volk seine Vergangenheit bewahrt, ohne sie zu datieren; ich habe dort auf jede Jahreszahl verzichtet, weil jede, die ich einfügte, sich als meine eigene erwies und nicht als ihre. Die zweite beginnt dort, wo fremde Aufzeichnungen einsetzen – erst vor gut zweihundertvierzig Jahren. Man wird bemerken, dass das eine sehr kurze Zeit ist für ein Volk, das eine Hauptstadt von hundertfünfzigtausend Seelen unterhält.
Teil I – Das Lied von Cel Atiz
Was in Auwharin die Chronik ist und in Non'Gauden die Annale, ist hier ein Gesang. Die Cel Hushi nennen ihn schlicht das Lied, und keiner von ihnen kennt es ganz.
Wie das Lied gemessen wird
Es zählt nicht in Jahren, sondern in Hütern. „Neun Träumende zurück" bedeutet: neun Menschen haben diese Strophe nacheinander bewahrt, jeder sie von seinem Vorgänger empfangen und an seinen Nachfolger weitergegeben. Fragt man, wie lange das her sei, zuckt man mit den Schultern. Fragt man, wer die neun waren, bekommt man neun Namen – in der richtigen Ordnung, ohne Zögern, mit dem Ort dazu, an dem jeder von ihnen gesungen hat.
Ich habe zwei Hüterinnen unabhängig voneinander dieselbe Kette aufsagen lassen, in Vetluna und am Luruna-See, drei Wochen und hundert Wegstunden auseinander. Sie stimmten in allen Einzelheiten überein.
Wie das Lied geordnet ist
Es ist keine Zeitleiste, sondern eine Landschaft, die sich von der Küste über den Luruna-See bis in die Hügel erstreckt. An jedem Velci – jenen Orten, an denen das Taru nach ihrem Verständnis nahe an die Oberfläche drängt – hängt eine Strophe. Eine feste Reihenfolge, in der man diese Orte aufsucht oder ihre Strophen singt, gibt es nicht; jeder Hüter kennt seinen eigenen Weg durch das Lied. Das Register ist die Landschaft.
Geschrieben wird nichts, gemalt schon. In den Zirkeln hängen Taruzar, geschichtete Traumkarten, an denen über Jahre gearbeitet wird: ein Berg hier, ein Ufer dort, eine Brücke über einer Schlucht. Sie zeigen keine Ereignisse, sondern Orte – und weil an jedem Ort eine Strophe hängt, zeigen sie doch die Geschichte. Ein Fremder sieht eine Landschaft, die es nicht gibt. Ein Hüter sieht ein Inhaltsverzeichnis.
Das hat eine Folge, die mich lange beschäftigt hat: Was an einem Ort geschah, der überschwemmt, gerodet oder überbaut wurde, verliert seinen Halt im Lied. Man vergisst es nicht mit einem Mal, aber es wird seltener gesungen, dann nur noch erwähnt, dann steht es nirgends mehr. Auf den Taruzar verblasst derselbe Ort auf dieselbe Weise: Er wird bei der nächsten Schicht nicht mehr nachgezogen, bis er unter neuerer Malerei verschwindet. Die Cel Hushi finden daran nichts Beklagenswertes.
Wie das Lied geprüft wird
Bei uns entscheidet die ältere Abschrift. Hier entscheidet der Kreis. Eine Strophe gilt als richtig, wenn mehrere Träumende in einem Velani dieselben Bilder wiedererkennen – nicht dieselben Worte, wohlgemerkt, sondern dieselben Bilder. Weicht einer ab, wird nicht widersprochen, sondern gewartet und beim nächsten Zusammenkommen erneut geprüft. Erst wenn niemand außer ihm es sieht, tritt seine Fassung leise zurück.
Als ich einwandte, dass sich auf diesem Weg jeder gemeinsame Irrtum verewigen ließe, sah mich meine Gesprächspartnerin an, als hätte ich etwas Selbstverständliches ausgesprochen, und fragte, ob das bei Tinte anders sei.
Warum niemand das ganze Lied kennt
Strophen haben Eigentümer. Eine Familie am See hütet die Verse ihres Ufers, eine Küstensippe die ihres Hafens; gesungen werden sie an ihrem Ort und meist zu Chauna, dem Ahnenfest. Wer eine fremde Strophe an fremdem Ort anstimmt, begeht keinen Frevel, aber etwas Unschickliches, wie jemand, der einen Brief vorliest, der nicht an ihn gerichtet war. Es gibt in Cel Atiz keinen Menschen und keinen Ort, an dem die Vergangenheit dieses Volkes vollständig vorläge.
Die Strophen
Das Ungesungene
Das Lied beginnt mitten im Vers. Die erste Strophe, so lautet die Auskunft, wird nicht gesungen – nicht, weil sie verboten wäre, sondern weil sie niemand hat. Ob sie verlorenging oder nie bestand, darüber gehen die Meinungen auseinander, und die Frage scheint niemanden zu quälen außer mich.
Auffällig ist nur, dass das Lied dort, wo es einsetzt, bereits Menschen kennt, die einander etwas erzählen. Es beginnt nicht mit einer Schöpfung. Es beginnt mit jemandem, der zuhört.
Die Nacht der tausend Sterne
Hier, und nur hier, berühren sich ihr Lied und unsere Zeitrechnung. Sie singen von einer Nacht, in der der Himmel hell wurde wie am Mittag, und davon, dass in dieser Nacht viele denselben Traum träumten, ohne beieinander zu liegen. Wir nennen dieses Jahr das erste.
Aus jener Nacht leiten die Cel Hushi ihre Gewohnheit her, Träume am Morgen zu teilen, und aus dieser Gewohnheit alles Übrige. Was in der Nacht selbst geschah, sagt die Strophe nicht. Sie sagt, dass danach mehr Menschen träumten als vorher.
Die Küstenverse
Der längste Teil des Weges läuft am Wasser entlang. Er singt von Fischgründen, von Buchten, in denen man Boote überwintert, von Plätzen, an denen sich zweimal im Jahr Sippen trafen, um Salz gegen Steine und Netze gegen Felle zu tauschen. Es sind Verse ohne Ereignisse: kein Gründungstag, kein Beschluss, keine Übereinkunft, die sich benennen ließe. Zwei dieser Tauschplätze tragen heute die Namen Vetluna und Pupluna und zählen ihre Bewohner in Zehntausenden.
Die Verse vom See
Landeinwärts wird das Lied älter im Ton. Am Luruna-See liegen die Velci, die sie selbst für die ersten halten, und dort werden die Ahnenfeste gefeiert, an denen sich Familien gemeinsam für den Sautana öffnen – jenes Durchdringen, bei dem die Verstorbenen nicht einem Einzelnen erscheinen, sondern allen zugleich. Was ich als Religion beschreiben würde, den Cel Atismo, ist in diesen Versen keine Lehre, sondern eine Ortskunde: wo man gräbt, wo man nicht gräbt, welcher Baum wem gehört, an welchem Ufer man schweigt.
Die Verse der Fehde
Es wäre unredlich, den Eindruck eines friedlichen Volkes stehenzulassen, wie es sich heute darbietet. Das Lied kennt reichlich Streit: um Fischgründe, um Weideland, um einen Steinbruch, dessen Besitz dreimal wechselte und dreimal Tote kostete. Diese Strophen sind kurz und auffallend nüchtern. Sie nennen keine Helden, sie nennen Verluste, und sie enden meist damit, dass eine Sippe fortzog.
Wer die heutige Eintracht von Cel Atiz für ein Wesensmerkmal dieses Volkes hält, sollte diese Verse hören. Sie sind nicht wenige.
Der Vers vom leuchtenden Hügel
Am Ende des Weges, in den Hügeln, steht eine Strophe, die keiner der Hüter erklären kann. Sie beschreibt eine Erhebung im Gelände, unter der etwas liege, das nicht aus Erde sei, und rät davon ab, dort zu graben. Sie ist tief in der Kette – weiter zurück, sagte man mir, als die Namen reichen.
Ich habe gefragt, woher man wisse, dass die Strophe alt sei, wenn sich die Kette nicht bis zu ihr zurückverfolgen lasse. Man antwortete mir, sie klinge alt. Ich notiere das ohne Kommentar, weil ich, nachdem ich den Hügel gesehen habe, keinen zu geben wüsste.
Teil II – Die gezählten Jahre
Ab hier stehen Jahreszahlen, weil ab hier fremde Aufzeichnungen einsetzen. Die Cel Hushi selbst führen keine; die folgenden Daten stammen aus auwharinischen Handelsbüchern, non'gaudischen Reiseberichten und, wo unumgänglich, aus Rückrechnungen des Ordens.
Die Freilegung
589 WZ — In den Frachtlisten eines Küstenhändlers taucht die Notiz eines „leuchtenden Bauwerks" in den Hügeln des Binnenlandes auf – die erste schriftliche Erwähnung von Cel Atiz überhaupt, die nicht von Fisch, Salz oder Edelsteinen handelt.
603 WZ — Der Traumdeuter Avile Nethsra legt in eben diesen Hügeln den Eisnar Fanu frei. Was die Grabungen zutage fördern, ist kein Trümmerfeld: sieben ineinanderliegende Ringe, fugenlos gefügt, eine Kuppel aus einer Substanz, die kein Gelehrter seither hat benennen können.
605–610 WZ — Menschen aus allen Teilen des Landes machen sich zum Hügel auf. In diesen Jahren gelangen die ersten Berichte über die Eisnar Cipen nach außen – über Gestalten, die im Inneren des Komplexes leben und mit einer Stimme sprechen.
612 WZ — Um den freigelegten Komplex entsteht die erste dauerhafte Siedlung. Sie wächst innerhalb weniger Generationen zu Rasnal, und sie trägt keinen erfundenen Namen: rasnal heißt schlicht „die Mitte".
ca. 630 WZ — Erste Aufzeichnungen über den Velitasmo, eine Traumpraxis, die sich vom Cel Atismo darin unterscheidet, dass sie nicht an Orte gebunden ist. Man kann sie lernen. Man kann sie überall üben. Das ist neu.
ca. 640 WZ — Erste geregelte Handelsbeziehungen mit Auwharin: Gewürze und Edelsteine gegen Metallwaren, über die südliche Seeroute. Zuvor hatte es nur den unregelmäßigen Tausch an den Küstenplätzen gegeben.
ca. 655 WZ — Gelehrte aus Non'Gauden erreichen über die nördlichen Waldwege den Eisnar Fanu. Der Austausch bleibt begrenzt, aber er reißt seither nicht ab.
ca. 668 WZ — Der „Kodex der Blütenträume" wird abgeschlossen: der erste Versuch, die gesungenen Verse des Cel Atismo in der Svethuru festzuhalten, der Traumschrift, die es vor der Freilegung nicht gegeben hatte. Die Hüter der Küstenverse haben sich daran nicht beteiligt und tun es bis heute nicht.
650–700 WZ — Der Velitasmo breitet sich von Rasnal aus in alle größeren Siedlungen aus. Die Küstenplätze verdichten sich zu Städten; Vetluna und Pupluna erhalten in diesen Jahrzehnten ihre heutigen Namen.
671 WZ — Das „Konzil der Traumspiegelung": Velitasmo und Cel Atismo treten erstmals förmlich zusammen, um ihre Praktiken gegeneinander abzugleichen.
698 WZ — Der „Kristallene Codex" wird fertiggestellt, eine Sammlung der Velitasmo-Grundsätze und der Aussprüche der Eisnar Cipen.
712 WZ — Die „Große Befriedung". Die letzten Sippenfehden – jene, von denen die Verse der Fehde singen – enden, teils durch Übereinkunft, teils dadurch, dass die Streitenden in die wachsenden Städte abwandern. Aus dieser Zeit stammen die Resonanzkreise, das Verfahren, mit dem Cel Atiz seine Konflikte bis heute löst.
Das Wachsen
734 WZ — Die „Samtenen Wege" öffnen sich: Der Handel mit Auwharin und Non'Gauden weitet sich aus, und mit den Waren beginnt ein Austausch, der die Grenzen zwischen den Völkern sanft durchweicht.
750–800 WZ — Die „Goldene Zeit der Künste". Die Ästhetik, für die Cel Atiz heute in ganz Alweidar bekannt ist – die überscharfen Farben, die verschachtelten Harmonien – entsteht in dieser Zeit.
764 WZ — In Rasnal treten die ersten Velani öffentlich zusammen und nehmen auf, wer Traumresonanz zeigt, statt wer verwandt ist. Gemeinsames Träumen hört auf, eine Sache der Familien zu sein.
782 WZ — Das „Fest der Tausend Farben" wird erstmals gefeiert, gleichzeitig in allen Städten. Seither wiederholt es sich alle sieben Jahre; das nächste fällt auf 845 WZ, und in Pupluna wird bereits dafür gefärbt.
Gegenwärtige Epoche
800 WZ — Atreyan Veslin kehrt nach sieben Jahren in der Wildnis nach Vetluna zurück und berichtet von Begegnungen mit Wesen im Taru, mit denen sich nicht nur in Bildern, sondern in Worten verkehren lasse. Aus diesen Berichten wird der Cel Marish.
810–830 WZ — Die „Zeit der Erweiterten Träume": Der Cel Marish verbreitet sich als eigene Praxis innerhalb des Velitasmo, vor allem unter Jüngeren.
832 WZ — In Vetluna wird der erste förmliche Velsnach gegründet, ein Gesprächszirkel des Cel Marish.
835 WZ — Verstärkte Nordlichter über dem Luruna-See lösen eine Welle ungewöhnlich lebhafter Träume aus. Die „Puial Acasri", die Pilgerschaften der Traumbrücken, beginnen.
838 WZ — Der Handel mit Auwharin und Non'Gauden erreicht einen bisher unbekannten Umfang; Cel-Hushi-Gewürze und -Edelsteine sind in allen Ländern Alweidars begehrt.
840 WZ — Das „Konzil der Harmonischen Zukunft": Die Eisnar Cipen sprechen erstmals seit Jahrzehnten in längerer öffentlicher Ansprache und deuten auf eine nahende „Zeit der Veränderung" hin.
843 WZ — Gegenwart. Die Traumphänomene häufen sich, die Velsnach-Zirkel arbeiten fieberhaft, und die zweite Himmelsgleiche wirft ihre Schatten voraus.
Bedeutsame Gestalten
Die Cel Hushi ehren ihre Toten nicht mit Standbildern oder Gedenktagen, sondern mit Liedern und Bildern, die deren Wesen bewahren sollen. Die folgenden vier sind jene, nach denen ein Fremder mit einiger Aussicht auf Antwort fragen kann.
Thanasa vom Salzufer (so viele Träumende zurück, dass die Kette abreißt)
Keine Lebensdaten, kein Ort außer dem, an dem sie sang. Ihr wird die Bindung des Liedes an die Orte zugeschrieben – der Einfall, die Verse nicht als Zeitleiste zu bewahren, sondern jede an dem Ort zu verankern, an dem sie liegt. Ob es sie gab, ist unter den Hütern selbst umstritten; unstrittig ist, dass jede Kette, die man aufsagen lässt, bei ihrem Namen endet.
„Frag den Ort, nicht das Jahr. Der Ort ist noch da." — Thanasa vom Salzufer, zugeschrieben
Avile Nethsra (578–612 WZ)
Ein Traumdeuter aus dem Luruna-Gebiet, dessen Leben eine Folge wiederkehrender Träume vollständig umwarf – sie führten ihn in die Hügel und zum verschütteten Eisnar Fanu, den er 603 WZ freilegte. Die neun Jahre, die ihm blieben, verbrachte er im Komplex. Er gilt als der erste Mensch, der den Eisnar Cipen begegnete, wobei die Überlieferungen darüber, was diese Begegnung war, weit auseinandergehen.
Velia Harmoniesucherin (680–714 WZ)
Vermittlerin, die über zwei Jahrzehnte zwischen den letzten verfeindeten Sippen hin- und herreiste und dabei ein Netz von Beziehungen knüpfte, das die Große Befriedung überhaupt erst möglich machte. Auf sie gehen die Resonanzkreise zurück, jenes Verfahren, in dem nicht Recht gesprochen, sondern eine Lösung gesucht wird, die beide Bedürfnisse trägt.
„Harmonie ist nicht die Abwesenheit von Unterschieden, sondern die Balance zwischen ihnen." — Velia Harmoniesucherin
Atreyan Veslin (783–820 WZ)
Ging mit zehn Jahren in die Wildnis, blieb sieben Jahre und kehrte mit einem ausgearbeiteten Verfahren der Traumkommunikation zurück – dem Cel Marish. Seine Techniken vertieften die Traumarbeit und öffneten Wege, die vorher niemand beschrieben hatte. Sein Tod wird in den Überlieferungen nicht als Ende erzählt, sondern als „Übergang in den dauernden Traumzustand"; die Zirkel, die seine Arbeit fortsetzten, gründeten den ersten Velsnach zwölf Jahre danach.
Resonantes Fragment
Das folgende Gedicht wird traditionell beim „Fest der Tausend Farben" rezitiert. Die Übersetzung kann die vielschichtigen Bedeutungen und klanglichen Qualitäten des Originals nur unvollkommen wiedergeben.
Träume weben durch die Zeit
Fäden aus vergangenem Licht
Was war und ist und kommen wird
Tanzt im ewigen Gewicht
Die drei Augen werden schauen
Wenn der Ring sich öffnen will
Verborgenes wieder sichtbar
Lange Trennung wird dann still
Kinder eines alten Liedes
Hört den Klang, der euch erschuf
In eurem Blut die alte Weisheit
In euren Träumen ihren Ruf
Zusammengestellt von Bruder Eneko Oroimen-Etxea, Orden des Spiegels, Auwharin, 841 WZ