Weraldiz – Die Himmelsgleiche
Die seltene Ausrichtung, auf die Weraldiz seit Jahrhunderten blickt
„Wenn die Augen des Himmels sich in großer Stille öffnen, werden die Himmlischen Heerscharen durchscheinen und jene erkennen, die wahrhaft in ihrem Licht wandeln. Doch was geschieht mit jenen, die im Schatten stehen, wenn alle Schatten verschwinden?"
— Prophezeiung aus den Heiligen Lehren, Orden der Lampe
Das Ereignis
Im Jahr 876 WZ werden sich die Himmelskörper von Weraldiz in einer Linie ordnen, wie es seit Beginn der Zeitrechnung nur einmal geschah: die zweite Himmelsgleiche. Dagaz und Kaldaz, die drei wahren Monde, die Ringführer und Barkuz treten dann in jene seltene Ausrichtung, die der Zeitrechnung ihren Anfang gab.
Die erste Himmelsgleiche gab dem Jahr 1 WZ seinen Namen und der Geschichtsschreibung ihren Anfang. In Auwharin heißt sie der „Aufstieg der Himmlischen Heerscharen", bei den Lithi der „Aufstieg der Bajasdolgi". Beide Überlieferungen setzen andere Akzente und bewahren Lücken.
Draupnaz – der Unbekannte: Ob der rötlich schimmernde Wanderer zur Himmelsgleiche überhaupt am Himmel steht, weiß niemand. Erscheint er, werden alle Berechnungen zu Vermutungen; seine Anwesenheit könnte jede Erwartung ins Unvorstellbare verstärken oder in ihr Gegenteil verkehren.
Gegenwärtige Vorzeichen (843 WZ)
Bereits jetzt, 33 Jahre vor dem Ereignis, mehren sich vereinzelte Zeichen. Inara und Velka zeigen kleine Unregelmäßigkeiten, wie sie selbst uralte Aufzeichnungen kaum verzeichnen: An manchen Tagen weichen ihre Umlaufzeiten geringfügig ab, ihre Helligkeit flackert gelegentlich. Uhren, die seit Jahrhunderten auf ihren Zyklen beruhen, geraten gelegentlich aus dem Takt.
„Die himmlischen Hirten tanzen einen Tanz, den sie nie zuvor getanzt haben. Es ist, als würden sie sich auf etwas vorbereiten – oder vor etwas fliehen."
— Sternenseher Haritz Begiztari
Die Schattenruhe beginnt vereinzelt, selten öfter als einmal im Monat, etwas früher oder später als erwartet. Ihre Verdunkelung schwankt statt der gewohnten siebzig Prozent zwischen etwa sechzig und achtzig. Für einen Wimpernschlag mischt sich zuweilen ein Hauch Grün oder Violett in das silbrig-blaue Licht. Auch Ringerscheinungen und Nordlichter werden an Orten gemeldet, an denen man sie sonst nicht kennt.
Auch die Monde regen sich, wenn auch kaum merklich. Hwīlô erzeugt geringfügig stärkere Gezeiten, und vereinzelt werden neue Kraterbildungen gemeldet – ob als tatsächliche Veränderung oder als Beobachtungsfehler, darüber streiten die Sternwarten noch. Marōną verfärbt sich minimal bläulicher, seine Kraft auf Nadel und Kristall hat spürbar, doch nicht dramatisch zugenommen, und magische Kristalle antworten mitunter etwas heftiger auf seine Phasen als gewohnt. Draupnaz zeigt sich unberechenbarer als sonst – vereinzelte Rotverfärbungen, kleinere Bahnabweichungen und gelegentliche Erscheinungen, für die auch erfahrene Himmelsbeobachter noch keine rechten Worte gefunden haben.
Die Völker und ihre Deutungen
Auwharin – Himmlische Prüfung
Die Kirche sieht die Himmelsgleiche als göttliche Prüfung, die wahren Glauben von hohlen Worten trennen wird. Der Orden der Lampe bereitet große Pilgerfahrten zu heiligen Stätten vor, während der Orden des Schildes für den Fall einer leiblichen Gefahr rüstet. Draupnaz gilt ihnen als „Blutrotes Zeichen" – ein Bote der Himmlischen Heerscharen, dessen Erscheinen Gnade wie Gericht bedeuten kann.
Non'Gauden – Wissenschaftliche Herausforderung
Die Gelehrten von Non'Gauden errichten Sternwarten und verfeinern ihre Messinstrumente. Sie vergleichen Beobachtungen über weite Entfernungen und bauen Uhren, die nicht allein von den Ringführern abhängen. Draupnaz ist für sie „Kaosa Txikia" (Kleines Chaos) – ein Rätsel, das gelöst werden will, kein Grund zur Furcht.
Erek Noan – Geisterruf und Verwandlung
Bei den Lithi heißt die nahende Zeit Áiggi Guovddáš, die Zeit des Geisterrufs. Kein Datum steht dabei im Vordergrund, sondern die zunehmenden Lichter, die Veränderungen im Ring und Träume, die klarer werden. Manche Noaidi halten den Ruf für längst begonnen; andere warten auf die Ausrichtung selbst. Draupnaz verehren sie als „Johtti Dolla" (Wanderndes Feuer) – eine lebendige Brücke zwischen den Welten, deren Erscheinen die Tore zu den Geistern weit aufstoßen könnte.
Cel Atiz – Harmonie und Bewusstsein
Die Cel Hushi betrachten die Himmelsgleiche weniger als Bedrohung oder Prüfung denn als Einladung zur gemeinsamen Wandlung. In Traumzirkeln geben sie den wiederkehrenden Bildern und Stimmungen Raum. Draupnaz ist ihnen Manna Rixna, der immer neue Mond: ein Zeichen, das keine Vorhersage duldet.
"Die Himmelsgleiche ist nicht etwas, das wir fürchten oder kontrollieren müssen – sie ist ein natürlicher Rhythmus, den wir in unsere Träume, unsere Kunst und unser Leben aufnehmen sollten."
— Cel Marish-Meister
Veyn – Das Schweigen der Küste
Was die Ungesehenen von der Himmelsgleiche wissen, verraten sie kaum. Cel Hushi-Händler, die seit Jahren mit Nalzhveyn und Evalur'lir handeln, berichten von einer spürbaren Unruhe, seit sich die Vorzeichen mehren – gedämpfte Gespräche, die verstummen, sobald Fremde näherkommen, vermehrte stille Rituale bei Einbruch der Ringfinsternis, ein Wort, das immer wieder fällt: ilravor, „das ewige Sehen". Aus dem Landesinneren, wo die eigentlichen Städte der Veyn liegen sollen, ist seit Jahren kein Botschafter mehr an die Küste gekommen. Ob die Veynun das Ereignis fürchten oder ersehnen, lässt sich von außen nicht sagen – nur, dass sie es erwarten, als wäre es längst überfällig.
Erwartete Phänomene
Die Gelehrten erwarten das Ereignis zwischen dem 23. und 25. Tag des Austwindaz, des achten Monats. Ihre Berechnungen bleiben jedoch unsicher, weil Draupnaz keinen festen Zyklus kennt. In den Szenarien reichen die Folgen von ungewöhnlichen Gezeiten und Wetterumschwüngen bis zu einem Verlust der gewohnten Regelmäßigkeit der Schattenruhe.
Auch das Leben scheint zu antworten. Schlafzyklen verschieben sich, Tierwanderungen folgen neuen Wegen, und Berichte über verstärkte geistige Fähigkeiten häufen sich: spontane Gedankenberührung zwischen eng verbundenen Menschen, das Aufblühen geistesformender Begabungen, prophetische Visionen von verstörender Klarheit. Manche Gelehrte halten sogar vorübergehende gemeinschaftliche Geisteszustände für möglich, in denen ganze Dörfer kurzzeitig dieselben Gedanken teilen. Ob darin Vorzeichen liegen oder ob Menschen in unruhigen Zeiten anders auf das Gewöhnliche achten, bleibt umstritten.
Mögliche Zukünfte
Drei Szenarien beherrschen die Gespräche der Gelehrten und die Visionen der Seher.
Harmonische Wandlung verspricht wissenschaftliche Durchbrüche und ein gewachsenes gemeinschaftliches Bewusstsein. Wer die neu verstandenen kosmischen Kräfte zu nutzen lernt, dem stünden Werke offen, die heute niemand bauen kann – die Optimisten sprechen von einer friedlichen Annäherung der Völker und einer zweiten Geburt der Zivilisation.
Zusammenbruch zeichnet ein düstereres Bild: dauerhafte Ringinstabilität, Verlust der regelmäßigen Schattenruhe, unberechenbare Wetterlagen, die Landwirtschaft und Handel zerstören. Im schlimmsten Fall löschen Gezeiten ganze Küstenregionen aus und Beben schreiben die Umrisse der Kontinente neu.
Wirklichkeitsverschiebung ist das rätselhafteste Szenario: Durchbrüche zu anderen Ebenen, dauerhaft erhöhte magische Dichte, verändertes Zeitgefühl und veränderte Wahrnehmung. Manche glauben, es wiederhole sich schlicht, was schon einmal geschah – ein Aufstieg neuer Wesen und ein Umbruch, der alte Überlieferungen zur Gegenwart macht.
Vorbereitungen
Über alle Deutungen hinweg treffen die Völker ähnliche Vorkehrungen: Vorräte werden geprüft, Gebäude auf wechselndes Licht vorbereitet und Beobachtungen weitergegeben. In Schulen, Tempeln, Sippen und Lernzentren nimmt die Himmelskunde mehr Raum ein.
Am weitesten gehen dabei die Non'Gaudener, deren Agrarbotaniker bereits Anbaumethoden für veränderte Lichtzyklen erproben und deren Kuriersysteme so gebaut werden, dass sie ohne verlässliche Uhren funktionieren. Was in dreiunddreißig Jahren tatsächlich gebraucht wird, weiß niemand – aber niemand will derjenige sein, der es versäumt hat.
„Die Himmelsgleiche ist wie ein Spiegel, den das Universum uns vorhält. Was wir sehen werden, hängt ebenso sehr von uns selbst ab wie von den Sternen. Und sollte Draupnaz erscheinen, dann werden alle Vorhersagen zu Staub, und ein neues Kapitel der Welt wird geschrieben."
— Velthur Traumwandler, Cel Marish-Meister aus Rasnal